Anzeige

transgender model pari roehi über weiblichkeit

Wir trafen die hübsche Iranerin Pari Roehi zum Interview und ließen uns erklären, warum sie sich nie als echte Frau bezeichnen würde.

von Alexandra Bondi de Antoni
|
22 April 2015, 10:45am

In der aktuellen Vogue ist ein Artikel über das Transgendermodel Andreja Pejic erschienen, in dem die Australierin erklärt, dass Leute in der Branche ihr davon abgeraten hatten, sich umwandeln zu lassen, weil sie sonst nicht mehr speziell wäre. In dem Feature macht sie klar, dass es ihr nicht darum ginge, besonders, sondern einfach sie selbst zu sein. Andreja war das erste offene Transmodel, das alle großen Shows der Welt gelaufen ist, bevor sie sich letztes Jahr ganz umwandeln ließ und ihren männlichen Namen ablegte. 

Die Diskussion über mehr Vielfalt im Modelbusiness hat gerade einen Höhepunkt erreicht und noch niemals zuvor wurde so viel über dieses Thema diskutiert. Agenturen legen das Label Plus-Size ab, Frankreich verbietet ungesund dünne Models, Designer buchen mehr und mehr nicht-weiße Mädchen und der Begriff der Männlichkeit wird durch die immer größere Anzahl an Transgender-Models und einem breiteren Spektrum an Typen neu definiert. Langsam, aber sicher scheint sich doch etwas in der Modewelt zu verändern. 

Was auf internationalem Parkett immer mehr gang und gäbe wird, sickert jedoch nur langsam auch nach Deutschland durch. Transgender sorgt bei vielen immer noch für ein großes Fragezeichen auf dem Kopf. Ändern könnte das jedoch Pari Roehi, die durch ihr öffentliches Outing bei Germany's Next Topmodel ins Licht der Öffentlichkeit rückte und durch ihren offenen Umgang mit ihrer Sexualität versucht, dieses Thema zu entmystifizieren. Wir haben die hübsche Iranerin und ihren Hund Balou in ihrer Wohnung in Berlin besucht und sprachen mit ihr über die Beziehung zu ihrem heterosexuellen Freund, wie sie mit Menschen umgeht, die ihr nicht mit Respekt begegnen, und warum sie sich nie als eine echte Frau bezeichnen würde. 

Wie war deine Kindheit?
Ich wurde im Iran geboren. Als ich vier Jahre alt war, ist meine Mutter mit meinem Bruder und mir in die Niederlande ausgewandert. Mit 13 habe ich die Entscheidung getroffen, mich umwandeln zu lassen. Ich kann mich noch erinnern - ich war vielleicht drei oder vier - wie ich den Lippenstift meiner Mutter aufgetragen und High Heels angezogen habe. Ohne Einflüsse von außen habe ich diese Dinge getan. Im Iran gibt es getrennte Kindergärten für Jungen und Mädchen. An einem meiner ersten Tage haben sie mich herausgeworfen, weil ich zu den Mädchen gegangen bin und deren Sachen angezogen habe. Ich konnte mich nie mit typischem Männerkram identifizieren. Meine Eltern gehen sehr offen mit dem ganzen Thema um. Meine Mutter war immer auf meiner Seite und meinte nur: „Mädchen, wenn du dich pink anziehen willst, dann zieh' dich pink an."

Wie steht der Islam zu Transgender?
Meine Familie ist nicht wirklich religiös. Wir sind sehr offen und nicht verschlossen. Ich würde uns eher als spirituell bezeichnen. Transsexualität ist weitgehend akzeptierte. Iraner billigen diese Entscheidung. Sie akzeptieren keine Homosexualität, aber Trans ist etwas anderes. Sie denken, dass Gott einen Fehler gemacht hat und wir es ändern können. Das ist auch ein großes Problem, da viele Homosexuelle sich umoperieren lassen, nur um ihre Sexualität frei ausleben zu können. Du wirst respektiert, weil du all deine Rechte und Vorzüge, die du als Mann hast, aufgibst.

Wann und wie hast du dich gegenüber deiner Mutter geoutet?
Ich habe mich nie wirklich geoutet. Sie hat es irgendwann einfach gemerkt. In der Schule hatte ich viele Probleme. Ich wurde gemobbt und habe einfach nicht dazu gepasst. Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch nicht, was passiert und warum es passiert. Ich habe in einem komischen 50/50-Zustand gelebt. Eines Tages - ich war vielleicht 11 Jahre alt - stürmte sie in mein Zimmer und schrie mich an, dass ich mich entscheiden müsste, da sie nicht mehr mit dieser Situation leben könne. Es hat dann noch einige Jahre gebraucht, bis ich wirklich sicher war. Mit 17 habe ich die Hormontherapie begonnen. In diesem Alter kümmert man sich nicht viel um männlich oder weiblich - du willst einfach nur du selbst sein.

Du wusstest also am Anfang nicht genau, was weiblich und männlich ist?
Nein, mit 11 Jahren denkst du doch gar nicht an so 'was. Du bist einfach, wer du bist. Auch wenn du nicht weißt, wer genau. Ich habe erst Anfang 20 begonnen, sexuell aktiv zu werden. Mir war das alles zu viel. Ich hatte keinen Freund und wollte auch keinen Sex haben, weil ich mich zuerst selber kennenlernen musste und ich wissen musste, ob ich weiblich oder männlich bin. Aber das ist etwas, was die Gesellschaft schwer akzeptiert. Man muss sich entscheiden. Ich sehe mich weiblich. Ich würde mich jedoch nie mit einer biologischen Frau vergleichen. Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor ihnen, ihrer Stärke und ihrer Möglichkeit, Kinder zu bekommen. Es gibt nichts zu vergleichen. Von außen schaue ich vielleicht so aus, aber innen drinnen bin ich einfach nur ich.

Aber wie hast du dann herausgefunden, was weiblich und männlich ist, beziehungsweise dass du weiblich bist? Vor allem da du deine Umwandlung in der Pubertät durchgezogen hast.
Ich habe viel gelesen, war beim Psychologen und habe mich informiert. Aber ich habe die männliche Pubertät einfach ausgelassen. Ich hab sie übersprungen, da ich mit 17 begann, die weiblichen Hormone zu nehmen. Dann habe ich ein Jahr lang als Frau gelebt. Das muss man tun, um die Operation bewilligt zu bekommen. Das war das schwierigste, da ich in dieser Zeit in der Oberstufe war. Es war purer Terror. Ich war zu groß, meine Hände und Füße waren riesig und ich hab nicht dazugehört. Für die anderen Schüler war ich das komische, schwule Kind. Ich hab mich immer dagegen gewehrt. Ich war nicht schwul, ich war eines der Mädchen. Ich habe nie mit ihnen geredet, weil ich wusste, dass sie es sowieso nicht verstehen würden. Aber meine Lehrer waren großartig und haben mich bei allem unterstützt. Abgesehen davon begann ich mit 15 zu modeln und hatte die Chance, um die Welt zu fliegen und verrückte Menschen kennenzulernen, denen meine Sexualität einfach egal war. Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein bin und es etwas ganz Normales ist. Die Leute, die es nicht verstehen, sind die, die komisch sind. Meine große Operation hatte ich dann mit 19 Jahren. Je älter ich werde, desto mehr akzeptiere ich mich und desto mehr wird einem alles andere egal.

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?
Ich kann keine Babys bekommen und werde nie die Periode haben - das wäre das ganze Paket. Ich konnte mir so viele Sachen aussuchen und ich habe bewusst Entscheidungen getroffen, die biologische Frauen nicht treffen können. Ich habe mir dieses Leben ausgesucht und bin sehr glücklich.

Was hat es mit dem Reisverschluss-Tattoo auf sich?
Es ist ein Zeichen für meine Umwandlung. Ich hatte einen Traum, dass ich meine alte Hülle aufzippe und der Unterarm war ein passender Platz dafür.

Wo hast du deinen Freund kennengelernt?
In einem Club. Also ich nach Berlin gekommen bin, war ich nur feiern. Jetzt bin ich brav geworden. Aber ja, eines Abends stand er vor mit, wir haben uns sofort gut verstanden und den ganzen Abend nur geredet. Er hat mich dann nach Hause gebracht und dann hat sich alles entwickelt.

Wann hast du ihm gesagt, dass du Trans bist? 
Zwei Wochen nachdem wir einander kennengelernt haben. Er war überhaupt nicht schockiert. Für ihn war es klar. Ich war sein Mädchen und Punkt. Wahrscheinlich wäre es schwieriger gewesen, wenn ich mir meiner Sexualität nicht sicher gewesen wäre, aber er ist ein heterosexueller Typ, der sich in ein hübsches Girl verknallt hat. Das war vor 3 Jahren.

Denkst du, dass das Modelbusiness vielfältig genug ist?
Eindeutig nein. Die Modelindustrie ist verrückt. Sie sucht sich immer ihre Lieblinge aus und dann zwei Saisonen später interessiert sich niemand mehr für diese Mädchen. Sich auf ein, zwei Modeltypen zu konzentrieren, heißt nicht vielfältig zu sein. Wir brauchen mehr von allem. Wir in der Modebranche müssen darauf achten, dass es eine Vielfalt gibt und dass diese Vielfalt zur Normalität wird.

Haben dich jemals Leute ohne Respekt behandelt?
Ja, das ist schon manchmal vorgekommen. Niemanden sollte es interessieren, was man in der Hose hat. Ich behandle dich mit Respekt und so solltest du das auch tun.

Was würdest du einem jungen Menschen raten, der sich seiner Sexualität nicht sicher ist?
Du bist nicht alleine. Wir sind alle im selben Boot. 

@pariroehi

Credits


Fotos: Patrick Desbrosses
Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni