Future Terror, 2005

'Future Terror' ist der legendäre Underground-Rave in Japan

Wir haben einen Blick in das Archiv von DJ Nobu geworfen.

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11 März 2019, 11:01am

Future Terror, 2005

Als Jeff Mills 1994 in einem Club in Tokio auflegte, beschrieb DJ Nobu es als eine "Erfahrung, die sein Leben verändert hat". Trotz seines Hardcore-Punk-Backgrounds (er war fest in der Szene seiner Heimatstadt Chiba verankert und spielte in mehreren Bands), hat das Set der Techno-Legende etwas in ihm ausgelöst, das er so noch nicht kannte. "Ich konnte der Technoszene in Tokio damals nicht wirklich viel abgewinnen, deswegen habe ich mich eine Zeit lang davon distanziert", erklärt Nobu im Interview.


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Heute zählt er zu einer der Schlüsselfiguren der japanischen Technoszene, auch wenn sein Fokus mittlerweile auf Disco und House liegt. 2001 gründete er die ikonische Future Terror-Party, die er selbst as "Gegensatz zur damaligen Clubszene in Tokio beschreibt". Sie war und ist bis heute eine Antwort auf die Kommerzialisierung der Clubs und wollte Ravern einen authentischen Ort zurückgeben, ohne Trends und Regeln. "Ich habe Techno mit so einer Wucht erlebt, die mich regelrecht weggeblasen hat, dass ich es selbst ausprobieren musste", erklärt Nobu weiter.

Für uns hat der bekannte DJ in seinem Archiv gestöbert und gibt uns einen Einblick in das Goldene Clubzeitalter Japans. Und als wäre das nicht schon genug, gibt es exklusiv einen unveröffentlichten Mix von Nobu – von einer seiner Future Terror Partys aus dem Jahr 2005.

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Future Terror, 2005.

Was hast du von der Underground-Szene gelernt, in der du so verankert warst?
Chiba, die Stadt aus der ich komme und in der ich immer noch lebe, hatte seit den 80ern ihre ganz eigene lokale Hardcore-Punk-Kultur. Es ist die Art von Musik mit einer starken sozialen Botschaft. Ich habe versucht, zu verstehen, was meine Lieblingsbands mir mit ihrer Musik mit auf den Weg geben wollten. Wenn du jemand warst, der der Gesellschaft frustriert und wütend gegenüber stand, konntest du dich mit den Bands wirklich identifizieren. Ich habe von der Szene auch gelernt, dass du deinem Herz folgen, andere respektieren und keine Angst haben solltest, etwas Neues ins Leben zu rufen. Sie hat meine Sicht geprägt, wie ich politische und soziale Probleme angehe.

Was beschäftigt dich gerade besonders in Japan?
Ich sehe so viel Armut um mich herum, aber das ist nur eines der vielen sichtbaren Probleme. Wahrscheinlich stellst du dir Japan so nicht vor, aber viele Menschen hier haben mit ökonomischen Problemen zu kämpfen. Erst vor Kurzem habe ich Ultrarechte durch die Straßen laufen sehen, die mit Hassparolen um sich warfen – und dabei von der Polizei beschützt wurden. Ich fühle mich oft vollkommen hilflos. Es gibt so viele arme Familien, die nahe am Hungertod sind. Die meisten Pärchen können es sich nicht leisten, ein Kind zu bekommen. Die Bevölkerung droht zu vergreisen und wir schließen immer noch Geflüchtete und Immigranten aus. Ich habe das Gefühl, dass das ganze Sicherheitssystem auseinanderfällt. Und das passiert alles, während unsere Regierung damit beschäftigt ist, Finanzdaten zu fälschen und Trump für den Friedensnobelpreis zu unterstützen. Unser Alltag wird langsam aber sicher zum schlimmsten Albtraum.

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Raw Life.

Was macht Future Terror so besonders?
Unsere Party war eine außergewöhnliche Erfahrung, die es so in keinem anderen Club gab. Wir haben den Ort zur Verfügung gestellt, das Publikum hat die besondere Atmosphäre geschaffen. Wir haben die Leute unterstützt, sich frei zu fühlen und ihre eigene Party zu kreieren. Es fühlte sich wirklich an wie der Anfang einer neuen Ära. Darin steckte so viel Hoffnung und Energie, die ich so noch nie erlebt habe.

An welchen Orten findet die Party statt?
Wir haben gerne einzigartige Orte genutzt wie Beach Parks, Restaurants, Hochzeitsräumlichkeiten und heruntergekommene Gebäude, die bald abgerissen wurden. Jetzt nutzen wir hauptsächlich das UNIT in Tokio und einen lokalen Club in Chiba.

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Wie hast du es geschafft, Future Terror zu dem zu machen, was es heute ist?
Wir haben einfach damit weitergemacht, was uns am Herzen liegt, ohne auf Trends zu achten. Du musst dir immer treu bleiben. Wenn es um das Booking geht, vertrauen wir unseren Ohren und halten nicht viel von Medienpräsenz und Publicity. Unsere letzten Gäste waren zum Beispiel Solar, DJ Stingray, Morphosis, Eric Cloutier, Senyawa aus Indonesien, Goat und Synth Sisters aus Osaka.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass es keinen härteren Job in Japan gibt, als DJ zu sein. Warum ist das so?
Wegen der ökonomischen Rezession. Es wird immer schwieriger, sich einen Zuschlag dazu zu verdienen. Sexismus und die Diskriminierung älterer Menschen sind nur einige wenige Probleme in diesem Geschäft. Zwar geht es bergauf, aber sie sind viel zu tief verankert, als dass sie einfach verschwinden würden. Das abgeänderte Fueiho (ein Anti-Tanz-Gesetz) hilft den kleineren Räumlichkeiten nicht gerade, die das Nachtleben so besonders machen.

Was ist das Wichtigste bei einem Gig?
Überraschung zu erzeugen, das Bewusstsein zu verändern und ein allumfassendes Erlebnis zu kreieren. Meine Sets sollen ein "Mind Trip" sein.

Welche DJs aus Japan sollten wir uns unbedingt merken?
OCCA, HARUKA und Wata Igarashi sind ganz weit oben auf meiner Liste. AKIRAM EN, Sapphire Slows, Keihin, DJ YAZI, Yousuke Yukimatsu und Ena verdienen auch alle einen Platz darauf. Und natürlich der Produzent DAISUKE UCHIMURA.