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„carol“ von todd haynes ist die wohl schönste liebesgeschichte des jahres

Wir trafen den Regisseur und ließen uns erklären, wie die Zusammenarbeit mit Cate Blanchett und Rooney Mara am schönsten Film des Jahres war und wie sich lesbische Liebe seit den 50ern verändert hat.

von Colin Crummy
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17 Dezember 2015, 12:05pm

Carol ist der siebente Film von Regisseur Todd Haynes und sein bester. Die Geschichte von zwei Frauen, die sich in der McCarthy-Ära in den 50ern in einem New Yorker Kaufhaus kennen- und liebenlernen ist der Mainstream-Durchbruch für den Indie-Regisseur, ohne dass er dabei Abstriche an der queeren Botschaft machen musste. Cate Blanchett spielt die Titelrolle Carol, eine reiche Frau, die in einer lieblosen Ehe gefangen ist. In Pelz gekleidet kauft sie bei der 19-jährigen Verkäuferin Therese, gespielt von Rooney Mara, eine Spielzeugeisenbahn für ihre Tochter. Nach einem kurzen Gespräch und verstohlenen Blicken macht Carol den ersten Schritt und vergisst absichtlich ihre Lederhandschuhe und ihre Kontaktdaten. So beginnt ein zaghafter und gefährlicher Tanz, der schließlich zu einer leidenschaftlichen Affaire führt.

Carol ist die Verfilmung des Romans The Price of Salt von Patricia Highsmith, in dem die besessenen Gedankengänge des Sich-Verliebens durch die Augen von Therese dargestellt werden. Phyllis Nagy, der das Drehbuch schrieb, erweitert die Geschichte um Carols Gefühlswelt. Die ältere Frau ist genauso verletzlich und trotzig wie ihre jüngere Geliebte. Regisseur Todd Haynes schafft es mit seinem sinnlichen und langsamen Stil die Zuschauer für diese Geschichte zu begeistern. Wir trafen ihn und ließen uns erklären, wie genau er es genau getan hat.

Wie wurden die Schauspieler auf ihre Rollen vorbereitet?
Was Cate und Rooney bei ihrer Vorbereitung auf ihre Rollen geholfen hat und was ich gerne mit ihnen geteilt habe, war mein Image-Buch für den Film. Darin hatte ich visuelle Bezüge und Sets gesammelt, die einen Eindruck vom Style und der Atmosphäre, die ich mir vorgestellt hatte, vermitteln. Ich stelle dieses Buch für den DOP zusammen, aber ich weiß, wie nützlich es auch für die Schauspieler ist. Ich habe ihnen Kopien vom Dokudrama Lovers and Lollipops [eine Romanze aus dem Jahr 1956, die in New York spielt] anfertigen lassen, davon fanden sich Szenenbilder in dem Image-Buch. 

Was hat dich an dem Roman fasziniert?
Ich fand es toll, wie er den Leser im Dunkeln und ratlos lässt. So ist es doch bei uns allen, wenn wir uns zum ersten Mal verlieben. Plötzlich nimmt man die Umwelt viel intensiver wahr, als man es normalerweise tun würde. Wenn man sich verliebt, bezieht man die Texte der banalsten Liebessongs im Radio auf einmal auf sich selbst und identifiziert sich mit ihnen. Alles entwickelt eine Bedeutung, die wir aber auch brauchen, weil wir uns unsere Gefühle nicht erklären können. Wir tappen im Dunkeln, wir sind verloren.

Ist die individuelle Perspektive deswegen in Carol so wichtig?
Die Geschichte im Roman wird komplett aus Thereses Sicht erzählt. Wie wir diese Sichtweise etablieren und uns dann in der Verfilmung von ihr lösen, war mir wichtig. Wenn wir uns verlieben, versuchen wir, herauszufinden, wie die andere Person fühlt. Diese Suche wird in Carol ziemlich weit geführt. Bis beide zu ihren Gefühlen stehen und ihre Liebe vollendet wird, vergeht viel Zeit. Therese befindet sich länger in diesem Zwischenstadium als Carol. 

Was für eine Rolle spielt die Homosexualität dabei? Zumal es in den 50ern schwierig war, diese Erfahrungen zu beschreiben?
Das ist es, was die Geschichte so unvergesslich macht. Auch wenn wir eine Sprache für das Sich-Verlieben gefunden haben, auch wenn jeder Popsong die Lücken dafür zu füllen scheint, kann man es immer noch nicht begreifen und verstehen. Wir zeigen mit dem Film, dass es damals so war und eigentlich auch heute noch so ist. Es gibt keine Sprache für diese Art von Liebe. Es ist sogar egal, ob es dabei wirklich der historischen Wahrheit entspricht, dass es 1952 kaum Repräsentationen von lesbischer Liebe gab, denn man würde sich trotzdem hilflos verliebt vorkommen.

Die Produktion des Films dauerte 15 Jahre. Ist Carol anderes, weil er im Jahr 2015 gedreht wurde, wenn man bedenkt, wie weit die ganze Schwulen- und Lesbenbewegung gekommen ist?
Ich habe so meine Zweifel daran, dass wir uns als Gesellschaft immer weiterentwickeln und toleranter werden. Ich glaube aber schon, dass in den USA - und im Westen im Allgemeinen - die einfachsten Menschenrechte für Schwule und Lesben zu einem Anliegen für die kritische Masse geworden sind. Zumindest was das breite Publikum angeht, hat es der Film heute vielleicht leichter als vor 15 Jahren. Die Zeiten haben sich geändert.

Aktuelle Filme des schwulen Kinos wie Stonewall wurden dafür kritisiert, dass sie sich zu sehr an den Mainstream assimilieren. Spielte das bei Carol eine Rolle?
Wir hatten mit Patricia Highsmith einfach eine großartige Drehbuchautorin, die es versteht, die menschliche Natur und das menschliche Verlangen ohne Gefühlsduselei oder Romantisieren darzustellen. Sie gab uns etwas, mit dem wir wirklich arbeiten konnten. Deshalb mussten wir gar nicht darüber nachdenken, ob wir diese Person beleidigen würden oder jene Gruppe zufriedenstellen müssen. Durch den Roman war schon viel vorgegeben. 

Patricia Highsmith wusste selbst, wie es war, Ende der 1940er als Frau andere Frauen zu lieben. Wenn es vielleicht ein Buch vom jemanden gäben würde, der bei Stonewall dabei war, dann würden die Filme über Stonewall vielleicht weniger unter dem Geschrei leiden, wer denn nun die authentischere Geschichte erzählt oder ob etwas schöngefärbt wurde.

Was wäre wohl aus Therese und Carol geworden?
Das weiß ich nicht. Das sind keine echten Personen. Sie stehen aber für Dinge, die echten Personen passiert sind. Die Welt hat sie herumgeschubst und sie sich gegenseitig, am Ende des Films sind es andere Personen als zu Beginn. Wir wollten zumindest erreichen, dass der Zuschauer das Gefühl hat, dass sie zusammen eine Chance hätten.

Carol läuft ab heute im Kino.

Credits


Text: Colin Crummy
Foto: Cameron Wittig