Kissing on the Highway, Queens, NY, 1980

Das nackte und ungezügelte New York der 70er

Fotografin Arlene Gottfried hat das Leben in New York vor der AIDS-Epidemie dokumentiert.

von Sarah Moroz
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26 Januar 2016, 1:55pm

Kissing on the Highway, Queens, NY, 1980

Die in New York geborene Fotografin Arlene Gottfried hat das Leben in ihrer Heimatstadt in den 70ern und 80ern in Schwarz-weiß-Aufnahmen festgehalten. Sie dokumentierte eine FKK-freundliche und unangepasste Metropole mit echten Persönlichkeiten vor dem Ausbruch der AIDS-Epidemie. Ihre Arbeiten sind so vielfältig wie New York selbst: unterschiedliche Viertel, Ethnien, Altersgruppen und Neigungen.


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Tagsüber arbeitete Arlene Gottfried als Fotografin für eine Werbeagentur. Ihrer wahren Leidenschaft konnte sie sich nach dem Feierabend und am Wochenende widmen: Sie fotografierte so ziemlich alles - angefangen vom Rockaway Beach über den Brazilian Carneval im Waldorf-Astoria ("eine tolle Tanzveranstaltung"), den Times Square, den Roseland Ballroom (als es auch noch wirklich ein Ballsaal war), Disco-Partys („wild und lustig"), die Halloween-Parade, Harlem, Block-Partys auf der Lower East Side und den Big Apple Circus.

Nachdem im letzten Jahr in der Kölner Dependance der Hardhitta Gallery die Fotos der Amerikanerin im Zuge von These Days gezeigt wurden, kann man jetzt in der Pariser Les Douches La Galerie im Rahmen der Ausstellung Sometimes Overwhelming eine Auswahl ihrer Werke bestaunen. Wir sprachen mit der Fotografin über ihre Lieblingsecken in New York, ihre digitale Zurückhaltung und wie das New York der 70er war.

Das hedonistische Gefühl scheint im heutigen New York weitestgehend verloren gegangen zu sein. Hast du danach bewusst gesucht?
Das war eine ganze andere Zeit. Es war einfach da. Ich habe die Orte besucht, die mich interessiert haben: die Paraden, den FKK-Strand in Queens und Coney Islands.

Kanntest du die Leute, die du fotografiert hast?
Eine von ihnen ist meine Mutter. Der muskulöse Typ [Angel & Woman on Boardwalk at in Brighton Beach, 1976] war mein Nachbar in Brooklyn. Es gab viele Bekannte unter ihnen, aber auch Leute, die ich zufällig getroffen habe.

Und am FKK-Strand von Riis Beach, hat es den Leute nichts ausgemacht, fotografiert zu werden?
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Es hat keinem etwas ausgemacht. Jeder war wirklich entspannt.

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Plötzlich tauchte der orthodoxe Jude auf der Strandpromenade auf und die Leute schauten hoch. Es war ein heißer Sommertag und er trug nur Schwarz. Alle andere sind entweder nackt oder tragen Badebekleidung. Dann kommt dieser andere Mann auf mich zu und sagt zu mir: „Fotografiere mich auch, ich bin auch jüdisch" [lacht]. So ist das Bild entstanden.

Bist du nostalgisch?
Auf eine gewisse Art und Weise, ja. Ich weiß sehr genau, wann und wo ich die Fotos gemacht habe. Ich bin herumgereist. Ich habe Staten Island geliebt. Bevor es die Brücke gab, musste man die Fähre nehmen und es war wie eine Reise in die Vergangenheit. Es hat sich wie eine beliebige amerikanische Stadt angefühlt, nicht wie New York.

Deine Fotos sind mutiger als viele Arbeiten, die städtisches Leben festhalten. Wie wurden sie damals aufgenommen?
Die Leute sagten damals - und ich hasse diese Wörter - Dinge wie "schräg", "anders" oder "komisch". Für mich sind sie das nicht. Es sind einfach Leute, die das tun, was sie eben tun. Wenn man sie dann alle zusammen sieht, ergibt sich eine Mischung aus ganz unterschiedlichen Leuten, was auch so gemeint ist. Für jemanden, der die Welt noch nie so wahrgenommen hat, können die Fotos Ungewohntes abbilden – viele unterschiedliche Leute, die unterschiedliche Dinge tun.

Wie hast du deine Vision verwirklicht?
Ich habe am FIT [Fashion Institute for Technology] einen zweijährigen Fotografiekurs besucht. Wir hatten Kurse über die Arbeit im Fotostudio, die Beleuchtung. Außerdem haben wir gelernt, wie man entwickelt und druckt. Es gab nicht viel Unterricht in Kunstgeschichte, also habe ich nicht wirklich mehr über andere Fotografen erfahren.

Nach meinem Abschluss habe ich dann als Assistentin von Fotografen in deren Studios gearbeitet. Damals gab es noch sehr wenig Fotografinnen. Das lag daran, dass allgemein angenommen wurde, dass Frauen die Lichttechnik nicht heben und bewegen konnten. Ich habe dann schließlich einen Job in der Werbung bekommen. Als der Typ eine Position über mir kündigte, hatte ich einen festen Job. Wir haben alles fotografiert: von Zigarettenpackungen über Alkoholverpackungen bis hin zu Leuten. Was auch immer sie verlangt haben. So lief es damals in der Fotografie. Ein Fotograf hat alles gemacht und nicht nur eine Sache: angefangen vom Fotografieren eines Glases bis hin zu einem Fashion-Shoot. Du musstest dein Handwerk beherrschen und in der Lage sein, eine ganze Bandbreite bedienen.

Wie fotografierst du heute?
Ich hasse digital, wenn du das meinst. Also ich hasse es nicht wirklich. Man kann tolle Dinge damit tun. Ich bin nur altmodisch. Ich habe Schwierigkeiten damit umzugehen. Es ist einfach nicht dasselbe.

Benutzt du dein Handy oder fotografierst du nur mit einer Kamera?
Ich habe nicht mal ein Marken-Handy.

Ist das Code dafür, dass du ein Klapphandy hast?
Ich habe ein Klapphandy. Nur wenige haben so was noch und die sind für gewöhnlich genauso alt wie ich.

Hast du ein Studio?
Ich habe eins in der Gegend, wo ich lebe: Westbeth, die Künstlerwohnungen im West Village. Das bekannte Haus wurde 1971 eröffnet.

Besuchst du immer noch unterschiedliche Viertel in New York?
Nicht mehr so oft. Die Welt hat sich verändert. Ich finde es nicht mehr spannend. Ich mache hin und wieder noch Fotos. Mein aktuelles Buch trägt den Titel Mommie.

Die Texte in dem Buch sind genauso bewegend wie die Bilder. Mein Lieblings-Bildunterschrift ist mit der Mutter am Telefon und sie schreit "Hör auf damit, so viele Bilder zu machen! Man Ray hat nur ein paar gemacht!".
Das ist ein Fakt! Einmal haben wir eine Dokumentation auf PBS geschaut und sie sagten "Der hat überhaupt nicht fotografiert".

arlenegottfried.com

Alle Fotos: © Arlene Gottfried / Courtesy Les Douches la Galerie

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