Wie die ukrainische Jugend mit Raves den Alltag vergisst

"Vielleicht ist Kiew das neue Berlin, aber nur deswegen, weil es – wie Berlin nach dem Fall der Mauer – neue Freiräume bietet."

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15 April 2016, 3:25pm

Ausgestattet mit lediglich einer billigen Kamera und einer Taschenlampe hat Fotograf Sean Schermerhorn sechs Jahre in der Ukraine gelebt und Hunderte Partys und Feierwütige festgehalten. Mit seinen Bildern dokumentiert er die Energie einer Jugend in turbulenten politischen Zeiten.


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Schon vor 2013, als die Proteste auf dem Majdan in der Hauptstadt Kiew in den Medien zum Thema wurden, veröffentlichte der amerikanische Fotograf online seine Aufnahmen, die uns mit ihrer wilden Energie überzeugt haben. Unter Brücken bis hin zu den Kiewer Vororten, Schermerhorn war Partygast bei unzähligen Raves und hat sich auch selbst als Veranstalter betätigt. Mittlerweile ist er wieder nach New York zurückgekehrt. und hat sich die Zeit genommen, uns mehr über die Rave-Kultur des Landes zu verraten.

Wie bist du in die Kiewer Partyszene gerutscht?
Ich bin im Sommer 2010 auf der Suche nach einem Abenteuer nach Kiew gezogen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich dort länger als sechs Monate verbringen würde oder dass ich wirklich dort Leute treffen würde, mit denen ich mehr als über Wodka und Frauen sprechen würde können. Zum Glück wurde ich eines Besseren belehrt und habe dort sehr gute Freunde gefunden. Ich habe als Englischlehrer gearbeitet und wie jeder junge Mensch bin ich auf Partys gegangen. Nach einem besonderen Erlebnis während einer Woo-York-Performance hat es mich richtig gepackt. Das führte dann dazu, dass ich als DJ anfing, Partys organisiert habe und währenddessen Bilder gemacht habe.

Wie ist das Nachtleben in Kiew?
Einfach "Bomba" oder "Bomboschka", was im Deutschen so viel wie "Einfach Bombe" heißt.

Was ist CXEMA?
Cxema ist ein großer Rave, der in verschiedenen Locations in Kiew stattfindet, meistens in heruntergekommenen Lagerhäusern oder wenn es wärmer ist, unter Brücken. Bei Cxema legen die besten lokalen DJs und Produzenten auf.

Wann hast du damit angefangen, die Raves zu fotografieren, und wieso?
Das fing damit an, dass mich der Organisator, der auch ein guter Freund von mir ist, Slava gefragt hat, ob ich nicht Fotos der ersten Cxema-Party machen möchte. Die sind immer und immer größer geworden. Das war wirklich unglaublich cool. Man hat dort die neueste Mode gesehen. Es gibt sogar ein Meme, das das "Cxema Fashion Starter Pack" lächerlich macht. Zu sehen sind ein Trainingsanzug, eine Wasserflasche und eine Sonnenbrille. Die Partys sind sehr wild, sehr authentisch und jung. Solange, wie mich Slava darum gebeten hat, habe ich Fotos gemacht. Das war mir eine Ehre.

Was sind gerade deine Lieblings-DJs und Produzenten aus der Ukraine?
Die beste Live-Performance in Sache Techno liefert Woo York ab. Zwei weitere wirklich gute Live-Performer und aufstrebende Künstler sind Konakov und Wulffius. Beide sind talentiert, mit Ernst bei der Sache und einfach intelligente Kerle. Stanislav Tolkachec erhält die Aufmerksamkeit, die er verdient und gehört zu den talentiertesten Produzenten der Ukraine. In Kiew habe ich gelernt, wie man auflegt und habe mit Leuten wie DJ Borys, Igor Glushko, Noizar, Andrey Shakolin, Vero, Roman K und Texcut abgehangen und sie haben mir viel beigebracht. Alle dieser Leute sind extrem talentiert, bei jedem stehe ich tief in der Schuld für die Erlebnisse, die sie mir ermöglicht haben, als sie hintern den Decks standen und ich auf dem Dancefloor. Wenn ihr neugierig geworden seid, den Underground-Sound von Kiew zu hören, dann hört euch ihre Sets sowie die Tracks auf der Soundcloud-Page von CXEMA an.

Hat sich seit 2013 und der Majdan-Revolution die Art und Weise verändert, wie die Leute feiern?
Cxema entstand indirekt durch die Lage in dem Land. In den Tagen der Revolution war die Stimmung so: Du bist auf dem Majdan, kämpfst stundenlang gegen die Polizei und hattest das Gefühl, dass jeder Tag dein letzter sein könnte. So war es jedenfalls für mich. Die Raver bei Cxema hatten diese Scheiß-auf-alles-Energie, das war übersinnlich. Es war ein magisches Gefühl, die Stufen hinaufzugehen und langsam den Bass immer mehr zu spüren. Dann bist du auf einmal in einem riesigen Raum und siehst tausende tanzende Leute. Es ist wie das Berghain, aber mit mehr Gefühl. Ich erinnere mich noch, wie ich ungläubig und verwundert gelacht habe, als ich es zum ersten Mal gesehen habe. Dann bin ich in die Masse gesprungen und habe mitgetanzt. In diesen wenigen kostbaren Momenten existierten einfach keine Probleme, es kein Leid, man vergisst, dass man kein Geld und Hunger hat. Cxema war die Flucht vor einer schrecklichen Realität. Wir haben unsere Wut und Abscheu durchs Tanzen abgebaut. Ein paar Leute haben Cxema und andere Party während dieser Zeit kritisiert und uns gefragt, wie sie in so einer Tragödie feiern können. Ich kann es nur noch mal wiederholen: Die Raves waren unsere Art damit umzugehen und keine Feier. Das war das einzige, mit dem wir uns in dieser turbulenten und absurden Zeit OK gefühlt haben.

Wie ist es, als junger Mensch im Jahr 2016 in der Ukraine zu leben?
Wenn du eine junge Person aus der Ukraine fragen würdest, dann wäre die Antwort wohl: "Es ist scheiße". Es ist kein Paradies, dort im Moment zu leben. Durch den Krieg und die Wirtschaftskrise ist es wirklich schwer, dort 2016 zu existieren. Es gibt viel Leid und Depressionen. Soldaten, Familienmitglieder sterben. Einen anständigen Job zu finden und Geld zu verdienen, ist ein großes Problem. Das beste ist, diesen schrecklichen und depressiven Scheiß zu vergessen. Und ich glaube für mich und viele junge Leute aus der Ukraine sind Musik und Kunst die Rettung. Sie bieten Ablenkung.

Wonach sehnt sich die ukrainische Jugend?
Wahrscheinlich, dass sie einfach leben können, ohne diese nagende Frage im Hinterkopf zu haben. Die Revolution auf dem Majdan brach aus, weil die Ukrainer einfach einen europäischen Lebensstandard wollen. Ich kann mir vorstellen, dass die jungen Leute "normal" sein wollen und sich nach demselben sehen wie die europäische Jugend im Jahr 2016. Den Luxus zu haben, auf Instagram ein Bild von dem leckeren Essen zu posten, was man gleich verspeisen wird. Ein kreatives Betätigungsfeld zu finden, auf dem man seine Ideen und Gefühle ausdrücken kann.

Wieso ist die Rave-Kultur in der Ukraine momentan so groß?
Meine serbischen Freunde meinten, dass dasselbe dort in den 90ern passiert ist, während des Balkankrieges. In Berlin ist es nach dem Fall der Mauer passiert. Das ist eine Strategie, um mit den Veränderungen klar zu kommen und bietet Ablenkung.

Osteuropa ist für den Westen in Sachen Mode und Musik gerade ein neuer Bezugspunkt. Was hältst du davon?
Es gibt diesen Running Gag, dass Kiew das neue Berlin ist. Es ist wahr, es gibt oberflächlich betrachtet, Parallelen zwischen beiden Städten. Aber ich glaube, wir sind schon sehr gut darin gewesen, dass wir kein weiteres Berlin wurden, sondern etwas Eigenes entwickelt haben. Ein Fotograf aus Osteuropa, dessen Tun ich verfolgt habe, hat mal gesagt: "Vergiss Paris, London oder Berlin, diese Städte sind tot und dort gibt es nichts mehr, was man fotografieren kann." Er ist dann nach Berlin gezogen. Ich glaube aber fest daran, dass jede Stadt ihre eigene Zeit des Widerstands hat. Vielleicht ist Kiew das neue Berlin, aber nur deswegen, weil es – wie Berlin nach dem Fall der Mauer – neue Freiräume bietet.

In der Ukraine herrscht momentan ein sehr kreatives Klima, weil in dem Land momentan einfach sehr viel passiert. Viele haben etwas zu sagen und finden immer Wege, das auszudrücken. Ich hoffe, dass die anderen ihre Stimme noch finden und der Westen endlich zuhört. Kiew ist die schönste Stadt der Welt, nicht weil sie romantisch ist oder besonderen Charme hat – sie ist weder das eine noch das andere –, sondern weil sie der realistischste Ort ist, den ich jemals besucht habe und ist ein Spiegelbild unserer Existenz, im Guten wie im Schlechten. Und sollte das nicht der neue Standard sein, wenn wir "den neuen Osten" beurteilen, darüber sprechen und der ganzen Entwicklung einen Sinn geben wollen?

Credits


Alle Fotos: Sean Schermerhorn und Yana Mihaylenko

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