Diese Fotografin gewährt einen intimen Einblick in die Leben völlig fremder Frauen

Fotografin Anne Collier sammelt auf Flohmärkten private Fotoalben und kuratiert die Aufnahmen so, dass daraus ein einmaliges Zeitdokument über die Darstellung von Frau-Sein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist.

von André-Naquian Wheeler
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11 Januar 2018, 3:40pm

Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/ Toby Webster Ltd., Glasgow; and Marc Foxx Gallery, Los Angeles.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Bevor es Smartphones und Digitalkameras gab, musste man noch richtig etwas investieren, wenn man ein Foto haben wollte. Das Licht musste stimmen, der Film war teuer und entwicklen musste man ihn auch noch lassen. Dieser Aufwand, auch finanzieller Art, machte sogar Aufnahmen, die nur OK waren, und Fotos vor dem eigenen Badezimmerspiegel wertvoll. Flohmärkte sind heutzutage voll von privaten Fotoalben mit einst geliebten Aufnahmen ihrer Besitzer, die sie heute aber nicht mehr haben wollen. Während der Großteil dieser Fotos im Müll landen und für immer verloren gehen, haben es ein paar davon in die Sammlung von der in New York lebenden Fotografin Anne Collier geschafft.

Der Fokus des neuesten Buches der 1970 in Los Angeles geborenen Fotografin, Women With Cameras (Anonymous), liegt auf Frauen, die andere fotografieren. Die Bandbreite der gezeigten Frauen ist beeindruckend: sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, könnten unterschiedlicher nicht aussehen und kommen aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten.


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Anne arbeitet die Gemeinsamkeiten heraus und schafft so ein facettenreiches Bild davon, was Frau-Sein bedeutet. "Ich fand faszinierend, wie weitverbreitet diese Pose ist", erklärt Anne Collier. "Ich habe mittlerweile Hunderte Fotos von Frauen aus den Vierziger-Jahren bis Ende der 90er, die eine Kamera in der Hand halten oder die gerade fotografieren, gesammelt", so die Fotografin weiter.

Bei den Fotografien in Women with Cameras beschleicht einen manchmal ein gespenstisches Gefühl. Sie sind so intim, dass sie einen Blick in die Leben von Fremden gewähren. Die Aufnahmen zeigen, wie sie Geburtstage feiern, im Park chillen oder wie Mütter mit ihren Kindern spielen. Die Sammlerin verrät nicht, in welchem Jahr die Fotos aufgenommen wurden, wie sie sie gefunden hat oder gibt sonst irgendwelche Informationen. Dieser Mangel an Hintergrundinformationen ist für viele User im Jahr 2018 etwas, das sie so gar nicht mehr kennen. Mit ein paar Klicks lässt sich die Geschichte, die hinter einem Foto steckt, meistens in Sekundenschnelle googeln. In Anne Colliers Fall müssen die Fotos für sich selbst sprechen und als Interpretationshilfe ausreichen.

"Alle dargestellten Personen in dem Buch bleiben anonym, weder ich noch die Leser kennen die Namen der Frauen. Die Bilder sprechen für sich und zeigen bekannte Szenarios", so die Fotografin. "Das ist die Art von Foto, die jeder kennt und vielleicht sogar selbst geschossen hat. Die Fotos sind einerseits sehr einzigartig, andererseits auch so generisch, dass sie als universell gelten können", so Anne weiter.

Faszinierend ist Women with Cameras (Anonymous) auch, weil es zeigt, wie sehr sich die Darstellung von Frau-Sein im Laufe von über fünf Jahrzehnten verändert hat. Die Mode verrät dabei viel über die jeweilige Zeit: eine mint-blaue Bluse aus den 70ern und eine Polaroid-Kamera, ein minimalistischer Pullover aus den 80ern mit einer schlichten Kodak-Kamera und in den 90ern waren Plastikbrillen und klobige Digitalkamera hip. Was aber immer gleichgeblieben ist, ist die Freude der Frauen, sich und ihre Leben zu dokumentieren. Das gab es schon immer.

"Women with Cameras (Anonymous)" von Anne Collier kannst du hier kaufen.

Credits


Fotos: Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/ Toby Webster Ltd., Glasgow; and Marc Foxx Gallery, Los Angeles.