alice glass über feminismus, mode und perverse in der musikindustrie

Wir präsentieren dir ein umfangreiches Interview mit der Elektropunk-Ikone Alice Glass, das zuerst in der neuesten Ausgabe des „AGOLDE Magazine“ erschienen ist. Nach ihrem Ausscheiden aus der Band Crystal Castles startet sie nun solo durch. Alice...

von Lesley McKenzie
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01 September 2016, 12:40pm

Wie war deine Kindheit?
Ziemlich einsam. Ich bin in einem Vorort von Toronto aufgewachsen und meine Eltern haben in der Stadt gearbeitet, ich habe sie nicht oft gesehen. Ich bin auf eine katholische Schule gegangen. Irgendwie irritierend, denn meine Eltern waren selbst keine Katholiken. Ich glaube, dass sie meiner Oma einen Gefallen tun wollten, die war irisch-katholisch. Sie ist in Irland aufgewachsen und jedes Mal, wenn wir sie besucht haben, hat sie mir gesagt, dass sie für mich betet. Ich habe eine jüngere Schwester, die mich aber nicht sonderlich gemocht hat. Ich habe also viel Zeit alleine verbracht und mir eine Fantasiewelt erschaffen. Mit zwölf sind wir dann in die Stadt gezogen und ich bin auf eine öffentliche Schule gekommen, wo ich Freunde gefunden habe, die mich unterstützen. Von denen habe ich mich mehr geliebt gefühlt als von meinem Zuhause.

Hast du als Kind viel Musik gehört?
Nicht sonderlich viel, nein, außer Kirchenmusik vielleicht. Ich war in einem Chor. Viele der Kirchenlieder fand ich gut. Ich kann mich nicht groß an sie erinnern, außer vielleicht an die vielen „Hallelujas". Katholische Lieder sind irgendwie düster und handeln von Aufopferung und Wiedergeburt, ähnlich wie die Themen, die ich mich jetzt interessieren.

Was ist mit deinen Eltern?
Die haben schreckliche Musik gehört. Sie haben mich gezwungen, beim Abendessen am Sonntagabend Tony Bennett zu hören. Ich habe es gehasst. Es gibt eine Szene im Film American Beauty, mit der ich mich wirklich identifizieren konnte: Als die Eltern ihre Tochter zwingen, Tony Bennett zu hören. Sie hatten nur zwei CDs. Das war echt schlimm.

Wann hast du begriffen, dass du musikalisches Talent hast?
Es ging nicht darum, ob ich Talent habe, sondern ich brauchte die Musik in meinem Leben, weil ich die ganze Zeit alleine war. Ich bin durch unsere Heimatstadt gelaufen und habe mir selbst Melodien vorgesungen. Das ist heute immer noch so—ich gehe zwar weniger spazieren, aber in meinem Kopf singe ich immer noch vor mich hin.

Hast du dir jemals vorstellen können, eine professionelle Musikerin zu werden?
Ich habe mich als gar nichts gesehen. Ich war als Teenagerin depressiv und habe keine Zukunft für mich gesehen. Sie war scheiße. So war es eben. 

Mit 14 bist du von zu Hause ausgezogen. Hast du daran lange geknabbert?
Das brodelte lange in mir und ich musste es einfach tun. Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht viel länger durchgehalten hätte, wenn ich das nicht getan hätte. Ich erinnere mich noch an eine der ersten Nächte, in denen ich in einem stabileren Umfeld übernachtet habe: Ich hatte meinen eigenen Raum und habe ein Album von Hole gehört und vor Freude einfach nur geweint und herumgetanzt. Anfangs habe ich auf dem Sofa von Freunden geschlafen, ich bin bestimmt einigen meiner Freunden auf den Sack gegangen, aber mit 15 oder 16 habe ich meine eigene Wohnung bekommen. Ich bin zu dem Zeitpunkt immer noch zur Schule gegangen und es war echt schwer, aber das war es wert. Eine Weile habe ich Geld vom Staat bekommen. Das Sozialhilfen für Studenten sind echt gut. Und ich habe zwischendurch Weed an meine Freunde verkauft.

Du bist eine ausgesprochen offene Feministin. Wann wurde dir das Thema wichtig?
Ich war Teil einer Mädchenclique und wir standen alle sehr auf Punk. Wir kannten die besten Bands, die in unserer Stadt aufgetreten sind. Allerdings wurden wir auf den Konzerten immer in unangenehme Situationen gedrängt, auch von Männern oft sexuell belästigt. Das hat uns wütend gemacht, weil wir das Recht haben, auf ein Konzert zu gehen und dabei nicht sexuelle belästigt zu werden.

Welche Stimmen im Feminismus respektierst du?
Ich bin keine Wissenschaftlerin, aber ich habe The Beauty Myth von Naomi Wolf und Kelch und Schwert von Riane Eisler gelesen. Das Tolle heutzutage ist doch, dass man sogar auf Twitter großartige feministische Stimmen finden kann, weil es einfach so leicht ist, seine Meinung zu äußern und sich mit allen Frauen auf der Welt zu connecten. Ich habe mir Allison Wolfe von der Riot Grrrl Band Bratmobile gehört, die mittlerweile eine gute Freundin ist, und die mich früher sehr inspiriert hat, als ich noch jünger war—das tut sie immer noch. 

Du sprichst dich öffentlich gegen sexuelle Misshandlung und häusliche Gewalt aus. Siehst du das als deine Pflicht an?
Ich glaube, dass ich anderen in einer ähnlichen Situation helfen kann, wenn ich über meine Erfahrung spreche. Sie denken dann vielleicht zwei oder drei Mal über ihre eigene Beziehung nach. Wenn ich damals mit 14 eine Musikerin gekannt hätte, die über eine traumatische Erfahrung in ihrem Leben gesprochen hätte, dann wäre ich vielleicht nicht in die Lage gekommen, in der ich damals war. Das ist etwas, worüber ich schon seit einer Weile sprechen wollte. Ich musste einfach die Angst überwinden, mich dadurch selbst zu verletzen. Als ich die Angst dann erstmal überwunden hatte, war es viel einfacher.

Du bist jetzt als Solokünstlerin unterwegs. Warum?
Das musste ich einfach für mich selbst tun. Ich wollte mich künstlerisch ausdrücken können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Um die beste Kunst kreieren zu können, muss man es zulassen, verletzbar zu sein. Es ist schwer, Gleichgesinnte zu finden, bei denen man sich so wohl fühlt, dass man es zulässt, seine Verletzbarkeit zu zeigen.

Was ist dir wichtiger: die Musik oder die Botschaft?
Beides. Die Botschaft ist mir sehr wichtig. Ich möchte meine Meinung sagen können und ich möchte, dass die Leute wissen, dass ich es ernst meine, wenn ich durch meine Musik über meine Erfahrungen spreche. Darüber werde ich auch viel mehr auf meinem Album sprechen, das habe ich zuvor nicht gemacht. Die Musik muss aber meine Botschaft supporten, und das gleiche Gefühl transportieren. Es ist eine Mischung aus beidem.

Wo findest du musikalische Inspiration?
Jeder, der sich traut und sich ausprobiert, der verletzlich und ernsthaft über Dinge spricht, die ihm wichtig sind. Ich höre seit Kurzem Tori Amos und sie ist wunderbar. Auch Bands wie Crisis und Dsytopia, die Menschen für politische Szenarien und Situationen sensibilisieren, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren und sie sprechen offen über Dinge, die Menschen manchmal gerne unter den Teppich kehren würden.

Wie müssen wir uns deinen Songwriting-Prozess vorstellen?
Manchmal ist es so, dass ich ein paar Zeilen dichte und sie für später speichere. Wer weiß, vielleicht gibt es dann irgendwann die richtige Melodie und den richtigen Song dazu. Manchmal platzt es auch aus mir heraus, weil ich mich beim Songwriting noch nie so wohlgefühlt habe wie heute. Es ist cool, sich einfach auf den trancehaften Zustand der Musik einzulassen und sich einfach fallen zu lassen. Das habe ich noch nie gemacht.

Wenn du mit jedem da draußen kollaborieren könntest, wer wäre das?
Kleopatra. Ihr Mix aus Charisma und Intelligenz ist unfassbar. Es wäre hypnotisierend, wenn sie singen oder Songs schreiben könnte.

Du bist bekannt für deine intensiven, energiegeladenen Performances. Bist du auf der Bühne eine andere Person?
Ich habe das Gefühl, dass es eine Mischung aus beidem ist. Ich setzte mich direkt mit meinen Problemen auseinander, aber sie verschwinden gleichzeitig dadurch. Alles ist intensiver, aber ich kann auch gleichzeitig einfach nur im Moment leben. Es ist alles und nichts zugleich.

Warum glaubst du, dass du so viele Fans hast?
Ich glaube, dass meine Fans fühlen, dass ich alles ernst meine. Wenn du nicht ehrlich mit dir selbst bist, wird sich das früher oder später zeigen.

Was würdest du jungen Mädchen raten, die auch eine Musikkarriere in der Musikindustrie anstreben?
Deine Kunst ist genauso wie viel Wert wie die von jedem Mann.

Was sind deine Ziele als Künstlerin?
Ich möchte meine Gefühle und meine Erfahrungen so klar und so stark wie nur möglich und ausdrücken können.

Was ist dir am Wichtigsten im Leben?
Dass meine Vergangenheit nicht meine Zukunft beeinflusst oder zerstört. Zeit mit den Leuten zu verbringen, die ich liebe, und dafür zu kämpfen, was ich für richtig halte.

Du hast dir selbst den Namen Alice Glass gegeben. Woher stammt er?
Mein Geburtsname ist Margaret, aber niemand hat mich so genannt. Meine Eltern haben mich Margo genannt, weil sie dachten, dass das gehobener und französisch klingt. Ich wollte immer, dass mich die Leute Maggie nennen, damit konnte ich mich irgendwann aber auch nicht mehr identifizieren. Wenn man in der Punk-Community anfängt, ändert man seinen Namen. Ich war nicht ganz so krass drauf wie andere Girls, die sich „Bunny" und „Puppy" genannt haben. Irgendwann war ich mit einer Freundin im Supermarkt und wir haben diese Buttons mit Namen gesehen. Ich habe einen Button mit „Alice" und meine Freundin mit „Betty" geklaut. Danach haben wir einen Joint geraucht—und die Polizei hat uns erwischt. Die haben uns gefragt, was wir da machen. Ich habe denen geantwortet, dass ich Alice heiße und keinen Ausweis dabeihabe. In der Motorradjacke hatte ich ein Gram Weed und ein Gram Mushrooms versteckt. Ich habe mein Bestes versucht, um nicht zu schwitzen. Die Polizei hat mir das geglaubt. Von da an hatte ich das Gefühl, dass mir der Name Glück bringt. Und Glass basiert auf einem Charakter Hopey Glass aus dem Comic Love and Rockets

Du warst Teil der Frühjahr-/Sommerkampagne von Alexander Wang. Wie kam es dazu? Und möchtest du dich in Zukunft mehr mit dem Thema Mode beschäftigen?
Er hat sich bei mir gemeldet! Er mag meine Musik und ich habe schon immer seine Kleidung geliebt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Teil der Modewelt sein würde. Ich habe Mode schon immer irgendwie gemocht, aber hatte auch immer so meine Zweifel, weil sie nicht Punk ist. Alexander schätzt Persönlichkeit an seinen Models und sieht sie nicht als leere Leinwände, das ist echt cool. Ich würde gerne meine eigenen Bühnenoutfits designen.

Du hast eine sehr bestimmte Ästhetik. Was inspiriert dich?
Horrorfilme, die finde ich schon immer gut. Ich war schon mein ganzes Leben das „komische Mädchen". Ich experimentiere im Moment. In meiner alten Band gab es eine Art Uniform aus T-Shirts und Röcken, und das wurde mit der Zeit einfach langweilig.

Was gehört zu den größten Herausforderungen, vor denen du als Musikerin stehst?
Gerade geht es mir richtig gut, weil ich einfach nur kreativ sein kann. Ich wache auf und alles woran ich denken kann, ist ein bestimmter Song—davon bin ich dann eine Woche lang besessen. In der Woche drauf gibt es dann schon wieder einen neuen Song. Ich bin noch in dem Stadium, in dem mich nichts Bürokratisches aufhält. In ein paar Monaten wird sich das wahrscheinlich ändern, aber gerade bin ich in einer tollen kreativen Phase.

Was liebst du an der Musikindustrie?
Dass sie Platz für Weirdos bietet.

Und was hasst du an ihr?
Die widerlichen Kerle. Nicht jeder Mann in der Musikindustrie ist ein Vergewaltiger oder jemand, der andere ausbeutet oder nicht respektiert. Aber ich denke schon, dass diese Branche mehr Ratten anzieht als andere, weil es viele junge, unerfahrenere Leute gibt, die verletzlich sind und die gewisse Manipulationen nicht erkennen. 

Wünscht du dir manchmal, dass dich die Leute besser verstehen würden?
Ich bin nicht immer so, wie ich mich auf der Bühne gebe. Das ist für mich ein Ventil, um meine Wut herauszulassen. So bin ich aber nicht die ganze Zeit. Ich wäre doch ziemlich eindimensional. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mich die Leute für den Großteil meiner Karriere nur als diese eindimensionale Person kennen. Ich versuche gerade, dieses Image loszuwerden.

Mehr zum AGOLDE Magazine findest du hier. Und hier kannst du den ganzen Artikel auf Englisch lesen.

Credits


Text: Lesley McKenzie
Fotos: Rafael Pulido
Styling: Sean Knight
Make-up: Natasha Severino
Haare: Johnnie Sapong

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