Fotos: Joost Termeer

Diese Fotografien beweisen, dass wir den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben

Joost Termeers Serie 'This Reminds Me Of An Experience I Never Had' ist eine Parallelwelt – irgendwo zwischen Fake und Realität.

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26 Februar 2019, 9:39am

Fotos: Joost Termeer

"Als ich den Eiffelturm zum ersten Mal in echt gesehen habe, musste ich nur daran denken, wie schön er auf den Fotos ausgesehen hat – und wie hässlich er in der Realität ist", heißt es in der Einleitung von This Reminds Me Of An Experience I Never Had, ein Projekt von Joost Termeer. Der niederländische Fotograf hat gerade erst sein Fotografie-Studium in Utrecht abgeschlossen und will nun der Welt zeigen, welche Kluft zwischen Hype und Realität tatsächlich verborgen liegt. Ein sehr passendes Thema unserer Zeit: zwischen Fake News, Skepsis und dem Problem mit der Authentizität.


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Bilder wirken wie ein falsches Versprechen und machen uns trotzdem neugieriger denn je. Sie sind der Brennstoff für unseren Eskapismus, den wir uns so sehr herbeisehnen. Termeer spielt in seinen farbenprächtigen Arbeiten mit der Verführung der Illusion. Seine Objekte sind so hell und glänzend, dass sie schon fast abwegig erscheinen. Sie erinnern an kandierte Äpfel vom Jahrmarkt und an Motorräder zugleich. An Wandfliesen so blau wie das Meer. So blau wie das Reiseplakat für die Malediven.

Inspiriert von Verpackungsdesign und italienischen Marmorskulpturen haben wir mit dem niederländischen Fotografen über die ununterscheidbare Natur zwischen echt und fake gesprochen.

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Auf deinem Instagram-Account betitelst du deine Arbeiten als " visual vomit" (dt. visuell Erbrochenes). Was hat es mit diesem Ausdruck auf sich?
Ich habe diesen Begriff vor einer Weile hinzugefügt, weil ein Grafikdesigner mich gefragt hat, ob ich etwas für ihn fotografieren möchte. Zuerst musste er aber seinen Business Partner überzeugen, der auf meine iPhone-Bilder mit folgenden Worten reagiert hat: "Ich mag seine Perspektive, aber die meisten seiner Fotos sehen ziemlich schlampig und schlecht bearbeitet aus." Ich wollte mit diesem Ausdruck klar machen, dass viele der Bilder noch nicht fertig sind, sondern visuelle Dinge, die mein Interesse geweckt haben. Ich will mit meinem Profil der Welt meine ganz persönliche Sicht zeigen – und nicht nur meine professionellen Arbeiten.

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Welche Rolle spielt Humor und Übertreibung in deinen Arbeiten?
Beides ist unerlässlich, aber ich will es nicht zum Thema machen. Humor kann eine gewisse Direktheit haben, die deine Aufmerksamkeit erregt. Ich will, dass meine Arbeiten das Echte übertreiben. Dinge, die wir jeden Tag um uns herum sehen wie Werbungen. Ich finde es sehr fesselnd, wie nah diese Bilder an unserer Wahrnehmung der Realität sind, obwohl sie tatsächlich so weit davon entfernt liegen – und trotzdem glauben wir daran. Jeder von uns kann sich einen Sonnenuntergang am Strand von Hawaii vorstellen, aber ich bezweifle, dass er je so aussehen wird. Die Medien haben uns eine bestimmte traumähnliche Realität beigebracht. Diese möchte ich rekonstruieren, indem ich einige surreale Aspekte mit sehr realistischen Bildern kombiniere – meine Arbeiten halten der Illusion stand. Die Stärke meiner Fotografien liegt darin, dass sie sowohl real als auch fake zur gleichen Zeit aussehen.

Wir mögen Tassen mit Bildern sonniger Städte und griechische Restaurants, die falsche Säulen an die Wände pinseln. Wir wollen uns für eine Sekunde in eine andere Welt träumen, in der die Dinge besser und schöner scheinen. Für mich repräsentieren diese Bilder eine andere Welt, die von jemand anderem erschaffen wurde.

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In deiner Serie This Reminds Me Of An Experience I Never Had zeichnest du die sehr nachvollziehbare Kluft zwischen Abbild und enttäuschenden Realität ab.
Der französische Philosoph Jean Baudrillard stellte fest, dass wir das Gespür für das Reale verloren haben. Stattdessen basiert unsere Realität auf Dingen, die wir selbst erschaffen haben. Kopien von Dingen, die wir irgendwo gesehen oder über Dritte gehört haben. Er nennt diese Welt eine Hyperrealität, in der Dinge ihre eigentliche Bedeutung verloren und stattdessen neue erhalten haben. Die Kopie wurde das Original. All diese Kopien sind nun als Codes zu verstehen, mit denen wir unsere Realität formen. Fotografie spielt eine große Rolle dabei. Ich glaube nicht, dass es wirklich schlecht ist, aber es macht generell mehr Probleme, als dass es Vorteile bringt.

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Betrachtest du die Fotografie mit anderen Augen, wenn du daraus später ein Produkt erschaffst?
Die Fotografie ist nur der halbe Spaß bei dem Ganzen. Der andere Teil besteht in der Frage, was aus der Fotografie werden kann. Sie ist im Grunde genommen nur das Material, mit dem ich arbeite. Hoffentlich stellt sich damit dem ein oder anderen die Frage, wie wir mit Fotografie zu tun haben, wenn sie zu einem Produkt oder Objekt wurde. Fällen wir ein Urteil über das Objekt oder die Fotografie? Was ist die wahre Kunst dahinter?

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.