mode als gelebte praxis statt als theorie

Es reicht einfach nicht mehr aus, nur Kleidung zu entwerfen. Um aus der Masse herauszustechen, müssen Designer eine Welt erfinden, in die sich die Leute buchstäblich einkaufen können.

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Feb. 16 2016, 4:05pm

Courtesy grace wales bonner

Die Modeindustrie verändert sich und niemand weiß so recht, was Neues kommen wird. Und wie. Ist der Laufsteg tot? Sind die Modewochen zu groß? Sind die Modemagazine am Sterben? Wozu gibt es überhaupt noch Kritiker? Ist alles einfach zu schnell? Leidet darunter die Kreativität? Es gibt viele Fragen, aber kaum Antworten. Die Nabelschau und die Selbstgeißelung haben begonnen, als Raf Dior verließ und Alber Elbaz bei Lanvin gehen musste. Das System hat sich kaputt angefühlt und was noch schlimmer war: Niemand weiß wirklich, wie es repariert werden kann. Das war bis letzte Woche, als Burberry, Tom Ford und Vetements bekanntgaben, dass sich vom bisherigen Fashionweek-Rhythmus lösen und dass die Kollektionen zukünftig zeitnah im Handel erhältlich sein werden.


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„Der Modezyklus hat für die Frustration gesorgt", hat Demna Gvasalia in einem Interview mit BoF die neue Strategie erklärt. In dem Interview gab der Designer bekannt, dass die Vetements-Show nicht mehr während der Pariser Prêt-à-porter-Woche stattfinden, sondern dass es stattdessen eine separate Show geben würde. „Der kreative Prozess und die Produktionsseite waren nicht synchron, genauso wenig die Anforderungen an die Anzahl der Kleidungsstücke pro Kollektion", erklärte der Designer weiter. „Das ganze System funktioniert einfach nicht mehr. Das Hamsterrad dreht sich immer schneller und tötet die Kreativität und das Geschäft." Vetements ist erst vor drei Saisons gestartet. Dass so ein junges Avantgarde-Label den Mut hat, sich vom Korsett des starren Modewochenkalenders zu befreien, sagt schon an sich viel darüber aus, wie kaputt das System ist.

Vetements verkörpert den Zeitgeist des rebellischen Pariser Undergrounds. Unterstützt wird das Label dabei von Talenten und den kreativen Visionen von Leuten wie der Stylistin Lotta Volkova, DJ Clara 3000 und Fotograf Pierre-Ange Carlotti. Inspiriert wurden sie von der Kleidung—nicht Mode—, die sie im Alltag gesehen haben, oder besser gesagt im Nachtleben. Was Demna und das Kollektiv erschaffen hat, ist nicht nur eine neue Silhouette, nicht nur ein weiteres angesagtes junges Modelabel, sondern eine ästhetische Bewegung. Der Kunde kann Teil dieser Bewegung werden, indem er nicht nur die Kleidung des Labels kauft, sondern auch in dem er sich die Sets von DJ Clara 3000 anhört, dem Tumblr-Blog von Pierre-Ange Carlotti folgt oder das Vetements-Buch zur Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 kauft. Es ist ein Lifestyle geworden, eine eigene (Marken-)Welt.

Das Pariser Designkollektiv ist nur das jüngste in einer langen Liste von Labels, die den rebellischen Underground-Style in High Fashion übersetzt haben. Diese Linie reicht zurück bis zu Vivienne Westwoods Punks in den Achtzigern, Helmut Lang oder Raf Simons. Diese Designer erschaffen etwas, das wie aus dem Nichts zu kommen scheint und unsere ästhetischen Vorlieben verändert. Aus den Outfits des Undergrounds werden Objekte, die jeder einfach haben muss. Das Neue heute ist, dass Designer nicht nur unsere ästhetischen Vorlieben verändern, sondern gleichzeitig auch unsere Einkaufsgewohnheiten.

Vetements' Entscheidung ist vielleicht der erste Sargnagel für das alte System, auch wenn es viele junge Labels davor gegeben hat, die die Grenzen des bestehenden Systems ausgetestet haben. Die Londoner Modeszene wendet sich immer mehr von den traditionellen Catwalk-Shows ab und präsentiert ihre künstlerischen Ergebnisse in Form von Präsentationen. Auch wenn diese Präsentationen immer noch im Rhythmus des Schauenplans stattfinden, so ermöglicht dieser langsamere, intimere und ganzheitliche Ansatz den Journalisten, Stylisten und Einkäufern einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt des Designers. Viele der herausragenden Londoner Fashionshows waren Präsentationen: von Cottweiler bis Grace Wales Bonner, von Claire Barrow bis Christopher Shannon, von Charles Jeffrey bis Faustine Steinmetz.

Die Präsentation ist das genaue Gegenteil von Fast Fashion: langsam und wohlüberlegt. Betrachter haben die Möglichkeit, die Ästhetik zu bewundern und sich in ihr zu laben. Die Stärke dieser Form liegt in ihrer Menschlichkeit, sie ist ein Schritt weg vom aufgeblasenen Spektakel des Catwalks. Wenn du in einer Welt, die voll mit bedeutungslosem Geschnatter ist, etwas zu sagen hast, dann kann dir die Präsentation dabei helfen, deine Ideen und Gedanken prominent zu platzieren. Ob es Grace Wales Bonners Spiel mit schwarzer Maskulinität und postkolonialer Geschichte, Christopher Shannons Interpretationen von aktuellen Codes britischer Straßengangs, Charles Jeffreys Hommage an das elektrisierende und eklektische britische Nachtleben oder Cottweilers Vision von zeitgenössischer, organischer Streetwear ist, all diesen komplexen visuellen Welten wurde Raum zum Atmen gegeben. Ihnen wurde die Chance eingeräumt, dass sie außerhalb des Vakuums Laufsteg existieren können.

Es gibt so viel Mode heutzutage, so viele Schauen, Kollektionen, Pre-Kollektionen. Es reicht einfach nicht mehr aus, nur Kleidung zu entwerfen. Um aus der Masse herauszustechen, muss du eine Welt erfinden, in die sich die Leute buchstäblich einkaufen können. Daher sind wahrscheinlich so viele Marken gerade auf der Suche nach anderen, intensiveren Möglichkeiten der Kundeninteraktion.

Jonathan Anderson hat gerade seine sogenannten Workshops im Londoner ACE Hotel eröffnet. Ein erfrischend neuer Ansatz für einen Flagship Store in einem Zeitalter, in dem Flagship Stores nicht länger aus Stein und Mörtel bestehen, sondern durch das Aussehen ihrer Website definiert werden. In den laufenden Workshops wird es Kollaborationen mit gleichgesinnten Kreativen geben. Den Anfang macht der spanische Magazinmacher Luis Venegas mit dem Projekt The Rain in Spain Stays Mainly in The Plain (ein Spiel mit dem englischen Titel von „Es grünt so grün" ). Zu Tim Blanks, jetzt bei BoF, sagte der Designer: „Wir leben heute nicht mehr in einer Luxuswelt, sondern in einer Kulturwelt, für die wir neue Erfahrungen kreieren müssen."

Das könnte als Slogan über seiner Tätigkeit für J.W. Anderson und Loewe stehen. Zu seinen Gaben gehören seine kreativen Visionen und sein Gespür für die große Erzählung. Er besitzt die Fähigkeit, Dinge zu entdecken, sie zu rekontextualisieren und dann neue Ausdrucksformen dafür zu finden. Wie T.S. Eliot schon sagte: „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen." Er kopiert seine Einflüsse und Inspirationen nicht einfach und fügt sich neu zusammen, sondern zitiert aus einem Pool kultureller Erinnerungen wie das Berlin der Achtziger, Glam-Rock der Siebziger und rebellischer, pansexueller Hedonismus.

Jonathan Anderson mag die Archive, aber aus Vergangenem schafft er immer eine neue Zukunftsvision. Dabei ist es nie eine kitschige Rückblende. Der Einsatz von Archivbildern von Fotografen wie David Baker oder Steven Meisel kontexualisieren seine Vorstellung von der Welt, in der wir leben—und von der Welt, in der seine Mode existieren soll. Der britische Designer testet dabei auch gerne die Grenzen des bestehenden Modesystems aus. Für Loewe verzichtete er auf eine Catwalk-Show zugunsten von wunderschönen Hardcover-Büchern, die zusammen mit langjährigen Mitwirkenden Benjamin Bruno und Fotograf Jamie Hawkesworth entstanden.

Bücher gehören zu den bemerkenswertesten Mitteln, mit denen Designer ihre Einflüsse kommunizieren und gleichzeitig das Publikum an ihrer Welt teilhaben lassen. Der russische Designer Gosha Rubchinskiy hat schon mehrere Bildbände veröffentlicht, in denen die rebellischen Teenager, Skater, Ausgestoßenen und wunderschönen Außenseiter porträtiert werden, deren Mode und Haltungen seine Arbeit inspirieren. Die neueste Ausgabe davon heißt Youth Hotel und war sofort ausverkauft. Aber Gosha ist nicht nur begeisterter Designer, sondern mindestens ebenso begeisterter Fotograf. Seine Bilderwelten begeistern das Publikum, sie sind nicht saisonabhängig oder unterliegen irgendwelchen Einzelhandelszwängen. Bestimmt werden sie von der Unmittelbarkeit von Instagram genauso sehr wie von der Ästhetik eines Coffee-Table-Books. Den Erfolg des Labels kann man allein daran bemessen, wie schnell seine Produkte ausverkauft sind. Innerhalb von Sekunden sind die Sachen in den Läden ausverkauft. Dafür sorgt eine Mischung aus knappen Angebot, sorgfältig ausgewählten Einzelhändlern und nicht zuletzt bezahlbare Mode. Entweder bist du dabei oder du gehst leer aus.

Liam Hodges und Grace Wales Bonner haben zusammen mit dem Londoner Verlag Ditto Press an Zines in limitierter Auflage gearbeitet. Es ist kein Zufall, dass zwei der jüngeren Designer, deren Entwürfe in einer mythischen und geschlossenen Gruppenästhetik fußen, ihre Welten durch das Medium Papier transportieren. Diese Labels sind zwar jung, ihre Entwicklung kann noch in Saisons gemessen werden und nicht Jahren. Aber ihre kreativen Welten sind bereits klar umrissen. Die Welten existieren auch jenseits des Catwalks und jenseits der Kleidung, die sie machen.

Die erfolgreichsten Designer waren schon immer Geschichtenerzähler in welcher Form sich das auch äußern mag. Von Olivier Rousteings Balmain Army über Goshas Teen-Skater-Gang bis hin zu Hedi Slimanes Rocker aus Los Angeles und Liam Hodges Tribe. Diese Welten zeitigen sich fern aller Fashionweeks—in den Leuten, die tatsächlich ihre Kleidung tragen. Mode als gelebte Praxis statt als Theorie. Vetements sagt vielleicht, dass es Kleidung und keine Mode macht, aber worin die Pariser so gut sind: Sie erschaffen eine Welt, in der die Kleidung leben kann.

In der Mode geht es natürlich nach wie vor darum, ein Produkt zu verkaufen. Die größten Innovatoren—die, die mit neuen Lösungen aufwarten—sind die jungen Labels, die nicht auf Parfümlizenzen zurückgreifen können, um die Prêt-à-porter-Kollektionen zu stützen.

Das alles ist letztlich Ausdruck von Freiheit. Mehr als jede andere Kunstform ist die Mode an Kommerzialität gefesselt. Filmemacher werden nicht gezwungen, zweimal im Jahr ihre Filme zu zeigen, ob die nun fertig sind oder nicht. Keiner verlangt von Malern, dass sie halb bemalte Leinwände ausstellen, oder von einem Autor, dass er einen unfertigen Roman veröffentlicht. Wieso sollten dann Modedesigner 45 Looks entwerfen, wenn sie nur Ideen für zehn haben? Wieso sollten sie überhaupt etwas zeigen, wenn sie gar keine Ideen haben? Wenn es für die Kreativen in dieser Branche keine Freiheit und keinen kreativen Gestaltungsspielraum gibt, was bleibt dann noch übrig?

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Credits


Text: Felix Petty
Foto: Anabel Navarro Llorens (Präsentation der „Ebonics"-Kollektion von Grace Wales Bonner im Rahmen der „Fashion in Motion"-Reihe des Londoner Victoria and Albert Museum)