Lasha Fox gibt dir einen radikalen Einblick in die queere Community Georgiens

"Ich musste das Macho-Schönheitsideal zerschlagen." – Tblisis Jugend zwischen Geschlecht, Sexualität und nackter Körperlichkeit.

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15 Oktober 2018, 9:57am

Tblisi ist seit einiger Zeit in aller Munde – und Fotograf Lasha Fox Tsertsvadze wird dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Geboren und aufgewachsen in der Hauptstadt des konservativen Georgiens setzte er sich schon früh mit Themen auseinander, die die Haare eines jeden einheimischen Patriarchen zum Aufstellen bringen. Nackte Männlichkeit, Femininität, Queerness und nicht-heteronormative Lebensrealitäten bilden der Kern seiner Arbeit, die er "Queer Photography" nennt. Damit bietet er einen einmaligen Einblick in die Kreise, die fernab des homophob-geprägten Mainstreamverständnis stattfinden. Immer wieder hat die Community unter Repressionen und Gewalt zu leiden. So auch im Jahr 2013, als tausende Georgier unter physischen Ausschreitungen einen friedlichen LGBTQI+-Protest beendeten. Oder als zu Beginn dieses Jahres 500 heterosexuelle Paare öffentlich während einer Demonstration gegen Homo- und Transphobie heirateten, es aber nur eine Handvoll Prostetierende aus der LGBT-Community wagte, teilzunehmen. Dieses politische Klima sorgt dafür, dass Lasha einer der wenigen Fotografen Georgiens ist, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Aber Lasha weigert sich, Angst zu haben. "Ich wurde nie verprügelt, da die Leute mir ansehen, dass ich selbstsicher bin", sagt er. Diese Haltung zeigt sich auch in seiner Arbeit. Mit einem scharfen Blick für die Streetwear der 90er Jahre – die offensichtlich auch Demna Gvasalia zu seinen Balenciaga Kreationen inspiriert – bietet Lasha einen interessanten Einblick in die queere Szene Georgiens, die Aktivismus und "Fuck It"-Mentalität in sich verbindet.

Wann hast du realisiert, dass du deine Arbeit der queeren Repräsentation widmen möchtest?
Eigentlich fotografiere ich schon, seitdem ich 16 war – allerdings fing ich erst 2016 an mir wirklich Gedanken darüber zu machen, was ich machen wollte. Zu der Zeit war ich für acht Monate in Dänemark, um ziemlich langweilige Fotos für einen Schulkurs zu machen. Auch wenn ich noch keine Projekte in dieser Richtung gemacht hatte, kannte ich dennoch viele Leute, die daran interessiert waren (halb-)nackt für mich zu posieren. Ein Jahr später resultierte das Ganze in der Gründung von Giorgi, die erste Queer Photography Ausstellung in Georgien. So etwas hat es noch nie gegeben! Ich war mir sicher, dass es eine große Chance für mich und den Rest der Gesellschaft sein würde. Für mich ist es ok, die Person zu sein, die solche krassen Statements setzt. Ich schäme mich nicht, habe keine Angst und auch nichts zu verlieren. Niemals würde ich meine Identität verstecken – alle Leute um mich herum wissen es, was ich bin. I'm a faggot!

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"Me and My Boyfriend" Selbstporträt aus der Serie "Georgian Queer Sexuality"

Hast du mittlerweile deinen eigenen fotografischen Stil gefunden? Wie würdest du ihn beschreiben?
Das ist schwierig. Solange es die Sichtbarkeit der LGBT-Community erhöht und eine gewisse Verletzlichkeit zeigt, ist es für mich und meine Arbeit in Ordnung. Ich mache hauptsächlich Nacktporträts, aber ich fotografiere gern auch junge Leute in auffälliger Second-Hand-Kleidung. Menschen, die bunter und besonderer aussehen als der durchschnittliche Georgier. Diese Models sind häufig nicht-binär und verändern die Gesellschaft auf ihre ganz eigene Art und Weise. Viele meiner Freunde nennen mich deswegen auch einen Modedokumentarist. Ich habe ein Auge für Ästhetik, aber manchmal ist es schwierig für mich zu sehen, dass wirklich jeder Mensch schön ist.

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"Mishel on His Balcony" aus der Serie "Georgian Queer Sexuality"

Was meinst du damit?
Ich bin aufgewachsen wie jeder in Georgien: mit einem sehr maskulinen Macho-Schönheitsideal – das musste ich erst einmal aus mir herausbekommen. Vor zwei Monaten habe ich ein Selbstporträt gepostet auf dem ich Makeup trage und in der Caption geschrieben: "Ich entschuldige mich bei jedem femininen Mann, den ich jemals abgelehnt, blockiert oder ignoriert habe."

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"Self-Portrait Which Represents My Vulnerability and Strength"

Und wie wirkt sich das dann genau auf deine Arbeit als Fotograf aus?
Ich versuche Menschen dazu zu bringen, zu zeigen, wer sie wirklich sind und zu ihrem Körper und ihrer Identität zu stehen. Natürlich ist der erste Schritt dahin, dass ich mit gutem Beispiel vorangehe: mit meinen nackten Selbstporträts, aber auch wenn ich mit Makeup und leuchtend rotem Lippenstift in der U-Bahn sitze und die Reaktionen der Leute in meinen Insta-Stories zeige. Ich glaube fest daran, dass man es Menschen, die nur ein bisschen anders sind, leichter macht, wenn man selbst seine Umgebung damit schockiert, wie extrem anders man ist. Wenn die Leute mich gesehen haben und dann ein Typ vorbeikommt, der einen Ohrring trägt, werden sie sagen: "Das ist in Ordnung, ich habe schon Schlimmeres gesehen." Die Normalisierung dieser Gruppe ist unglaublich wichtig.

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"Temo in His Room With His Golden Fishes" aus der Serie "Georgian Queer Sexuality"

Was für eine Reaktion bekommst du, wenn du deine Arbeit in Georgien präsentierst?
Ich habe in meinen eigenen Kreisen ziemlich viele Fans gewonnen, aber ansonsten bekomme ich nicht viel Feedback oder Aufmerksamkeit. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Georgier von meiner Arbeit absolut angewidert sein würden, wenn sie sie jemals sehen würden... Einmal ging eines meiner Selbstporträts viral, sodass es plötzlich auch Menschen erreichte, die nicht einverstanden sind mit meiner Einstellung. Die Reaktionen darauf waren recht offensichtlich: "Das ist schrecklich", "Georgische Männer müssen maskulin sein", "Männer sollten kein Makeup tragen". Trotzdem würde ich gerne eine freundliche Unterhaltung mit jedem von ihnen beginnen. Ich würde ihnen auch nur wenige Fragen stellen. "Warum denkst du so?" "Warum ist es deine Meinung nach falsch?" "Warum bin ich deswegen weniger Mann?" "Warum beschimpfst du mich?" Sie würden nicht wissen, wie sie darauf antworten sollten, da sie damit rechnen würden, dass ich sie an den Pranger stelle.

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"Bebe on Her Balcony" aus der Serie Georgian Queer Sexuality

Hast du manchmal das Gefühl, dass dein persönlicher Stil ein Hindernis dabei ist, mehr Jobs zu bekommen?
Es kann manchmal schwierig sein, ein freiberuflicher, queerer Fotograf zu sein. In Georgien gibt es keinerlei Geld für den queeren Aktivismus, in dem ich involviert bin. Die meisten Anfragen kommen daher von Leuten außerhalb Georgiens. Dort ist das Interesse an meiner Arbeit und auch daran, sie zu kaufen, sehr viel höher als unter Einheimischen. Die erste Anfrage von einer lokalen Publikation kam erst kürzlich rein – in Berlin wurden meine Fotografien hingegen schon häufig auf beispielsweise Pornceptual oder Post Pravda gezeigt. Manchmal schlagen mich meine Freunde als Fotograf für Konferenzen vor, aber da bekomme ich so gut wie nie Rückmeldungen. Wahrscheinlich weil sie sich meinen Instagram-Account ansehen.

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"Natia" als Teil des Projekts "Don't Worry About Kids"

Wie bringst du deine Models dazu in einem so konservativen Land nackt für dich zu posieren?
Die Leute hier sind okay damit, wenn der nackte, weibliche Körper fotografiert wird, das gleiche gilt definitiv nicht für männliche Körper. Zuerst habe ich nach Models in meinem eigenen Umkreis gesucht – Menschen, die offen homosexuell, bi, queer oder einfach nur ein rebellischer Raver sind. Das erweiterte sich schnell zu Freunden von Freunden und Männern auf Grindr. Einmal ging ich zu Horooms Facebook-Gruppe [Horoom ist eine schwule Party-Reihe in Bassiani, dem größten Techno-Club in Georgien] und machte einen Post, in dem ich öffentlich nach Models suchte. Dieser Post erhielt so viel Aufmerksamkeit, dass ich sogar eine Warteliste für all die Leute erstellen musste, die von mir fotografiert werden wollten. Es ist erstaunlich, dass es die Menschen trotz der konservativen Lage so sehr genießen, schöne Aktporträts von sich selbst zu sehen. Die Leute, die ich fotografiere, sind nicht wohlhabend und haben oft nicht mal eine Perspektive, in höhere Positionen aufzusteigen – und meine Fotos könnten ihre Karriere definitiv noch mehr behindern. Das zeigt aber wieder: die georgische Jugend hat eine echte "Fuck It" -Mentalität entwickelt.

Was hält die Zukunft für Lasha Fox bereit?
Im Moment arbeite ich an einem Projekt über Schönheitsideale, positive Körperlichkeit und ältere Frauen. Vor allem aber möchte ich einfach mit dem weitermachen, was ich gerade tue, und irgendwann so gut darin sein, dass Kunden meine Queerness akzeptieren werden – sie werden mich nicht länger ignorieren können.

Und hier gibt es noch mehr Fotos von Lasha Fox: Instagram und Tumblr.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf i-D US.