der ultimative festival-fotograf und seine visionen

John Kilars Fotos zeigen die schönen Seiten der manchmal nicht ganz so schönen Szenen - von kleinen Veranstaltungen bis hin zu den großen Festivals wie Coachella.

von Courtney Iseman
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19 September 2016, 1:05pm

John Kilar spricht über seine Fotografie so, wie manch ein anderer über seinen Instagram-Account. „Ich habe dieses Verlangen verspürt, meine Arbeiten mit der Welt zu teilen. Meine Visionen, meine Erfahrungen", beschreibt er seinen Weg zur Fotografie. Der Unterschied zwischen Kilars Fotos und unseren wohlsortierten Feeds ist aber, dass er erstens mittlerweile zum Profi-Fotografen geworden ist und zweitens ein angeborenes Talent dafür hat, Momente einzufangen, die nicht auf traditionelle Weise „schön", aber dennoch ziemlich beeindruckend sind. Von Teenagern mit extremem Körperschmuck am Venice Beach bis hin zu einer engelsgleichen Charlotte Free—Kilars Schnappschüsse fassen die Vielfalt des amerikanischen Lebens perfekt zusammen. 

Kilars bisheriger Weg war spontan und komplett ungeplant. Wie er selbst sagt, sucht er sich nicht schon im Vorhinein Motive oder Veranstaltungen aus und hat auch kein bestimmtes Bild im Kopf, bevor er anfängt, zu fotografieren. Er fängt bereits seit fünf Jahren besondere Momente ein und lichtet ab, auf wen oder was er unterwegs trifft. „In meinen Arbeiten spiegle ich das alltägliche Leben wieder. Ich versuche, jeden Tag neue Wirklichkeiten zu erleben."

Durch Kilars „Wirklichkeiten" können die Betrachter Einblicke in völlig neue Welten gewinnen, weil er auf seinen Fotos oft Szenen aus Veranstaltungen von Randgruppen oder Subkulturen zeigt. „Ich bin besessen von Gegenkulturen", sagt er. „Es geht um alles, was anders ist. Ich versuche, alle Weirdos zu finden und lasse mich dann einfach mitreißen." 

Am Venice Beach hat Kilar seinen Rückzugsort, L.A. ist seine Komfortzone. Er erklärt sich seine Liebe für die Stadt mit einer Liebe für den Strand, die Kunst, die verrückten Gestalten und das, was von der Gemeinschaft noch übrig ist. Auch die künstlerischen Möglichkeiten und den vielen Gelegenheiten, mit anderen talentierten Künstlern zusammenzuarbeiten, reizen ihn. „Man spürt den Konkurrenzkampf in L.A. schon, aber ich will damit eigentlich nichts zu tun haben, deswegen begebe ich mich lieber in die Natur. Bin ich dann aber in der Natur, zieht es mich wieder zurück in die Stadt, wo ich mich mit anderen Künstlern austauschen und gemeinsame Projekte machen kann. Ich brauche dieses Gleichgewicht zwischen der Stadt und der Natur." Kilar sagt, er glaubt, dass genau dieses Gleichgewicht einen großartigen Künstler ausmachen kann.

Aus diesem Grund führt der Fotograf einen nomadischen Lebensstil. „Ich bin den Großteil meines materiellen Besitzes losgeworden und habe mich frei gemacht, damit ich reisen kann, wann und wohin ich will." Über das Gefühl, zu wissen, wann es Zeit ist, weiterzuziehen, und wohin es gehen könnte, sagt er „Ich spüre es einfach, ich werde irgendwie unruhig. Ich reise zum Beispiel irgendwo hin und entscheide, dass ich länger dort bleiben will, um das Lebensgefühl vor Ort wirklich kennen zu lernen. Oder ich stelle plötzlich fest, dass ich an einen Ort will, an dem ich noch nie gewesen bin. Oder, dass ich dorthin möchte, wo meine Freunde sind. Es kommt immer auf den Augenblick an." Bisher hat es ihm besonders gut in New Orleans, Hawaii und der nordwestlichen Region Nordkaliforniens, Oregon und Washington gefallen. Als nächstes hat er vor, weitere mittlere Staaten der USA und die vielen Nationalparks zu bereisen. 

Die Natur zählt zu seinen größten inspirationen und Kilar liebt es, alleine durch unbekannte Landschaften zu streifen—und seine fotografischen Dokumentationen dieser Ausflüge sind beeindruckend. Am meisten fühlen sich die Leute jedoch von seinen Porträts angesprochen. Seine Motive reichen von Mitgliedern diverser Gemeinden bis hin zu den vielen Obdachlosen in L.A. Manchmal sind auf seinen Fotos seine Freunde zu sehen und manchmal auch einfach nur die Leute, die an ihm vorbeigehen. „Ich benutze eine 35mm Kompaktkamera", sagt er. „Ich habe eine Methode entwickelt, mit der ich innerhalb von einer halben Sekunde ein Foto schießen kann. Ich bin wie ein Ninja." Sein Ansatz ist manchmal ein „Angriff aus dem Nichts", manchmal fotografiert er aber auch erst, nachdem er sich mit einem potenziellen neuen Motiv unterhalten hat.

Festivals sind eine wahre Goldgrube außergewöhnlicher Individuen. Auf vielen seiner Fotos dokumentiert Kilar die Szene und fängt die einzigartige Atmosphäre ein, wenn Tausende von unterschiedlichen Leuten an einem Ort unter freiem Himmel zusammenkommen, um gemeinsam Musik zu hören und zu feiern. Kilar beschreibt seine Umgebung an solchen Wochenenden als „optisch beeindruckendes" Spektakel und berichtet von „einem großartigen Gemeinschaftsgefühl, guter Stimmung und positiver Energie—die Leute haben einfach Spaß und sind ausgelassen." Kilar findet, dass die großen, kommerziellen Festivals diesen Zauber nicht mehr haben und besucht daher lieber kleinere Veranstaltungen. Die an unterschiedlichen Orten stattfindenden „Rainbow Gatherings", die sowohl für Frieden, Liebe und Zufriedenheit als auch für ihre dunkleren Seiten berühmt-berüchtigt sind, zählen zu Kilars Lieblings-Events. Sie haben ihre besondere Atmosphäre beibehalten, und auch das Burning Man Festival besucht er jedes Jahr einfach wegen der vielen verrückt verkleideten Leute. 

Die Kulisse bei Festivals vereint außerdem Kilars größte Inspirationen und die Hauptmotive seiner Arbeiten: Sowohl die Natur als auch die Gegenkultur. Seine Fotos sind eindrucksvolle Kompositionen von gesellschaftlichen Außenseitern vor natürlichen Landschaften. In Zukunft möchte sich Kilar in seinen Arbeiten noch stärker auf die Natur konzentrieren und plant, zu reisen und sich „tiefgründigeren Projekten zu widmen, die einen Wandel in der Umwelt bewirken könnten." Er hofft, dass seine Fotos in den Betrachtern ein ähnliches Verlangen auslösen. Mit seinen Arbeiten möchte er „die Leute dazu inspirieren, ihre eigenen, kleinen, sicheren Blasen zu verlassen, zu vertrauen, verletzbar zu sein und alles zu erleben, was das Leben zu bieten hat. Passt euch nicht einfach gesellschaftlichen Normen an; macht etwas schönes. Hinterfragt mehr, erlebt mehr." 

johnkilar.com
instagram.com/johnkilar

Credits


Text: Courtney Iseman
Fotos: John Kilar

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