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bisher unveröffentlichte bilder der independent-filmszene aus den 90ern

Jason Rail entwarf die Looks der jungen Stars in den Kultfilmen von Gregg Araki. Zwanzig Jahre lang blieben die Backstage-Aufnahmen unveröffentlicht, nun sind macht der Hairstylist und Make-up-Artist sie auf seinem Instagram-Account einem breiten...

von Hannah Ongley
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12 April 2016, 1:35pm

Photography Jason Rail

Auf dem Instagram-Account von Jason Rail finden sich viele verborgene Fotografie-Schätze wie das Bild von Schauspielerin Parker Posey vor einer Lamettawand mit einem „OBEY"-Zeichen und Sonnenbrille in Herzform, platinblonder Perücke und einem kräftigen, kirschroten Lippenstift. Die Aufnahme entstand 1995 am Set von Gregg Arakis Kultklassiker The Doom Generation, bei dem Jason Rail für Haare und Make-up verantwortlich war. Der Look, der nicht ganz so zum Kult wurde wie der Bob der 16-jährigen Rose McGowan, ist auf immer mit dem besten Satz in dem Film verbunden: „I'm gonna lob his dick off like a chicken head". Die Schauspielerin und der Stylist sind nach wie vor gute Freunde, aber das Foto und viele andere Aufnahmen der Independent-Welt der Neunziger fristeten bis vor Kurzem ihr Dasein in einem Schuhkarton: Ein Bild von Posey und Marilyn Manson bei der Aftershow-Party der Premiere von Wer hat Angst vor Jackie O.? 1997, eine 18-jährige Rose McGowan am ersten Drehtag von Nowhere, der Cast von Clockwatchers (1998) beim Sandwich essen und viele Aufnahmen aus New Yorks Mode- und Nightlife-Szene.

„Ich habe nicht mal ein Smartphone", erzählt uns Rail am Telefon. Mittlerweile arbeitet er als Friseur in San Francisco. Aber er hat ein iPad und veröffentlicht so die Bilder, die er in einem Schuhkarton aufbewahrte, auf Instagram. „Ich möchte aus den Bildern ein Coffee-Table-Book machen", sagt er. Ein Wunsch, der von vielen Kommentaren auf Instagram geteilt wird. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, ein „emotionaler Babysitter" für problematische Jungschauspieler zu sein.

Parker Posey am ersten Drehtag von „The Doom Generation" (1995)

Du musst mit vielen dieser Leute eng befreundet gewesen sein. Die Fotos vermitteln einen sehr entspannten Eindruck.
Viele junge Leute, die jetzt Make-up-Artist werden wollen, denken doch, dass sie aus einem schönen Mädchen ein Fantasiegebilde erschaffen. Das stimmt auch, wenn das Licht gut ist, das Set passt. wenn einfach alles stimmt. Was sie dabei aber vergessen: Dass man eine Art Psychologe oder emotionaler Babysitter ist. Du bist die letzte Person, den ein Schauspieler oder eine Schauspielerin sieht, bevor sie auf das Set gehen. Wenn du dich bei ihnen über die Miete, deine Affären oder deine kranke Katze ausheulst, dann kannst du die Leute echt verstören nerven. Die Leute vergessen, dass es in deiner Verantwortung liegt, darauf zu achten, wie sich diese Leute fühlen. Wenn eine Komödie gedreht wird, herrscht am Set meist eine ausgelassene Stimmung. Wenn es ein Independent-Film ist, dann wird aber immer irgendjemand umgebracht oder beschissen. Ich erinnere mich besonders an eine Schauspielerin. Sie wollte nicht mal, dass ich sie angucke. Ihr Charakter sollte vergewaltigt werden und sie sagte mir: „Spricht nicht mit mir. Ich lache sonst zu viel".

Lisa Kudrow und Parker Posey am Set von „Clockwatchers" (1997)

Die Haare und das Make-up in Doom Generation sind legendär, besonders der Bob von Rose McGowan.
Das Lustige daran—und das ist kein Witz—ist, dass drei Tage nachdem wir mit den Dreharbeiten als ich immer noch in L.A. war, an einem Plakat für Pulp Fiction vorbeigefahren bin. Uma Thurman lag auf einem Bett und hat in einem Tagebuch geblättert. Sie trug einen schwarzen Bob. Auch wenn Roses Haar in Doom Generation nicht schwarz war, sah es dunkel aus und sie trug einen Bob. Danach dachte jeder, dass mich Pulp Fiction zu diesem Look inspiriert hat, was aber nicht stimmt. Als ich dann später die Frisur gegoogelt habe, tauchten in den Suchergebnissen Rose aus Doom Generation und Parker aus House of Yes auf. Am meisten Spaß hat mir damals gemacht, wenn ich wirklich Teil des kreativen Prozesses war und mit Gregg Araki, oder dem jeweiligen Regisseur, über die Persönlichkeit, den Hintergrund und die finanzielle Situation des Charakters gesprochen habe. Diese Gespräche mit den Regisseuren sind spannend, um sie besser zu verstehen. Zum Ende meiner Karriere im Filmgeschäft ließen sie mir komplett freie Hand, weil ich eben diese Vertrauensbasis mit ihnen geschaffen habe. Das einzige Kriterium war: Sie sollten schön aussehen. 

Parker Posey und Marilyn Manson auf der Aftershow-Party nach der Premiere von „Wer hat Angst vor Jackie O.?" (1997)

Du sprichst davon, dass du in gewisser Weise auch eine Babysitter-Funktion hattest. Einige der Schauspielerinnen waren damals noch so jung.
Leute wussten, dass ich mit den problematischen Schauspielerinnen wie Rose, Annabella Sciorra und Penelope Ann Miller gut klatkam. Sie waren super nett zu mir, weil wir uns auf der persönlichen Ebene gut verstanden haben. Dafür waren sie zu anderen absichtlich unhöflich. Davon musste ich mich dann persönlich distanzieren. Wie gesagt, es interessiert sie einfach nicht, ob du Zahnschmerzen hast oder keine Kreditkartenrechnung nicht bezahlen kannst. Du musst dir dann ihre Probleme anhören: „Oh mein Gott, ich hatte Eigelb in meinem Eiweiß, ich konnte das Ei nicht mehr essen". Meine Antwort darauf war: „Wie hast du dann den Tag überstanden?" Das ist der Teil vom Job, auf den man nicht vorbereitet wird. Manchmal sind sie überdreht und du musst sie beruhigen. Manchmal sind sie total unbegeistert und du musst sie motivieren.

Rose McGowan am ersten Drehtag von „Nowhere" (1997)

Wie kam es dazu, dass du in diesen Filmen mitgespielt hast?
Viele meiner Freunde waren damals schon Hairstylisten. Und älter als ich. Alle waren Praktikanten bei Vidal Sassoon. Das gehörte damals Christopher Brooker. Er kam aus London nach San Francisco und besuchte den Salon dort. Wie es der Zufall wollte, waren meine Freunde Praktikanten da. Ich war immer das Frisurenmodel, egal was sie wieder für eine verrückte Haarfarbe ausprobierten. Ich habe mich mit den Besitzern angefreundet und Christopher hat mich dann auf die Vidal Sassoon Academy in Los Angeles geschickt. Ein Freund von mir, dem ich die Haare geschnitten und gefärbt habe, arbeitete in einer Boutique auf der Haigh Street gearbeitet. Dann kam ein Girl in den Laden und brauchte Sachen für einen Punkrock-Film, bei dem sie mitwirkte. Sie fragte dann meinen Freund, wer seine Haare geschnitten und gefärbt habe. Ich wurde dann engagiert und sollte dann ihre Haare so färben, dass es aussah, als ob sie selbst getan hätte. Es gab kein Budget, aber ich habe es geliebt. Die Produzentin betreute Monate später in L.A. ein Projekt und fragte mich, ob ich das Make-up und die Haare dafür machen wolle. Das Projekt war dann Doom Generation.

Devon Odessa und Staci Keanan am Set von „Nowhere" (1997)

Wie war dein Leben damals? Warst du eines der Club-Kids?
Ja, das hat einfach Spaß gemacht. Damals habe ich mit meinem besten Freund Zaldy und seinem Freund Matthew Anderson viel im Chelsea Hotel übernachtet. Zaldy ist ein Modedesigner und Matthew macht immer noch das Haar und Make-up von RuPaul. Wir waren mit Susanne Bartsch und der ganzen Crew befreundet und sind zusammen in die Clubs gegangen. Ich bin neulich mit Richie Rich ausgegangen, das hat Spaß gemacht. Davon gibt es ein Bild auf Instagram. Die 90er waren einfach eine befreiende Zeit. Wenn dich normale Leute akzeptieren und man mit ihnen verkehrt, dann liegt die Ironie darin, dass alles gentrifiziert wird.

Wie sehr hattest du mit der damaligen Modewelt zu tun? Es gibt ein Bild von Gwen Stefani bei einer Vivienne-Westwood-Show.
Bei dieser Show war ich für die Haare zuständig. Ich habe mit Danilo zusammengearbeitet, der die Haare von Gwen Stefani macht. Ich bin dann aus San Francisco zur Fashionweek angereist und wurde bei all den Models zu einem kreischenden Schulmädchen. Ich kannte jede Kampagne, die sie gemacht hatten und wusste, aus welchem Land sie kommen und bei welcher Agentur sie sind. Ich war so von ihnen beeindruckt. Bei Schauspielerinnen hat mich das überhaupt nicht interessiert. Sie haben ihren Job gemacht und ich meinen. Aber bei Models bin ich ausgerastet—besonders damals. Am liebsten habe ich die Shows von Todd Oldham gesehen, weil dort Cindy Crawford, Naomi Campbell, Kate Moss und Christy Turlington liefen. Nur Acid auf einem Led-Zeppelin-Konzert könnte für dasselbe Level an Begeisterung sorgen.

@nosajliar

Beyoncé und Jason Rail bei den Dreharbeiten zum Musikvideo für „Work It Out" (2003)

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Credits


Text: Hannah Ongley
Fotos: Jason Rail

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