Was passiert ist, als ich zum ersten Mal in Nigeria war

Die deutsche Fotografin Shirin Siebert hat zum ersten Mal ihre Familie in Westafrika besucht und ihre Erlebnisse in Bild festgehalten.

von i-D Staff; Fotos von Shirin Siebert
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Feb. 14 2018, 9:52am

"Ende Dezember bin ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Nigeria geflogen, in das Land aus dem mein Vater stammt. Auf einmal hatte ich endlos viele Onkels, Tanten, Cousinen und Cousins, die mich sofort mit so viel Liebe und wie einen Teil der Familie behandelt haben, obwohl sie mich vorher nicht kannten. So etwas habe ich in Deutschland noch nie gespürt. Meine deutsche Familie besteht aus fünf Menschen, und das Gefühl ist ein ganz anderes.

Noch etwas, das ich in meinem Leben noch nie gespürt habe: weiß zu sein. In Deutschland, oder allgemein in allen Ländern der Welt, in dem die Mehrheit der Menschen eine weiße Hautfarbe haben, werde ich automatisch als schwarz kategorisiert. Ich habe auch kein Problem damit. Ich sehe mich auch selbst als eine schwarze Frau und es war nie eine Frage, dass ich das nicht sei. Als dunkelhäutiger Mensch fühlt man jede Präsenz eines anderen dunkelhäutigen Menschen, und auch jede Nicht-Präsenz, wenn man zum Beispiel die einzige dunkelhäutige Person im Raum ist.


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Diesmal war ich nicht die Schwarze im Raum, sondern die Weiße. Überall wurde ich angestarrt, schon wieder war ich die Minderheit. Mir wurde dauernd gesagt, wie hübsch das weiße Mädchen sei. Natürlich will ich mich nicht über Komplimente beschweren, doch der Gedanke, diese zum Großteil wegen meiner helleren Haut bekommen zu haben, gibt ihnen einen bitteren Beigeschmack. Zum ersten Mal in meinem Leben hat sich die Perspektive auf meine Hautfarbe geändert. Als Person mit einem schwarzen und einem weißen Elternteil wird man von beiden Seiten beeinflusst, identifiziert sich aber größtenteils als schwarz. Ich kenne keinen in meiner Situation, der sich als weiß identifiziert. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist das eigentlich absurd, weil wir ja genetisch genau so viel weiß wie schwarz in uns tragen – gesellschaftlich aber immer noch wie die Minderheit behandelt werden."

Im Allgemeinen hat mir diese Reise gezeigt, dass vieles einfach nur Perspektive ist. Unser ganzes Weltbild wird nur davon geformt, was wir gewohnt sind, wo und unter welchen Umständen wir aufwachsen. Was für uns in Deutschland normal scheint, ist in Nigeria vielleicht undenkbar und umgekehrt. Es existiert keine echte Realität oder Wahrheit darüber, was das richtige Leben ist und was wir brauchen, um glücklich zu sein. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ansichten ändern sich je nachdem, wo wir uns auf dieser Welt befinden. Die Welt ist ein so großer Ort, und man sollte immer offen dafür sein, wie andere Leute aufgewachsen sind." - Shirin Siebert