die beauty-branche hat ein rassismusproblem

Wieso ist der erschwingliche Teil des Kosmetikmarktes für Menschen mit dunklerer Hautfarbe im Vergleich so klein?

von Lynette Nylander
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12 August 2015, 2:25pm

Photography Christoph Wohlfahrt

Ende letzten Monats machte das sudanesische Model und Aktivistin Nykhor Paul auf Instagram auf die Ignoranz der Kosmetikbranche gegenüber dem Problem von schwarzen Frauen und Make-up aufmerksam. „Liebe Weiße in der Modewelt", heißt es einleitend in dem Post. „Versteht das bitte nicht falsch, aber es wird Zeit, dass ihr verdammt nochmal unsere Komplexität begreift! Wieso muss ich mein eigenes Make-up zu professionellen Shows mitbringen, wenn die ganzen weißen Mädchen nichts weiter tun müssen, als zu erscheinen WTF". Dieser Kommentar schlug im Internet ein wie eine Bombe und daraus entwickelte sich eine Diskussion um Ethnien; eine Diskussion, die die Modewelt bisher eher ignoriert hat. Tatsächlich hat seit dem Artikel „Is Fashion Racist?" im Jahr 2008 in der amerikanischen Vogue, in dem Jourdan Dunn und Chanel Iman beschreiben, wie es ist, „das schwarze Mädchen" zu sein und wie sie immer wieder verwechselt werden, kein Artikel mehr für so eineBerichterstattungin den Mainstream-Medien gesorgt.

In einem Interview mit Style.comAnfang dieses Monats erläuterte Nykhor Paul, ein ehemaliges Gesicht von Louis Vuitton, ihren Instagram-Post genauer: „Ich bin in dieser Branche schon ziemlich lange. Es gab keinen direkten Auslöser dafür. Es ist ein ständiger Kampf. Dadurch, dass man mit Make-up-, Haut- und Haarproblemen zu kämpfen hat, fühlt man sich fehl am Platz, besonders wenn man motiviert und bereit erscheint, um seinen Job als Mannequin zu erledigen. Das mache nicht nur ich durch - vielen Mädchen ergeht es genauso

Das hatte sie über die Debatte, die ihr Instagram-Post ausgelöst hat, zu sagen: „Das Echo war überwiegend positiv - außer ein paar Kommentaren im Internet", erklärte sie. „Die negativen Kommentare stammen von Leuten, die das Gefühl hatten, ich greife ihre Ethnie an. Aber jeder, der aufmerksam meine Kommentare gelesen hat, wird feststellen, dass das nicht meine Absicht war." Nykhor lobte im Interview auch das Internet als Werkzeug, um auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. „Ich liebe Social Media", sagt sie. „Die Leute haben keinen Platz mehr, um rassistisch zu sein. Es wird auf irgendeiner sozialen Plattform erscheinen, jemand wird es festhalten und die Rassisten entlarven."

Die Anzahl der Meldungen, die Nykhors Kommentare ausgelöst haben, scheinen darauf hinzudeuten, dass ein Model, das Rassismus in der Modewelt anprangert, etwas Seltenes ist. Aber wie wir alle wissen, ist sie nicht die Erste, die das macht. Im Jahr 2013 gründeten die Supermodels Naomi Campbell, Chanel Iman und Bethann Hardison die Diversity Coalition und schrieben einen offenen Brief an alle Top-Modehäuser und riefen diese zu größerer Vielfalt auf den Laufstegen und zu einem Boykott der Labels auf, die sich nicht daran halten. In einem aktuellen Interview mit i-D erklärte Jourdan Dunn: „Wenn ich auf einer Fashionshow laufe und das einzige schwarze Model bin, dann passt mir das nicht. New York und London sind die besten Orte, was das angeht. Für mich persönlich war Mailand nicht so schlimm, aber ein paar schwarze Mädchen gehen dorthin und werden nie gebucht, null. Das ist wirklich schrecklich." Auch das in New York lebende Model Brandee Brown äußerte sich gegenüber i-D zu diesem Thema und beklagte die Ignoranz,wenn es darum geht, ihr Haar für ein Fotoshooting zu stylen, wenn sie gebucht wird.

Schwarze Mädchen unter ihnen haben sofort weniger Auswahl als weiße Mädchen in derselben Situation. Die unterschwellige Message davon, dass es das Make-up für dich nicht gibt, ist die erste ernüchternde Erfahrung, dass du anders bist, dass du dunkler bist - und dass es ein Problem ist.

Abseits des Laufstegs sieht es nämlich nicht besser aus. Nykhors Erfahrung, dass Make-up-Artists nicht richtig mit ihrem Hautton arbeiten, spiegelt sich in der gesamten Kosmetikindustrie wider, die laut dem Marktforschungsinstitut Lucintel 2017 schätzungsweise 265 Milliarden Dollar umsetzen wird. Während Premiummarken wie NARS, M.A.C und Bobbi Brown zu den Pionieren gehören, die ein weites Spektrum an Make-up für unterschiedliche Hauttöne anbieten, sieht es am unteren Ende des Kosmetikmarktes dünn aus. Dort gibt es weniger Auswahl, auch wenn man das Gegenteil annehmen sollte, da die Marken in diesem Segment günstigere Produkte anbieten und einen Massenmarkt bedienen. Ironischerweise gehören die meisten Kosmetikmarken zu den wenigen Großkonzernen — vom Massenmarkt bis zu den Luxuslabels, das Wissen und die Expertise sind da. Der mangelnde Auswahl für diejenigen, die auf erschwingliches Make-up angewiesen sind, ist die noch bittere Pille.

Das kann ich durch persönliche Erfahrung bestätigen. Zwar sind die schicken Kosmetikcounter und ihre Preisschilder heute für mich im Rahmen des Möglichen, aber mein 15-jähriges Ich hatte Schwierigkeiten damit, Make-up für meinen medium-schwarzen Hautton zu finden. Zwar konnte ich Mascara und Lip Gloss nutzen, aber mein schmales Budget und die magere Auswahl bedeuteten, dass ich durch die extrem helle Grundierung auffiel und mich fehl am Platz fühlte. Besonders als ich Bilder von schwarzen Mädchen im Fernsehen und in Magazinen sah. Die Wirkung? Der dumpfe Schmerz, dass ich nicht in der örtlichen Einkaufsstraße das kaufen konnte, was meine helleren und weißeren Altersgenossinnen kaufen konnten, und dass ich woanders suchen musste.

Das kann zwar noch als unglückliche Fügung durchgehen, aber die größeren Auswirkungen davon sollten nicht zu leicht genommen werden. Viele junge Mädchen werden ihre ersten Erfahrungen mit Make-up im nächstgelegenen Drogeriemarkt mit ihrem Taschengeld machen. Schwarze Mädchen unter ihnen haben sofort weniger Auswahl als weiße Mädchen in derselben Situation. Die unterschwellige Message davon, dass es das Make-up für dich nicht gibt, ist die erste ernüchternde Erfahrung, dass du anders bist, dass du dunkler bist - und dass es ein Problem ist. Es ist die deutliche und düstere Wahrheit, dass die Privilegien der Weißen bis in die Kosmetikcounter reichen. Make-up zu kaufen ist für junge Mädchen ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens zu einer Zeit, in der man nichts weiter will, als dazugehören und sich seinen Weg durch die Jugend mit so wenig Aufmerksamkeit wie möglich bahnen will. Mit einer höhnischen Bemerkung über das Erscheinungsbild oder einer verletzenden Bemerkung über den Look kann man leicht das Selbstbewusstseins eines jungen Mädchens zerstören. Und dieses Problem ist außerhalb multikultureller Großstädte noch latenter.

Aber Firmen können nicht nur die Jourdan Dunns, die Beyoncés, Lupita N'yongos und Frieda Pintos als einfache Marketinggags nutzen, sondern sie müssen dafür sorgen, dass ihr Make-up wirklich für alle Frauen im Drogeriemarkt in ausreichender Auswahl erhältlich ist, egal wie schmal ihre Geldbörse oder wie dunkel ihr Hautton ist.

Lass dir nichts vormachen, für Marken ist es schön bequem zu sagen, dass es keinen Markt für erschwingliche Produkte oder Treatments für dunklere Hauttöne gibt. Aber wir sind hier nicht am Eisstand. Nur weil Vanille am beliebtesten ist, darf man nicht Schokolade bestellen? Dieser Vergleich mag lächerlich wirken, aber genauso lächerlich ist es, dass eine Branche sich einen lukrativen Markt entgehen lässt. Der Black Beauty-Markt wird auf 7,5 Milliarden Dollar geschätzt und schwarze Frauen geben laut WWD im Durchschnitt 80% mehr als ihre weißen Pendants auf der Suche nach Beautyangeboten, die ihren Bedürfnissen entgegenkommen, aus.

Julie Bell von Benefit Cosmetics, das zu zum LVMH-Konglomerat gehört, sagte dem britischen Guardian, dass „die Entwicklung von dunkleren Grundierungen eine Herausforderung ist. Die Bandbreite von Hauttönen ist so unglaublich groß und Frauen mit einem dunkleren Hautton haben unterschiedliche Grundtöne in ihrem Gesicht, das macht es schwerer, die perfekte Farbe zu finden."

Zwar mag das Testen und die Herstellung von dunklerem Make-up mehr Zeit und anfangs einen nominalen Betrag mehr kosten, aber ohne Zweifel ist der kulturelle Betrag, den wir für Marken zahlen, die kein Make-up für alle produzieren, höher. Aus der Idee, Produkte für alle Ethnien herzustellen, eine Unannehmlichkeit für Marken zu machen, die von großen Multis mit weit verzweigten Produktions- und Distributionsmöglichkeiten kontrolliert werden, grenzt ans Absurde und es handelt sich bei dieser Problematik um die gleiche wie bei Mode für Übergrößen. Die Kosmetikbranche für den Massenmarkt möchte einfach nicht die Vielfalt anbieten, die sie muss. Marken werden besser und schwarze Frauen sind mittlerweile Markenbotschafterinnen für große Kosmetikmarken, aber Firmen können nicht nur die Jourdan Dunns, die Beyoncés, Lupita N'yongos und Frieda Pintos als einfache Marketinggags nutzen, sondern sie müssen dafür sorgen, dass ihr Make-up wirklich für alle Frauen im Drogeriemarkt in ausreichender Auswahl erhältlich ist - egal wie schmal ihre Geldbörse oder wie dunkel ihr Hautton ist. 

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Text: Lynette Nylander
Foto: Christoph Wohlfahrt

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