Homophobie in der Modelbranche muss endlich aufhören

Marc Sebastian Faiella ist Absolvent der Parsons School of Design und arbeitet seit drei Jahren als Model. Außerdem ist er schwul und hat Homophobie im Modelbusiness aus erster Hand erfahren. Hier erzählt er seine Geschichte

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26 März 2015, 2:00pm

Marc Sebastian Faiella walking out of J.W. Anderson in a Rise Up Sisters T-shirt from MBMJ.

Nachdem ich bei meiner ersten Agentur in New York unterschrieben hatte, kam ich in einen Raum mit zwei Agenten, die mir sehr klare Ansagen machten: Ich solle immer mein Skateboard mit mir herumtragen, nie meine Haare waschen und ständig über Mädchen sprechen, damit ich „schön maskulin und Bad Boy" rüberkomme. Ich war sprachlos und schon kurz davor, den Ratschlag an- und das alles ernst zu nehmen. Und dann bin ich aus der Agentur gestürmt und habe nicht einmal zurückgeschaut. Ein Jahr später unterschrieb ich bei meiner jetzigen Agentur in Paris. Die hat mich nicht nur mit all den anderen Agenturen zusammengebracht, für die ich jetzt weltweit arbeite, sondern mir mit ihrem Vertrauen und der ganzen Unterstützung noch mal klargemacht haben, wie sehr die „weisen Worte" dieser beiden Agenten nichts anderes als versteckte Schwulenfeindlichkeit waren.

Bob Dylan hat in The Times They Are a-Changin' wohl kaum über eine Gruppe schwuler Models gesungen, die der Homosexuellenfeindlichkeit mutig entgegentreten, aber genau wie damals verändert sich gerade etwas. Drei Jahren sind vergangen, seit ich mit Modeln angefangen habe, und von meinem ersten Casting bis heute war ich Zeuge einer tiefgreifenden Veränderung bei meinen schwulen Modelkollegen.

Das hier ist die Modelbranche, in der wir Mädels die Königinnen sind. Es ist unmöglich, in einer Fashion-Strecke oder bei einer Show zu sehen, wie hoch unsere Stimmen sind oder ob in unserem Schlafzimmer eine Regenbogentapete hängt. Das muss keiner wissen.

Ich weiß, dass ich erst seit kurzer Zeit in der Branche bin und ich weiß, dass ich nicht für frühere Generationen männlicher Models sprechen kann. Aber ich weiß auch, dass viele Veteranen sich an keine stolz und offen schwulen Männermodels von früher erinnern können. In den letzten drei Saisons habe ich erfahren, dass ich nicht der Einzige bin, der die neue Flut an „warmen Brüdern" unter uns Models bemerkt hat. Ich kann mich an mehr als ein Mal erinnern, als einer in High-Heels erschienen ist oder wo zwei Jungs bei einem Casting Händchen gehalten haben. Ich hab ihn gleich angefeuert (vor allem indem ich in die Luft schnippste und jede Menge nette Sachen nach ihm rief, die ich aus RuPauls Drag Race hatte). Im Gegensatz zur repressiven Atmosphäre von früher finden es die Menschen in der Branche heute ungemein einfach, sich schwule Models ins Gedächtnis zu rufen. Die sich geoutet haben, loud and proud.

Was hat sich da also verändert? Spürbar war der Wandel gerade in den letzten drei Jahren auf jeden Fall. Ich habe mir diese Frage oft zusammen mit vielen andern schwulen Models gestellt - „Schwestern", wie ich sie nenne - und ihr positives Feedback zum Fehlen jeglicher Negativität in Bezug zur Sexualität war inspirierend, wenn auch nicht sonderlich überraschend. Wir leben in Zeiten, in denen „du selbst zu sein" nicht nur respektiert wird, sondern auch wirklich die einzige Option ist. Als Kinder, die damit aufgewachsen sind, ausgeschlossen zu werden, konnten diese Jungs die Augen nicht davor verschließen, dass sich schwule Models vor nicht allzu langer Zeit noch „vermännlichen" mussten, um Caster, Klienten und Agenturen zu überzeugen.

Gleichzeitig liegt trotz aller Stärke und Solidarität definitiv noch Homophobie in der Luft. Wenn ich mich mit meinen Schwestern unterhalte, kriegt man mit, dass viele bei Castings noch immer mit den gleichen Vorurteilen kämpfen, die ich aus meinem ersten Modeljahr kenne. „Bei manchen Castings werde ich geradezu paranoid: Erwarten die von mir, auf eine bestimmte Weise zu schauen, mich so oder so zu verhalten und so und so zu sein? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Erwartung auch in den Köpfen der Caster existiert", sagt Lewis Goodacre. Und obwohl es immer mehr offen schwule Models gibt, sind einige Agenturen noch immer gnadenlos konservativ, wenn es um die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit in den sozialen Netzwerken geht. Jacob Mallinson Bird, auch unter seinem Drag-Namen Dinah Lux bekannt, erinnert sich da an ein bestimmtes Ereignis: „Ich schminkte einem Freund Drag-Make-up, als ich zur Fashion Week in New York war. Er hat ein Bild davon auf Instagram hochgeladen und es bekam viele Likes und Kommentaren. Später erzählte er mir, dass er es löschen musste, weil seine Agentur sagte, es sei nicht das „Bild", das sie von ihm haben wollte. Ich war schon überrascht und froh, eine Agentur zu haben, die mich regelrecht pusht, mein Ding zu machen.

Marken wie Jean Paul Gaultier, J.W. Anderson oder Craig Green verändern die Art, wie wir Gender definieren. Models sind stille Schauspieler, die gefragt werden, eine bestimmte Persona darzustellen oder eine Stimmung, ein Gefühl zu erzeugen. Solange wir das hinbekommen, warum sollte es einen Unterschied machen, wenn einige lieber Jungs küssen?

Ich glaube daran, dass meine Schwestern mit gutem Beispiel vorangehen, nicht nur für die Zukunft des Modelns, sondern für alle jungen Männer, die sich im Angesicht der Diskriminierung von unserem Trotz inspirieren lassen. Jeder dieser Jungs hat die Chance bekommen, ohne negative Folgen so zu sein, wie er sein will. Joel Mignott sagt: „Wenn ich zu Castings gehe, werde ich lieber dafür gecastet, wer ich bin, als eine Illusion zu schaffen oder eine Rolle zu spielen, um besser zum jeweiligen Job zu passen." Zumal ein offener Umgang mit dir selbst und deiner Sexualität dir zum Aufstieg und so manchem Nischenjob in der Branche verhelfen kann. Genau das war der Fall bei meinen Mit-Schwestern Jack Taffel und Joe Brotherton, die damals ein Paar waren. Von Alister Mackie gestylt und von Alasdair McLellan fotografiert, haben die beiden eine größere Modestrecke für AnOther Man eröffnet, in der sie ihre Beziehung zur Schau stellen. Eine der ikonischsten schwulen Strecken, die ich bis dahin je gesehen habe.

Ich möchte nicht, dass du glaubst, dass ich die Branche als einen Mob von aggressiven Schwulenhassern sehe, denn das trifft so nicht zu. Diskriminierung passiert eher unbeabsichtigt. Tatsächlich war einer der Agenten, der mir damals diese netten Sachen sagte, selbst schwul. Vielleicht haben sich diese Leute einfach zu sehr daran gewöhnt, wie es immer war und was die Kunden immer erwartet haben, ohne zu realisieren, was sie da eigentlich machen.

Gewissermaßen ist meine Entscheidung, das hier so öffentlich zu diskutieren, beinahe lächerlich. Im Grunde ist es noch immer die Modelbranche, in der wir Mädels die Königinnen sind. Es ist unmöglich, in einer Fashion-Strecke oder bei einer Show zu sehen, wie hoch unsere Stimmen sind oder ob in unserem Schlafzimmer eine Regenbogentapete hängt. Niemand muß wissen, dass wir uns in den Pausen meines letzten Shootings mit Mit-Schwester Harry Smart über Lace-Front-Perücken und Schuhabsatzgrößen unterhalten haben, während wir auf dem Aston Martin posierten. Mir hat mal einer gesagt, dass Kunden keine Jungs mögen, die zu feminin sind, weil „es die Vorstellung von der Maskulinität der Marke ruiniert". Verzeihung, wenn ich falsch liege, aber seit wann hat eine Modefirma die Autorität oder das Mitspracherecht, über Gender-Fragen und Männlichkeit zu urteilen? Wenn es nach mir geht, wird es immer Marken geben, die unentwegt die Vorstellung, was ein Mann zu tragen habe in Frage stellen. Marken wie Jean Paul Gaultier, J.W. Anderson oder Craig Green (unter anderen) verändern die Art, wie wir Geschlecht definieren, und die Art, wie wir mit unserer Kleidung Bezug dazu nehmen. Models sind stille Schauspieler, die gefragt werden, eine bestimmte Persona darzustellen oder eine Stimmung, ein Gefühl zu erzeugen. Solange wir das hinbekommen, warum sollte es einen Unterschied machen, wenn einige von uns lieber Jungs küssen?

Vielen Dank an alle meine Schwestern und ihre Unterstützung beim Verfassen dieses Artikels, an meine Agenturen dafür, dass sie mich nicht ein einziges Mal gebeten haben, mich zu verändern, um besser reinzupassen, und vielen Dank an i-D, mir eine Plattform zu bieten, um unsere Geschichte erzählen zu können. @MarcSebastian

Credits


Text: Marc Sebastian Faiella