orlando beweist, dass wir gay pride mehr denn je brauchen

Orlando erinnert uns daran, dass das öffentliche Feiern von Homo-Sein, in all seinen Facetten, immer noch ein gewaltiger Akt der Courage ist—und ein riesengroßes „Fickt euch“ an alle Bigotten auf der Welt.

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Juni 14 2016, 9:30am

Einige der besten Nächte meines Lebens habe ich in Schwulenclubs verbracht. Wie Millionen queerer Kids auf der ganzen Welt auch, habe ich sie bewusst besucht, um vor den Vorurteilen der Welt zu fliehen. In diesen verschwitzten Tempeln der Akzeptanz konnte ich frei tanzen, Gleichgesinnte treffen und meine Identität wirklich feiern—ohne Angst vor Gewalt oder Vorurteilen haben zu müssen. Für mich und Millionen anderer können diese safe spaces sprichwörtlich Leben retten. Das hat sich Sonntag geändert, als der 29-Jährige Omar Mateen den Schwulen-Nachtclub Pulse in Orlando mit der einzigen Absicht stürmte: So viele Schwule wie nur möglich umzubringen. Er hatte Erfolg. 50 Leute starben und weitere 53 Clubgänger wurden verletzt und schweben noch in Lebensgefahr. Es ist das tödlichste Massaker in der amerikanischen Geschichte und gleichzeitig der größte Terrorakt in dem Land seit dem 11. September 2001. Der IS behauptet in einer durch seine Amaq Nachrichtenagentur verbreiteten Stellungnahme, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Es sind Berichte aufgetaucht, nach denen der Attentäter in einem Telefonat seinen Schwur der Organisation gegenüber erklärt haben soll. Was genau seine Motive waren, wissen wir noch nicht, aber eines steht zweifelsohne fest: Die Motivation dahinter war Hass.

Doch die wirkliche Überraschung war, dass die Mainstream-Medien sich weigern, es als das zu benennen, was es ist: ein Hassverbrechen. Diese Erfahrung musste der britische Autor und Schwulenaktivist Owen Jones Sonntagabend machen, als er in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender Sky News zum Prügelknaben gemacht wurde. Der Autor und Journalist wies darauf hin, dass landesweite Medien den Kontext dieser Schreckenstat in ihrer Berichterstattung herunterspielen: „Das war eines der schlimmsten Verbrechen gegen LGBT-Menschen im Westen seit Generationen". Die Antwort darauf war: „Das wurde doch gegen Menschen begannen, oder? Einigen wir uns darauf, dass man nicht sagen kann, dass dieses Massaker nicht schlimmer ist als das in Paris." Jones wurde sichtlich verärgert und entgegnete: „Sie können das nicht verstehen, weil sie nicht schwul sind." Eine Meinung, die im Internet zum großen Teil geteilt wird. Lola Okolosie, ebenfalls Autorin, hat das Problem dabei prägnant zusammengefasst: „Das Wir-sind-doch-alle-Menschen-Argument ist der erste Schritt, meine spezifischen Erfahrungen zu leugnen. Und es ist nur ein anderer Weg, um zu sagen: Haltet die Klappe." Für Schwulenaktivisten auf der ganzen Welt fühlte sich die ganze Debatte wie ein Schlag ins Gesicht an, die ihre berechtigten Sorgen zum Schweigen bringen sollte.

Orlando erinnert uns daran, dass das öffentliche Feiern von Homo-Sein, in all seinen Facetten, immer noch ein gewaltiger Akt der Courage ist—und ein riesengroßes „Fickt euch" an alle Bigotten auf der Welt.

Das war—unbestreitbar—ein gezielter Anschlag auf eine Minderheit und diesen Kontext in der Berichterstattung nicht zu erwähnen, wie es viele Mainstream-Medien getan haben, grenzt an Zensur. Leider sieht es wohl so aus, dass die LGBT-Community zur Zielscheibe wird. Nur Stunden nach Orlando wurde ein Mann mit Waffen und Munition festgenommen. Er soll auf dem Weg zum CSD in Los Angeles gewesen sein. Für viele war es eine brutale Erinnerung daran, dass viele queere Menschen überall auf der Welt lebendige Zielscheiben sind. Schmerzlich wurden wir daran erinnert, dass es da draußen Leute gibt, die uns tot sehen wollen, nur weil wir schwul sind. Das Massaker zeigt überdeutlich, wie wichtig die CSD-Paraden sind. In einem Artikel, den Matador Network vor ein paar Tagen veröffentlicht hat, werden unsere Hetero-Verbündeten daran erinnert, dass „der erste CSD ein Aufstand gegen die Polizei war" und gezeigt, wie wichtig diese Veranstaltungen als Ort für queere Leute sind, „um die Erfolge zu feiern und die Verluste der Community zu betrauern". Nur drei Tage später und die Worte des Autors hallen sehr laut nach. Orlando erinnert uns daran, dass das öffentliche Feiern von Homo-Sein, in all seinen Facetten, immer noch ein gewaltiger Akt der Courage ist—und ein riesengroßes „Fickt euch" an alle Bigotten auf der Welt. Ernüchternd muss man feststellen, dass das viele von uns vergessen haben oder selbstgefällig wurden. In den Berichten über die CSD-Paraden in den letzten Jahren wurde sich hauptsächlich auf deren Kommerzialisierung konzentriert: Ein klares Zeichen, dass viele der queeren Millenials fälschlicherweise angenommen haben, dass sich der Kampf um gleiche Reichte erledigt hat.

Nach Paris war #PrayingforParis, nach Beirut war #PrayingforBeirut, aktuell beten wir alle online für Orlando, #PrayingforOrlando,—es ist ein Versuch, uns solidarisch zu zeigen. Dieses Ausmaß an Solidarität im Internet ist toll. Die Frage ist aber viel mehr, was wir aktiv tun können, um unsere Unterstützung zu zeigen. Sind Gebete wirklich genug? Die Trans-Autorin und -Aktivistin Paris Lees war schnell dabei, die sinnlosen Waffengesetze der USA dafür verantwortlich zu machen und twitterte: „'Es passiert auch an anderen Orten.' Wisst ihr, wie oft der britische Premierminister eine Rede nach einem Massaker gehalten hat? Null. Obama? 17." Ihre Worte waren leidenschaftlich, aber sie hatte einen Punkt. Diese Massaker passieren mit alarmierender Regelmäßigkeit in den USA und die fehlende Waffenkontrolle ist ein offensichtlicher Grund. In Amerika leben 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, doch die USA stehen für fast die Hälfte an von Zivilisten begangenen Waffendelikten. Es muss sich etwas ändern.

Die Mainstream-Medien haben bewiesen, dass sie bereit sind, schwule Stimmen ihrer Macht zu berauben, wenn sie über ein Hassverbrechen diskutieren, das gezielt Mitglieder ihrer eigenen Community getroffen hat.

An dieser Stelle ist es wichtig, zu betonen, dass Solidarität die Antwort auf diese Gewalt ist—und nicht Hass. Viele haben in ihren Statements darauf hingewiesen, dass dieses Ereignis Donald Trump zweifelsohne dabei helfen wird, seiner islamophoben Präsidentschaft näherzukommen. Der Artikel „Ich bin ein Schwulenaktivist und nach Orlando werde ich Trump wählen" ging viral. Das Problem dabei ist, dass Trump offen rassistisch ist. Partei für ihn zu ergreifen, bedeutet, sich für die Angst zu entscheiden, Homophobie durch Islamophobie zu ersetzen. In dem Artikel des Guardian „Queere Muslime existieren … Und wir trauern auch" wird die Stimmungslage unter queeren Muslimen auf den Punkt gebracht: Dass sie Angst vor Vergeltungsaktionen haben. Muslimische Aktivistengruppen müssen sich für die Taten von Terroristen entschuldigen und der Welt versichern, dass der Islam eine friedfertige Religion ist, damit die unschuldigen Muslime, die einfach nur ihrem alltäglichen Leben nachgehen wollen, nicht darunter leiden." Es ist nicht die Aufgabe von queeren Muslimen, sich für diese Tat zu entschuldigen, das ist nicht die Aufgabe einer ganzen Religion, sondern das war die Tat „eines kriminellen, fehlgeleiteten Muslimen", die dazu führt, dass „eine ganze Religion und ihre Anhänger unter Generalverdacht gestellt werden." Wenn du Trump vor diesem Massaker nicht zugestimmt hast, dann lass es nicht zu, dass es als Katalysator wirkt und du eine Meinung änderst. Es wäre überstürzt und durch Angst ausgelöst.

Dieses Massaker hat mehrere Wahrheiten ans Licht gebracht und keine davon ist besonders schön. Die Mainstream-Medien haben bewiesen, dass sie bereit sind, schwule Stimmen ihrer Macht zu berauben, wenn sie über ein Hassverbrechen diskutieren, das gezielt Mitglieder ihrer eigenen Community getroffen hat. Das Paradox zeigt sich auch in der Behandlung der Opfer: Leute kämpfen in den Krankenhäusern immer noch ums Überleben und brauchen dringend Blutspenden. Doch Gesetze hindern schwule und bisexuelle Männer daran, selbst Blut zu spenden, es sei denn sie haben die letzten zwölf Monaten keinen Sex gehabt. Es gibt natürlich andere Wege, um zu helfen. Durch einen Online-Spendenaufruf sind bereits fast drei Millionen Dollar Spenden für die Opfer und ihre Familien gesammelt worden. Überall auf der Welt finden Mahnwachen statt, um den Getöteten zu gedenken und Solidarität zu zeigen. Das Wichtigste, was man als queere Person jetzt machen kann: Lebt eure so Leben so weiter wie bisher und gebt nicht der Angst nach. Nicht erwähnt werden muss, dass die Waffengesetze überprüft werden müssen; dass queere Stimmen weiterhin gehört werden; dass heterosexuellen Autoren nicht erlaubt werden darf, dieses Ereignis als ein Ereignis umzuschreiben, das uns „alle angeht"; und dass Donald Trumps Präsidentschaftskampagne durch die Taten eines homophoben Radikalen nicht an Auftrieb gewinnen darf. Der erste CSD wurde durch eine Polizeirazzia ausgelöst. 40 Jahre später und aus den CSD-Paraden sind gigantische internationale Events geworden, die größtenteils ohne Zwischenfälle ablaufen. Wir befinden uns in einer privilegierteren Lage als die Stonewall-Aktivsten der ersten Stunden, die den Weg für die Akzeptanz unserer Generation geschaffen haben, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es heutzutage immer noch viel Hass gibt und wie viel Arbeit immer noch vor uns liegt.

Credits


Text: Jacob Hall
Foto: Benjamin Alexander Huseby 
Styling: Thom Murphy
Haare: Justin Fieldgate verwendet Bumble and Bumble
Stylingassistenz: Leeds
Models: Adam and Richard
The Youth Issue, No. 271, November 2006