jacq erklärt dir, wie strippen sie zu einem besseren menschen gemacht hat

Jacq liebt es zu strippen, verdient unglaublich viel Geld damit und ist die Vorreiterin der „Sex-positive"-Bewegung. Wir trafen die frühere Zoo-Mitarbeiterin und Uniabsolventin in russischer Literatur, um mit ihr über Kunst im Striplokal zu sprechen...

von Jane Helpern
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25 Juni 2015, 11:55am

photography Sam Evans-Butler

Die Bio auf Jacqas Blog, in ihrem Twitter- und Instagram-Account werden regelmäßig mit Updates aus New Yorker Stripclubs versorgt, ihrem Arbeitsplatz. Das liest sich dann so: „Ich tanze. Nackt. Für große (und manchmal auch lächerlich kleine) Summen. Wieso? „Ich mag es, lächerlich nuttig auszusehen, Fremde zu treffen, unangebrachte Unterhaltungen zu führen und 100 Tage im Jahr zu arbeiten."

Jacq ist Teil einer neuen Generation von Sexarbeitern, die die Deutungshoheit über die Erotikindustrie wiedererlangen wollen. Zwar kann die Erotikindustrie immer noch ein extrem ausbeuterischer Ort für junge Frauen sein, aber Jacq ist wie die ehemalige Stripperin Nina Hartley Teil der Sex-positive-Bewegung. Ihre Comedy-Karriere kennt nur den Weg nach oben, im Herbst kommen ihre Memoiren auf den Markt. Jacq wird immer mehr zu einer wichtigen Stimme dieser Bewegung. Wir trafen die frühere Zoo-Mitarbeiterin und Uniabsolventin in russischer Literatur, um mit ihr über Kunst in Striplokal zu sprechen und warum du den Begriff „exotische Tänzerin" aus deinem Vokabular streichen solltest.

Ist Begriff „Stripperin" politisch korrekt oder abwertend?
Ich liebe den Begriff Stripperin. Der Begriff „exotische Tänzerin" ist ein weiterer, trauriger Versuch, unseren Job etwas zu nennen, was er nicht ist. Dieser Begriff ist mit einer aufoktroyierten Scham verbunden. Alles, was das Wort „exotisch" vor dem Wort „ Tänzerin" tut, ist, uns als Tänzerinnern zu ächten. Klar tanzen wir. Aber wir verwandeln uns auch in andere Charaktere, strippen, preisen uns an, verkaufen uns und schließen den Deal. Das ist verdammt viel mehr als meine verdammten Hüften zu beschissener Musik zu wackeln.

Etwas sagt mir, dass du dich nicht so sehr um politische Korrektheit scherst.
Ich bevorzuge den Begriff „herrlich anstößig". Was hätte ich als Stripperin, Autorin und Comedian davon, politisch korrekt zu sein? Ich wäre pleite und umgeben von Grillen. Meine Moral ist nuttig, witzig und feministisch. Und wenn politisch korrekt nicht in diese Gleichung passt, dann macht es mir nichts aus.

Wann hast du als professionelle Stripperin angefangen?
Ich war in Sydney, nachdem ich für sechs Monate in Bangkok gelebt habe und durch Südostasien gereist bin. Ich war total pleite, habe mich von 0,99 Cent Haferflocken-Tüten ernährt und dachte mir ‚Scheiß drauf, ich werde Stripperin'.

Was macht einen Stripclub cool und was scheiße?
Die schlimmsten Clubs sind die, wo dich die Manager wie eine Melkkuh behandeln und dir deine Menschlichkeit verweigern. Es gibt nicht viele, aber es gibt sie. Dort passieren so absurde Dinge wie die Kündigung nachdem du einen Drink von einem Kunden abgelehnt hast oder dir 200 Dollar dafür berechnen, dass du dich ohne Krankschreibung krankgemeldet hast. Diese Clubs sind wahnsinnig schlechte Arbeitsplätze und ich denke das Publikum geht genau aus diesen Gründen dorthin. Diese Kunden nennen wir „Captain Save-a-Ho". Er träumt davon, dich aus dieser Situation zu befreien. Gähn.

Der Gestank von einem biergetränkten Teppich hat etwas beruhigend Vertrautes. Ich bin ein großer Fan von kleinen Striplokalen. Mag sein, dass man nicht so viel verdient, aber die Arbeit dort ist angenehmer und die Atmosphäre freundlicher. Ich habe in einem Lokal in Santa Fe gearbeitet. Der Manager hat allen Mädchen jede Nacht Essen aus seinem Restaurant mitgebracht. Kostenlos! Das war ein toller Club. Die Mädchen waren süß und freundlich und der DJ hat Musik gespielt, die ich tatsächlich höre.

Es ist tragisch, dass sich einige Stripclubs immer noch „Gentlemen's Clubs" nennen. Es gibt keine Gentlemen in besagten Clubs! Das sind Buden mit geilen Kerlen und das ist OK. Beim Strippen geht es nicht darum, Klasse zu zeigen. Es geht darum, dass zwei mündige Erwachsene gegen ein gewisses Entgelt eine gute Zeit haben. Hört auf damit, euch die Sache schön zu reden!

Wie reagieren darauf, wenn du sagst, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst?
Frauen fragen mich, was ich trage. Dann erzählen sie immer ihre eigenen Erfahrungen mit Sexarbeit. Jede Frau hat eine. Die meisten Männer sagen das: „Du musst ja Männer wirklich hassen". Es zieht mich echt runter, dass Männer das denken. Weil es bedeutet, dass sie selbst manchmal denken, dass sie manchmal ein wertloses Stück Scheiße sind und nichts daran ändern wollen. Ich warte auf den Tag, an dem ich einem Mann sage ‚Ich bin Stripperin' und er antwortet ‚Vielen Dank für die gute Unterhaltung, ich weiß es zu schätzen. Hier sind sind tausend Dollar und ein Burrito".

Kannst du uns von einem Moment erzählen, an dem Strippen gut für dein Selbstbewusstsein war?
Das erste Mal war verrückt. Ich stand auf einem Podest, splitterfasernackt, ein alter, schräger Australier saß da und starrte mich an. Fünfzehn Minuten später war ich um 50 Dollar reicher. Das hat mein ganzes Leben verändert.

Kannst du uns von einem Moment erzählen, wo es das nicht tat?
In Stripclubs haben Frauen die Macht. Das macht Männer nervös. Also versuchen sie verschiedene Persönlichkeiten aus, um herauszufinden, wie sie existieren sollen, ohne die Kontrolle zu haben. Das Ergebnis ist oft eine Schar aus traurigen, unhöflichen Idioten, die mit Überkompensation zu tun haben. Trotzdem ist es immer noch besser, als irgendeine Straße in New York entlangzulaufen oder alleine die U-Bahn zu nehmen.

Dein Blog ist toll.
Danke! Ich war schon immer irgendwie eine Geschichtenerzählerin. Ich hatte ein paar lustige Blogs während der Uni, aber ohne mir weitere Gedanken darüber zu machen. Als ich dann mit dem Strippen angefangen habe, dachte ich mir ‚Man findet hier so viele Informationen und so viel unfreiwillige Komik. Ich muss diesen Dienst der Menschheit erweisen'.

Erzähle mir mehr über das Projekt „#100DaysofPleasantries".
Das Magazin The Great Discontent posaunte über dieses Kunstprojekt „The 100 Day Project" mit Künstlerin Elle Luna auf Instagram rum. Dabei geht es darum, jeden Tag für 100 Tage etwas zu kreieren. Um eine Gewohnheit zu entwickeln, den künstlerischen Schaffensprozess zu stimulieren und auch für Stressabbau, wenn man unter dem Druck steht, etwas Perfektes schaffen zu müssen. Anfangs wollte ich nur den Scheiß aufschreiben, der mir oder bei mir auf Arbeit gesagt wird, dann habe ich aber gemerkt, wie viel Spaß mir das Zeichnen macht. Dann hat mir meine Ehefrau Buntstifte und jetzt habe ich genug Chuzpe, um mich Illustratorin zu nennen. Jeden Tag lasse ich etwas entstehen, das die Leute zum Lachen bringt. Das ist das Ziel im Leben.

Was willst du damit erreichen?
Eines der Dinge, die ich an Stripclubs liebe, ist, dass sie zu den letzten Orten auf der Erde gehören, wo man seine Ruhe vor Selfies und dem ganzen Rumgeknipse hat. Fotografieren ist strengstens verboten, dadurch bleiben sie diese verdammten magischen Orte! Es gibt diese schrecklichen Versuche, Dokumentationen über Stripper zu drehen und ich denke mir immer nur ‚Ihr könnt nicht mit einer Kamera in einen Stripclub. Ihr werdet nicht finden, wonach ihr sucht. Jeder wird sich verstellen.' Ich versuche genau das mit meiner Erzählweise zu verhindern, ohne Einschränkung der Authentizität vom Gesagten oder Gefühltem.

Glaubst du, dass das Stigma von Sexarbeit jemals verschwinden wird?
Ganz langsam. Ich möchte, dass die Arbeit, die ich leiste, zum Kanon von Frauen gehört, die das ändern.

Warum tun sich die Leute schwer damit?
Erstens, weil ich meinen Job liebe. Zweitens, dass ich darüber in ein Mikrofon in Comedy Clubs spreche. Das macht Leute nervös. Ich kann diesen Fakt genießen oder nicht. Comedians haben schon immer Witze über Strippe gemacht. Jetzt sind wir an der Reihe.

Was steht als nächstes bei dir an?
Meine Memoiren The Beaver Show erscheint im Herbst. Es ist eine Reisegeschichte darüber, wie mich Strippen zu einer besseren Person gemacht. #100DaysofPleasantries wird auf jeden Fall die 100 Tage überleben, das steht fest. Eine fantastische Stickereikünstlerin verwandelt einige der Bilder in Stickereien. Ich erzähle Witze. Und strippen natürlich!

Credits


Text: Jane Helpern
Fotos: Courtesy of Jacq The Stripper

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