surreale szenen aus der stripclub-kultur von las vegas

Die österreichische Fotografin Stefanie Moshammer war im amerikanischen Spielerparadies mit ihrer Kamera unterwegs und sprach mit uns über Genderdynamiken in der Wüstenmetropole.

von Emily Manning
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11 Dezember 2015, 2:25pm

Die in Wien lebende Fotografin veröffentlichte vor Kurzem ihr Fotobuch Vegas and She mit Bildern von allem, was man mit der Spielermetropole verbindet: Muscle Cars, die Mojave-Wüste, nach einem bestimmten Thema eingerichtete Hotelzimmer und spärlich bekleidete Stripper. Doch Moshammers Fotos sind nicht nur eine Darstellung schöner Fakten, mindestens genauso sehr spielen sie mit den eigenen Vorstellungenvom Mythos Las Vegas.

Ihre Bilder von Stripperinnen und deren Kunden werden in Stillleben, Landschaftsaufnahmen und Textauszügen aus Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln eingebettet. Das blasse Rose der Cadillacs und der Wüstenstürme, die gefakten goldenen Säulen und Motelzimmer mit imitierten, smaragdgrünen Marmorlinien, Moshammer schafft gekonnt die Balance zwischen Illusion und Realität. Wir wollten mehr wissen und stellten der Österreicherin ein paar Fragen.

Alle Fotos: Stefanie Moshammer

Wieso hast du Las Vegas fotografiert?
Bevor ich für das Shooting zu Vegas and She nach Las Vegas geflogen bin, war ich schon einmal für eine Woche da. Der erste, kurze Aufenthalt weckte das Interesse, diesen unwiderstehlichen Mythos und das Bittersüße dieses Ortes näher kennenzulernen. Ich habe mich gefragt, was hinter diesem surrealen Traum von Eleganz steckt. Was Leute an einem Ort, der fast nur aus Illusion, Fantasie und Sehnsucht besteht, suchen. Es war eine Herausforderung, herauszufinden, was Las Vegas ausmacht, und zu dokumentieren, wie die Stadt einen beeinflusst, wenn man für längere Zeit dort bleibt.

Du bist aus Wien. Der Mythos Las Vegas ist weit über die Grenzen Amerikas bekannt. Was hast du erwartet?
Bevor ich Vegas richtig kennengelernt habe, hatte ich eine ziemlich naive Vorstellung von der Stadt. Ich wusste nicht mal, dass dort Leute leben oder aufwachsen. In meinem Kopf war es die Stadt des Entertainments und nicht geeignet für normales Leben. Als Europäerin hat man diese medial geprägte Vorstellung von dem Ort. Sobald man dann da ist, möchte man sich ein realistisches Bild des Ortes gewinnen. 

Wie hast du deine Motive gefunden und wo hast du sie fotografiert?
Es ist ein Mix aus Leuten. Einige habe ich während meines Aufenthaltes besser kennengelernt und andere habe ich einfach auf der Straße getroffen. Die Stripperin Shannon habe ich durch einen Bekannten kennengelernt. Sie war meine Verbindung in die Stripperszene und sie stellte mich anderen Frauen vor, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Fotografiert habe ich sie in ihren Wohnungen oder im Hotelzimmer. Ich bin dankbar dafür, dass sie mir und meiner Arbeit vertraut haben. Ich wollte zeigen, wie Menschen, Räume und Landschaften an einem Ort wie Las Vegas verschmelzen. Mein Ansatz dabei war, diese Frauen auf metaphorische und poetische Art und Weise darzustellen, um die Atmosphäre ihrer Welt einzufangen, anstatt eine bestimmte Geschichte über jede Frau zu erzählen. Dafür habe ich die Körper und die Umgebung genutzt, um den Betrachter eine bestimmte Narrative und eine bestimmte Realität zu zeigen.

Die Bilder fangen eine faszinierende Künstlichkeit ein, wie die Säulen mit unechtem Gold oder der Dschungel als Wandgemälde. Welche Rolle spielen Fantasie und Illusion in deinen Bildern?
Ich habe versucht, Aufnahmen mit einer gewissen Mehrdeutigkeit zu machen; Bilder, die nicht so sehr die Realität zeigen, sondern den Betrachter vielmehr mit an einen Ort voller Illusionen und des Verlangens nehmen - eine Welt abseits des Gewöhnlichen, aber so realistisch wie möglich dargestellt. Die Basis ist Dokumentarfotografie und deren Festhalten an der Realität und die Vorstellung von Wahrheit habe ich übernommen. Aber die Fotoreihe hat auch einen allegorischen Ansatz und geht über das Offensichtliche hinaus. Dadurch hat der Betrachter größere Freiheit, wie er seine Geschichte konstruiert. Las Vegas ist ein Ort voller Geheimnisse, Wunder und Mythen. Ich möchte, dass der Betrachter Zweifel und Fragen hat.

Die Fotoreihe trägt den Namen Vegas and She. Erzähle uns mehr über die Genderdynamiken, die du beobachtet und in deinen Fotos darstellst.
Für mich ist Las Vegas ein Mann, mit dem ich mich auseinandergesetzt und konfrontiert habe. In der Stadt zu sein, ist, als ob man jemanden kennenlernt und ihn erfährt. „She" ist der Gegenpol, die Antithese. „She" bin ich und all die anderen Frauen auf den Fotos. Innerhalb der Welt von Stripclubs gibt es eine klare Rollenverteilung von Männern und Frauen: das männliche Verlangen hält die ganze Maschinerie am Laufen. Es ist wird viel kokettiert, es ist ein Spiel mit gewissen Regeln und Verhaltensmustern. In diesem Rahmen kreieren die Frauen eine künstliche Identität, eine idealisierte Version des männlichen Verlangens und einen konstruierten Space, der auf Fantasien beruht.

Haben sich die Frauen emanzipiert oder ausgebeutet gefühlt? Ist das vielleicht sogar eine Frage, die du mit der Fotoreihe aufgreifen wolltest?
Um die Rechte von Stripperinnen steht es in Las Vegas echt schlecht aus. Sie haben keine Verträge, sie arbeiten auf selbstständiger Basis. Jeden Tag und jede Nacht zahlen die Stripperinnen einen bestimmten Betrag, damit sie ihre Schicht tanzen können. Das Geld, was an ihren Körpern ist, können sie behalten, abzüglich Trinkgeld für den DJ, den Barkeeper und anderen, mit denen sie zusammenarbeiten. Je nachdem wie gut ihre Beziehung zum Clubmanager ist, bekommen sie die besseren oder schlechteren Schichten zugeteilt. Ich mag die Dynamiken innerhalb der Stripperszene nicht und die Art und Weise, wie die Manager ihre Mitarbeiter behandeln. Die Stripperinnen, die ich jedoch kennengelernt habe, haben sich nicht ausgebeutet gefühlt. Shannon erzählte mir, dass sie die Unabhängigkeit durch den Job schätzt. Sie arbeitet in mehreren Clubs in ganz Amerika und solange sie tanzen kann, wird sie das auch tun. Ich habe insgesamt sieben Frauen fotografiert, die jüngste war 19 Jahre alt und die älteste 50. Alle hatten unterschiedliche Ansichten über ihre Branche, dennoch einte sie dieselbe Motivation: Geld zu verdienen. Ich wollte keine Debatte über die Arbeitsbedingungen von Stripperinnen loszutreten. Natürlich ist es gut, wenn Fotografien Fragen auslösen, aber ich habe versucht, die Stimmung dieser Welt einzufangen. Vegas and She beinhaltet eine gewisse Melancholie, die diese Frauen fühlen und erfahren.

Was erhoffst du dir von dieser Fotoreihe?
Eine Stimmung, eine Frage, eine Debatte, irgendeine Reaktion. Hoffentlich wird dieses Fenster in eine andere Welt beim Betrachter eine eigene Erfahrung auslösen.

@stefanie_moshammer

Vegas and She von Stefanie Moshammererschien bei Fotohof edition 2015 und ist hier erhältlich.

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Credits


Text: Emily Manning
Alle Fotos: Stefanie Moshammer