Diese Fotografin hat die Realität in einem deutschen Asylbewerberheim dokumentiert

Stefanie Zofia Schulz hat mit ihrer Fotoreihe "Duldung“ den Alltag von Jugendlichen und ihren Familien in einer Flüchtlingsunterkunft festgehalten.

von Sarah Moroz; Fotos von Stefanie Zofia Schulz
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06 April 2016, 2:25pm

Für ihr Fotografieprojekt Duldung, das gerade als Teil des Fotografiefestivals Circulations in Paris zu sehen ist, besuchte die in Berlin lebende Fotografin Stefanie Zofia Schulz eine von Deutschlands größten Flüchtlingsunterkünften jeden Monat für eine Woche ein Jahr lang.


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Die Bewohner nennen die Anlage selbst "Lager", welches sich am Rand der saarländischen Kleinstadt Lebach befindet. "Auf der einen Seite kann Lager für Ferienlager stehen, auf der anderen Seite schwingt bei dem Begriff die Erinnerung an das Wort Konzentrationslager mit", erklärt die Fotografin. Offiziell sollen Flüchtlinge in dieser Unterkunft bis zu einem Jahr leben, bevor ihnen eine permanente Bleibe zugewiesen wird. Dennoch hat Schulz dort Leute getroffen, die in dieser vorübergehenden Unterkunft seit 15 Jahren leben. Viele Kinder kennen nichts anderes als diese Unterkunft.

In ihren Bildern konzentriert sich Schulz auf die Kinder und Jugendlichen, die an diesem Ort aufwachsen: hineingeboren in zerrüttete Familien mit einer traumatischen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Obwohl sie deutsche Schulen besuchen, ist Zuhause für sie und ihre Familien etwas Abstraktes. Schulz stellt auf sensible Art und Weise die Trauer und Hilfsbereitschaft untereinander in dieser Community dar, dabei geht sie Fragen wie der Bedeutung von Vaterland, Langeweile und Unsicherheiten nach: ein 13-jähriges, serbisches Roma-Mädchen, die sich von ihrer Schwester die Haare bügeln lässt, ein 12-jähriges Mädchen aus Afghanistan, die im Gesicht Narben von einer Steinattacke trägt, ein Junge steht vor einem ganzen Schwein, das für das orthodoxe Osterfest gebraten werden soll. Wir wollten mehr erfahren und haben Stefanie Zofia Schulz ein paar Fragen gestellt und über ihre Erfahrungen in dem Flüchtlingscamp gesprochen.

Wie bist du zu diesem Projekt gekommen?
Es gab in Deutschland die sogenannten Aussiedlerheime für Asylbewerber aus Russland und Polen, dasselbe wie das Flüchtlingslager heute. Meine Eltern sind aus Polen und meine Mutter ist über die Grenze geflohen, als sie mit mir schwanger war. Ich wurde in einem dieser Heime geboren. Das ist ein lustiger Kreis, der sich da schließt. Nach der Schule habe ich als Kellnerin gearbeitet, mein Ex-Freund war der Koch. Und ich hatte mich immer gefragt, wieso er verschwindet, wenn die Polizei für einen Tee oder Kaffee in den Laden kam. Es stellte sich heraus, dass er ohne Papiere war, oder mit anderen Worten: er war ein illegaler Einwanderer. Er hat in einer Grauzone gelebt. Er hatte seine eigene Wohnung, aber keine Rechte. Er konnte nicht wählen oder ähnliches. Wenn sie ihn gefasst hätten, hätten sie ihn in sein Heimatland abgeschoben. Ich war drei Jahre mit ihm zusammen und habe für ihn um Asyl gekämpft.

Wie hast du mit den Leuten in Lebach zusammengearbeitet? Hast du dich aktiv eingeschaltet oder warst du die stille Beobachterin?
Schon beim ersten Mal, als ich die Unterkunft betrat, war klar, dass ich alleine sein würde. Ich war weiß und jung. Es war klar, wer ich bin. Sofort sagten die Leute "Oh, die Fotografin". Ich konnte nicht nicht gesehen werden. Aber das war keine Phase oder eine schnelle Reportage. Bei dem Projekt ging es mir wirklich darum, dass ich ihre Wohnungen betreten und an ihrem Leben teilnehmen darf, um einen Einblick in ihre Situation zu bekommen. In den Fotos habe ich mich auf Kinder konzentriert, weil sie mehrsprachig sind. Sie haben Deutsch schnell aufgesogen. Einige haben auch sehr gut Englisch gesprochen, sie konnten mein Englisch nicht verstehen. Bei älteren Leuten war die Kommunikation schwerer.

Wie bist du vorgegangen? Hattest du eine Routine?
Anfangs war ich schüchtern und habe nachts fotografiert. Sobald sich die Leute dann an mich gewöhnt hatten, habe ich auch tagsüber fotografiert. Ich habe mich mit ein paar Familien angefreundet, ich habe den Kleinen immer Geschenke wie Süßigkeiten ohne Gelatine mitgebracht. Wenn mich das nicht weitergebracht hat, habe ich mir eine andere Familie gesucht. Ich habe Wochen damit verbracht, ihren Geschichten zuzuhören. Aber von Anfang an habe ich fotografiert. Ich dachte auch am Anfang noch, dass ich die Geschichten für die Bilder bräuchte, aber das stimmte nicht. Es ist wichtig, dass man wirklich mit offenen Augen durch die Welt geht und sich nicht von vorgebildeten Bildern im Kopf leiten lässt.

Wie bist du mit dem Gegensatz zwischen Ästhetik und emotionaler Realität fertiggeworden?
Ich lerne immer noch, es war sehr hart. Ich hatte ein Bild von Flüchtlingen in meinem Kopf, es hat sehr meinem Ex-Freund geähnelt. Ich hatte so viel Gedanken, aber das Problem ist, dass sie in der Realität nicht funktionieren. Ich wusste nur, was ich danach tun wollte. Die eine Hälfte der Arbeit war das Fotografieren, die andere Hälfte bestand dann daraus, mir Monate später die Bilder wieder anzuschauen. Nichts ist gestellt, ich war einfach da. Ich habe gelernt, mich zu öffnen, mich zurückzunehmen und zu beobachten. Und das war schwer! Die Kinder wollten mit mir sprechen, aber ich wollte einfach nur unsichtbar sein.

Die Lage der Flüchtlinge in Europa wird immer schwieriger. Hast du durch die heutige Situation eine andere Sichtweise auf die Zeit, als du 2012 und 2013 fotografiert hast?
Nein. In der Fotoreihe geht es ums Warten. Bei mir standen nicht die Leute im Vordergrund, die gerade erst angekommen sind. Die Lage in Europa ist jetzt aber schlimmer, es ist noch voller. Als ich mit dem Projekt anfing, war das Interesse an diesem Thema nicht wirklich groß. Wenn ich später angefangen hätte, dann würden die Leute denken, dass ich das nur aufgrund der Nachrichtenlage mache, aber dem ist nicht so.

Das einzige, worüber ich seitdem nachgedacht habe, ist das Bild mit dem Ozean. Ich kannte damals noch keine Flüchtlinge, die mit dem Boot übergesetzt haben. Aber schon damals war dieses Bild merkwürdig: ein Traumstrand in einem Käfig mit Matrazen auf dem kalten Boden. Jetzt hat das Bild eine weitere Bedeutungsebene.

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