das problem mit feministischer körperbehaarung

Von Lesben mit behaarten Beinen bis zu Miley Cyrus’ pinken Achselhaaren, Haare scheinen zum Hauptschlachtfeld auf dem Weg zur Befreiung der Frau geworden zu sein. Werden dabei aber Women of Color ignoriert?

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22 Oktober 2015, 1:10pm

Im Jahr 2015 wurde Körperbehaarung wieder Teil des feministischen Mainstream-Diskurses, von bonbonfarbenen, feministischen Tumblr-Blogs bis hin zu seriösen akademischen Blogeinträgen. Überall proklamieren Frauen ‚Haare sind zurück!' und es herrscht kein Mangel an zu meist weißen Prominenten, die sich für die Sache einsetzen.

Zwar ist jeder Schritt in Richtung einer Gesellschaft, in der Frauen die Natürlichkeit ihres Körpers wertschätzen können, zu unterstützen, aber die Körperbehaarungs-Bewegung denkt ein bisschen zu kurz, besonders in Sachen Women of Color. Das Private ist persönlich, und jede Bewegung, die Frauen dabei unterstützt, weniger Zeit, Geld und Energie in ein ihnen aufgezwungenes Beautyregime zu widmen, ist ohne Zweifel positiv. Aber der Body-Hair-Feminismus der vierten Welle dreht sich fast ausschließlich um die Körper von weißen Frauen mit keiner oder nur geringer Körperbehaarung. Women of Color wird oft das Gefühl gegeben, dass wir immer noch aufgrund unserer von Natur aus dunkleren und sichtbareren Haare nicht Teil des Diskurses sind.

Und es ist tatsächlich so, dass viele dieser Bewegungen sich ausschließlich mit dem Rasieren der Beine, Achseln oder des Intimbereichs beschäftigen. Der Haarentfernungsprozess für Women of Color - besonders für die aus Lateinamerika, dem Nahen Osten und Südasien - beinhaltet oft mehr als diese Basics. Ich entferne Haare auf meinen Beinen, in meinen Achseln, im Intimbereich, auf dem Rücken, auf dem Bauch, den Armen, im Gesicht und sonst, in unterschiedlichen Abständen und mit einem ganzen Arsenal an Haarentfernungsprodukten seitdem ich 14 bin. Die Wahrheit ist, dass Women of Color ihr ganzes Leben haarig genannt werden, und zwar meistens von weißen Frauen. Obwohl die Scham, die weiße Frauen mit ihrer Körperbehaarung verbinden, an dem Spott und Missbrauch durch Männer liegt, haben die meisten meiner hauptsächlich weißen Partner nie Probleme mit meiner Körperbehaarung gehabt oder sie bemerkt. Für mich war die Haarentfernung immer ein Akt der Assimilierung an die weiße Gesellschaft. Bevor ich mir Sorgen darüber machen musste, dass ich mich Junge zu haarig finden, hatte ich schon etliche Erfahrungen mit weißen Frauen, die mir das gesagt haben, gesammelt.

Der feministische Diskus im Westen ist sehr auf das Thema Haarentfernung und Unterdrückung fokussiert: wie teuer und schmerzhaft sie ist und wie viel Zeit Frauen damit verschwenden und wie viel besser wir als Frauen dran wären, wenn wir nicht die Zeit, das Geld und die Energie mit solchen trivialen Dingen verschwenden würden. Diesen Sommer habe ich aber drei Wochen im Iran verbracht; ein von Haarentfernung besessenes Land. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind meine glamourösen Cousinen verächtlich anschaute. Ich dachte, dass sie nur deshalb so sehr auf ihr Aussehen achten und so wenig auf alles andere, weil sie oberflächlich und verwöhnt sind. Aber für iranische Frauen - und auch Männer -, die unter einem Regime leben, in dem Sittsamkeit und Frömmigkeit bestimmend sind, ist der Akt, die Arm- und Beinhaare zu entfernen und diese Körperteile dann zu zeigen, ein Akt von Widerstand und Protest. Im Iran wird ein haarloser Körper mit einer Haltung oder einem glamourösen Lebensstil verbunden; dass man gepflegt ist und auf sich achtet; dass man moderner oder westlicher ist. In ihrem Buch über die sexuelle Revolution im Iran schreibt Pardis Mahdavi, dass für viele junge Iraner „soziale Verhaltensmuster zum Experimentierfeld für politische Reformen wurden - eine ruhigere, weniger offensichtliche Form von Rebellion." Während ich darauf gewartet habe, dass mir meine Augenbrauen in einem der vielen Beautysalons in Teheran gezupft werden, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wie komisch wäre es, wenn iranische Frauen über die neueste Front im Geschlechterkampf im Westen Bescheid wüssten: das Recht, Schamhaare auf Instagram zu zeigen. Für diese Frauen ist Schönsein selbst Ausdruck von Protest und Körperbehaarung ist mit diesem Look nicht kompatibel.

Wieso diese neueste Form von Körperbehaarungs-Feminismus so besonders fade ist, liegt daran, dass Frauen - und Women of Color im Besonderen - oft drängendere Probleme haben. Wie die immer für eine Kontroverse gute Azealia Banks letzten Monat auf Twitter schrieb: „Frauen haben viel wichtigere Probleme, über die sie sich Gedanken machen müssen, als Muschi-Behaarung oder ob sie auf Instagram einen Nippel zeigen dürfen oder nicht".

Es ist absolut OK, wenn du deine Haare sprießen lässt, aber wenn das im Jahr 2015 deine einzige Sorge als Feministin ist, dann zeigst du damit nur deine Achselhaare und dein Privileg als Weiße.

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Credits


Text: Niloufar Haidari