noah baumbach über „frances ha“, adam driver und über erwartungen an 20-jährige

Gefühlt Mitte Zwanzig kommt am 30. Juli in die deutschen Kinos. Wir trafen den Drehbuchautoren, Regisseur und Produzenten vorab zum Interview.

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03 Juli 2015, 9:45am

Er sieht aus wie Adrien Brody: dieselben Augenbrauen und das grüblerische Gesicht. Nicht-Cineasten, und ich denke, dass man das mit Fug und Recht behaupten kann, kennen den Namen Noah Baumbach nur von seinem perfekten Film Frances Ha aus dem Jahr 2012. Eine schwarz-weiße Annäherung daran, was es bedeutet, 27 zu sein - sich sehr oft lächerlich fühlen und das Gefühl zu haben, dass man sein Leben mittlerweile im Griff haben sollte. Noah Baumbachs Freundin Greta Gerwig, die auch die Hauptrolle spielt, hat mit ihm am Drehbuch geschrieben. Der neue Film des Pärchens (Mistress America) soll im Herbst erscheinen.

Die Liste von Leuten, mit denen Noah Baumbach zusammengearbeitet hat, ist beeindruckend lang und es ist verrückt, dass er nicht so bekannt ist wie sein Kollege Wes Anderson. Noah Baumbach ist das Alltags-Alter Ego des Grand Budapest Hotel-Regisseurs. Beide haben an mehreren Filmen gemeinsam gearbeitet, einschließlich Der fantastische Mr. Fox und Die Tiefseetaucher. Nun kommt sein neuer Film Gefühlte Mitte Zwanzig in die deutschen Kinos und alle sind dabei: Adam Driver, Lena Dunham und Greta, und so ziemlich jeder andere, der berühmt ist. 

Der Lebensabschnitt - Mitte bis Ende Zwanzig -, der so fantastisch in Frances Ha dargestellt wird, spielt auch wieder in diesem Meisterwerk eine Rolle. Adam Driver und Amanda Seyfried spielen Jamie und Darby, ein Hipster-Pärchen, das Hüte trägt, eigenes Eis macht und zu Verabredungen auf Inlineskates kommt. Ihre Mitbewohnerin (gespielt von Dree Hemingway) tut nichts in ihrem Leben und hängt nur ab. Um diesen entspannten Lebensstil werden sie vom Paar Josh und Cornelia (Ben Stiller und Naomi Watts) beneidet, die beide über 40 sind. Deren altersgerechte Freunde spielen am Sonntag Rotwein trinkend Scharade und gehen auf total verrückte Sachen wie Mutter-Babymusik-Sessions. Das ältere Pärchen verknallt sich ins jüngere Pärchen und daraus entsteht so etwas wie eine kollektive Mid-Life-Krise. Der Film ist ein cleverer Kommentar darauf, was es bedeutet, jung zu sein, aber auch was es bedeutet, nicht mehr jung zu sein. Das führt dann zu einer Gruppen-Ayahuasca-Zeremonie, bei der jeder eine psychedelische Pflanze isst, Yoga-Sportsachen trägt und seine Dämonen mal so richtig schön in einen Eimer kotzen darf.

Wir trafen Noah Baumbach und sprachen mit ihm über den Film.

Wie viel vom Film ist autobiografisch?
Nichts im Film ist autobiografisch. Der Film ist persönlich, aber nicht autobiografisch.

Adam und Amandas Charaktere sind Leute im Alter zwischen 20 und 30 und führen angeblich ein sorgenfreies, beneidenswertes Leben. Es wird ja gerne gesagt, dass man in diesem Alter Fehler machen darf. Was hat diese Zeit bei dir geprägt?
Ich habe diese Zeit wahrscheinlich komplett damit verbracht, mir Sorgen darüber zu machen, dass ich zu alt bin und das stimmt auch auf gewisse Weise für Bens Charakter. Ich habe mit dieser Idee gespielt. Er trifft auf Leute, die diese Zeit scheinbar wirklich genießen und es richtig machen. Das scheint für ihn inspirierend zu sein. Zu diesem Zeitpunkt fühlt er sich so, als ob er seine Vierziger nicht richtig lebt. Aber im Laufe des Films stellt sich heraus, dass es teilweise nur seine Projektion auf diese beiden ist. Nichts ist so sorgenfrei, wie es erscheint.

Glaubst du, dass das Gefühl und diese Zweifel, ob man es richtig macht, jemals verschwinden?
Hoffentlich werden sie im Laufe der Zeit schwächer, aber wahrscheinlich verschwinden sie nie ganz. Vielleicht tut es das für einige Leute, wenn man für mal für einen Moment aus dem normalen Trott kommt. Es ist ein tragisches Gefühl von uns, dass wir uns Sorgen darüber machen, ob wir dieses Leben richtig oder falsch leben.

Bens Charakter sucht immer nach der Wahrheit. Ist es dir wichtig, eine wahre Geschichte zu erzählen?
Nein. Ich nehme an, dass ich nach etwas suche, das sich emotional und psychologisch wahr anfühlt, aber nicht wirklich wahr ist. Auch wenn ein Film depressiv oder traurig ist, soll er etwas darstellen, das sich wahr anfühlt, weil es dann erlösend ist. Wenn ein Film nur depressiv oder traurig ist, wird man wütend, weil man denkt ‚Das ist nicht fair, wieso muss ich mir das angucken?'. Aber es fühlt sich auf einer Ebene wahr an und man fühlt sich hinterher gut, auch wenn es eine intensive Erfahrung war.

Hat der Film deswegen ein Happy End?
Der Film ist eine Komödie und ich habe ihm eine traditionelle Komödienstruktur gegeben. In den 1930ern und 1940ern hatten Komödien etwas von Shakespeare. Die Komödien fingen mit Leuten an, die verheiratet oder zusammen waren, all diese Umwege nehmen, um am Ende wieder zueinander zu finden. Ich wollte das in ein modernes Setting transportieren.

Woher stammt die Idee zu der Ayahuasca-Zeremonie?
Beobachtungen. Ich habe bemerkt, dass viele Leute Ayahuasca ausprobieren. Als ich mit dem Drehbuch anfing, praktizierten es noch nicht so viele wie heute. Aber ich fand es spannend und dachte, dass die Szene aus einer erzählerischen Sicht Spaß machen kann: Eine Zeremonie, in der die inneren Dämonen oder eine tiefere Wahrheit erforscht werden sollen, aber diese Zeremonie im Film zu nutzen, um diese Dämonen oder tieferen Wahrheiten der Charakter hervor zubringen,

Hast du eine Lieblingsszene? Hast du überhaupt Lieblingsszenen in deinen Filmen?
Was die Schauspieler mit einem Film machen, finde ich spannend. Es gibt viele Momente, die ich gut finde. Ich mag es, Leute zu beobachten. Die Szene mit Adam und Ben auf der Park Avenue, in der Adam ihn auf das Pitch-Meeting mit dem Hedge-Fund-Typen vorbereitet. Ich mag es einfach, sie in New York zu sehen, weil es das echte New York ist, wir haben das nicht inszeniert. Wir haben sie einfach auf der Straße gefilmt. Darauf war ich stolz, weil wir die Stadt sehen wie es ist und unsere kleine Inszenierung darin aufführen konnten. 

Es gibt so einen Hype um Adam Driver. Was fasziniert dich an ihm?  
Adam sprach für Frances Ha vor. Ich glaube, ich habe das erste Mal ein Tape von ihm gesehen, bevor Girls im Fernsehen lief. Ich wusste, dass er da mitspielt, weil ich Lena kenne. Er war einfach so gut und so interessant. Dadurch, dass ich ihn gecastet habe, konnte ich mehr Sinn in die Beziehung zwischen ihm und Ben bringen. Ich vollführte auch immer einen Drahtseilakt, weil es einerseits lustig ist, dass Ben in diese jungen Leute vernarrt ist, aber ich wollte Ben nicht vorführen. Der Zuschauer soll das Interesse daran behalten, was ihn so sehr an Jamie fasziniert. Adam ist so überzeugend, dass er der Rolle echte Glaubwürdigkeit verleiht. So albern wie es auch zugeht, man bleibt an Jamie und Bens Geschichten interessiert.

Es gibt ein paar Szenen im Film über das Schauen von Filmen. Wie schaust du am liebsten Filme?
In einem Kino, aber mit so wenigen Leuten, die rascheln oder sprechen, wie möglich. Am besten wäre natürlich mein eigener Saal. Ich mag es, Filme mit anderen zu schauen, aber auch alleine - beides hat seine Vorteile. Alleine bekommt man fast das Gefühl, dass es nur für einen selbst passiert. Bei jedem Film läuft es letztlich auf diese Erfahrung hinaus, weil Freunde in den Schneideraum kommen, wenn ich den Film zum ersten Mal Leuten zeige. Ich schaue mir den Film mit ihnen an, sitze auf einer Couch und kann nicht anders, als über die Schulter zu blicken und zu sehen, ob sie lachen oder nicht. Ich will wissen, ob die Witze funktionieren.

Gefühlt Mitte Zwanzig kommt am 30. Juli in die deutschen Kinos.

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Credits


Text: Sarah Raphael