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vergessen und verschmäht: die transgender-pioniere von damals

Dass die LGB-Community die Rolle von Transgender am Anfang der Schwulenrechtsbewegung schnell vergessen hat, ist spätestens seit „Stonewall“ wieder ein großes Thema. Nun gibt Transparent-Produzent Rhys Ernst mit „We've been around“ den Transgender...

von Zio Baritaux
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05 Juli 2016, 12:50pm

Die Dokuserie We've Been Around erzählt in sechs Folgen die Geschichte von sechs Transgender-Pionieren. In der ersten Folge geht es um die besten Freundinnen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, die „Teil der vergessenen Community aus Dragqueens, Sexarbeitern und Transgender waren—Leute, die von der Schwulen- und Heterowelt unter den Tisch fallen gelassen wurden." Auch wenn Marsha und Sylvia 1969 an den Aufständen vor dem Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street beteiligt waren—ein Ereignis, das nicht nur für die Schwulen- und Lesbenrechtsbewegung in den USA zur Initialzündung wurde—, sie wurden von der LGB-Community vergessen und ausgeschlossen. Darauf beziehen sich bis heute die Demonstrationen der LGBTQi-Community im deutschsprachigen Raum, die CSDs. Bei einer Rede 1973 beim Christopher Street Liberation Day musste sich Sylvia ihren Weg auf die Bühne erkämpfen und sie schrie ins Mikrofon: „Ich wurde geschlagen, mir wurde meine Nase gebrochen, ich wurde ins Gefängnis geworfen, ich habe meinen Job verloren, ich habe meine Wohnung verloren—und das für die Schwulenrechtsbewegung! Und ihr behandelt mich so?". Der für den Emmy nominierte Rhys Ernst, der hinter We've Been Around steht, und auch als Co-Produzent für Amazons Transparent fungiert, hat uns im Interview gesagt: „Jedes Mal, wenn ich Sylvia sehen, bekomme ich Gänsehaut." Die anderen Geschichten sind genauso ergreifend. Die Geschichten reichen vom Schicksal Albert Cashiers, ein Transmann im amerikanischen Bürgerkrieg, bis hin zu Wilmer Broadnax, ein Transmann, der in den 1940ern ein erfolgreicher Gospelsänger war. „Auch wenn uns die Fortschritte bei den Rechten für Transgender in der letzten Zeit so neu und revolutionär erscheinen, so verdanken wir den ersten Pionieren viel", so Rhys im Interview. „Es gab schon immer Transgender. Nur haben sie sich dem ungeschulten Auge entzogen."

Warum ist We've Been Around gerade jetzt so wichtig? Weil Transgender in der Popkultur gerade angesagt sind? Warum ist es wichtig, zu begreifen, dass die Trans-Geschichte nicht mit Caitlyn Jenner anfängt?
Ich bin selbst Transgender und mir war es ein tiefes Bedürfnis mehr über das Leben der Leute zu erfahren, die bereits vor vielen Jahren als Transgender gelebt und damit Großes bewirkt haben. Ich hatte Glück, dass ich mit Holly Woodlawn, Flawless Sabrina und Kate Bornstein transfeminine Mentorinnen hatte. Aber transmaskuline Mentoren aus dieser Generation sind schwerer zu finden. Daraus ist dann mein Interesse an der Geschichte von Transgender entstanden.

Model Hari Nef klärt euch hier über die hartnäckigsten Missverständnisse über Transfrauen auf.

Wieso hast du ausgerechnet diese sechs Geschichten ausgewählt?
Schon von Anfang an haben wir mit einem Rechercheassistenten gearbeitet. Später haben wir uns dann die Unterstützung der Wissenschaftlerin, Transgender-Historikerin und Filmemacherin Susan Stryker und der Historikerin, Bloggerin und Aktivistin Monica Roberts geholt. Die Produktion hat vom Wissen der Beiden enorm profitiert. Wir haben hart daran gearbeitet, die besten und vollständigsten Geschichten ausfindig zu machen. Mir war bei der Auswahl wichtig, dass wir eine Vielfalt zeigen. Es gibt auch viele andere, spannende Geschichten. Ich würde gerne mehr über Leute aus anderen Ländern machen. In der ersten Staffel werden nur die Geschichten von Leuten aus den USA erzählt. Wenn ich mehr Folgen machen könnte, würde ich sehr gerne die Geschichten von Leuten aus der ganzen Welt erzählen.

Hast du eine Lieblingsgeschichte? Welche berührt dich am meisten und warum?
Mir fällt es schwer, eine auszuwählen. Ich mag Lou Sullivans Geschichte, weil sie mich oft zum Weinen bringt. S.T.A.R. mag ich auch. Die Musik und die Animation (von den Transgender-Mitwirkenden Jules Gimbrone und Clyde Petersen) harmonieren fantastisch zusammen. Lucy Hicks Andersons Geschichte ist unglaublich. Sie hat tagsüber als Anwältin gearbeitet und nachts, während der Prohibition, einen Puff im Untergrund betrieben. Camp Trans und Little Axe und Albert Cashier sind auch toll. Ich kann mich einfach nicht entscheiden! Jede Folge ist zum Glück nur fünf Minuten lang und man kann sich also gleich mehrere Folgen schauen.

Das Digital Transgender Archive ermöglicht den Zugang zu Materialien aus 60 Jahren Trans-Geschichte.

Besonders bewegt hat mich S.T.A.R und Sylvia Riveras Rede. Sie erläutert, wie Transgender von der damaligen Schwulenrechtsbewegung ausgeschlossen wurden. Werden Transgender von der LGB-Community immer noch nicht voll akzeptiert? Und wie können wir das ändern?
Die tolle Filmemacherin Reina Gossett, die einen Film über Marsha und Sylvia gemacht hat, hat die Rede wiedergefunden und bei Vimeo geteilt. Ich stehe bei ihr und ihrer Mitwirkenden Sasha Wortzel tief in der Schuld, weil die Rede zu den fesselndsten Momenten der Serie gehört. Transgender sind immer noch nicht gleich, egal ob nun in der Hetero-Mainstream-Gesellschaft oder in der LGB-Community. Für die breite Öffentlichkeit sind unsere Anliegen neu. Ich hoffe, dass mehr Cisgender in der LGB-Community—und Heterosexuelle—Transgender-Anliegen zu ihren machen, sich darüber informieren, Transgender zu Freunden haben, Transgender daten und Transgender-Identitäten und Anliegen verinnerlichen.

Wohin bewegt sich die Transgender-Community?
Wir brauchen eine andere Politik. Die Gewalt gegen Transgender nimmt jedes Jahr immer mehr zu und unverhältnismäßig oft sind davon nicht-weiße Trans-Frauen betroffen. Arbeitslosigkeit unter Transgender ist ein großes Problem. Ich hoffe, dass diese Geschichte etwas bewirken und dass sie zu größerer öffentlicher Unterstützung für einen Politikwechsel beitragen. Das würde dann wiederum bedeuten, dass Transgender selbst ihre und viele weitere Geschichten aus der Trans-Community erzählen.

Credits


Text: Zio Baritaux
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „S.T.A.R" von We've Been Around 

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