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litefeet: über das kürzlich kriminalisierte underground subway dancing

Der Debütfilm von Scott Carthy „Litefeet“ lässt die berühmte New Yorker Dancecrew W.A.F.F.L.E zum letzten Mal tanzen.

von Lily Bonesso
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09 Januar 2015, 2:00pm

Die Geschichte der W.A.F.F.L.E Crew ist eng mit der von New Yorker Behörden in den 90ern eingeführten Nulltoleranzstrategie verbunden. Der Polizeichef von New York, William Bratton, berief sich für seine Kriminalitätspräventionsstrategie auf die sogenannte Broken-Windows-Theorie, laut der verwahrloste Gebiete, wie leer stehende Häuser mit zerbrochenen Fenstern, in denen Bagatelldelikte, wie Graffiti, offener Drogenhandel oder Prostitution stattfinden, eine Atmosphäre von Gesetzlosigkeit schaffen und so die Hemmschwelle für schwerwiegendere Verbrechen senken. Sie hofften, dass sie indem sie gegen Ordnungswidrigkeiten, wie dem Performen in der U-Bahn, vorgehen, schwere Gewalttaten wie Mord und Vergewaltigung verhindern.

Was der neuste Gesetzesentwurf jedoch nicht berücksichtigt, sind die Auswirkungen auf das kulturelle Leben von New York. Litefeet ist eine Form des Streetdance, die in Harlem und der Bronx entstanden ist. In diesen legendären Stadtteilen regierte einst Angst und Gewalt, wobei sich gleichzeitig aber auch ein ungeahntes Reservoir an Kreativität entwickelte, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Das spiegelt sich im Aufkommen von HipHop, Breakdance und vielen anderen Disziplinen wider. Litefeet selbst kann man als eine Mischung aus Harlem Shake, Chicken Noodle Soup, Aunt Jackie und Tone Wop beschreiben. 

Nachdem mich Scott McCarthy in diesen faszinierenden Kontext eingeweiht hat, beantwortete er mir einige Fragen über den Film selbst.

Erzähle mir mehr über Litefeet.
Es geht darum, du selbst zu sein. Litefeeters verwenden für ihren Tanz oft Gegenständen wie einen Hut oder Schuhe. Die Stange in den U-Bahn-Waggons war eine logische Weiterentwicklung davon. Die besten U-Bahn-Tänzer kopieren ihre Moves nicht. Sie sprechen darüber, wie wichtig gegenseitiger Respekt und die Weiterentwicklung von Geschicklichkeit ist. Am meisten hat mich beeindruckt, dass sie sich ausschließlich von innen heraus entwickelt hat: die Moves, die Musikproduktion und die Plattformen, auf denen sie performen. Alles, was sie hatten, war die Stange. 

Wie oft gab es diese Performances?
Ab einem gewissen Punkt war es nur noch verrückt: An großen Stationen warteten manchmal fünf Gruppen, um einsteigen zu können. Es ist auch bekannt, dass es zwischen den Performern und der Oeffentlichkeit Spannungen gab. Nicht alle Crews waren so gut wie W.A.F.F.L.E., wodurch es nicht verwunderlich ist, dass viele New Yorker am Ende einfach nur noch genervt waren.

Kannst du mir die Atmosphäre während des Filmens beschreiben?
Ich bin mit den Ergebnissen zufrieden, weil die Aufnahmen die Stimmung so gut eingefangen haben. Die Leute haben es geliebt. Manche mussten dafür umdenken. Die Reaktionen waren auch nicht immer positiv: Einige haben nicht einmal raufgeschaut. Ich glaube, wenn man so etwas in dieser Umgebung macht, reagieren die Leute oft nach dem Motto „Ich möchte das nicht sehen". Aber im letzten Waggon, in dem ich gefilmt habe, wurde kräftig applaudiert. 

Was machen die Tänzer, nun da sie nicht mehr in den U-Bahn-Waggons tanzen können?
Viele Crews, wie W.A.F.F.L.E, haben aufgehört. Es gibt aber noch Gruppen, die immer noch tanzen und sie werden besser und besser. Einige Tänzer, mit denen ich zusammengearbeitet habe, performen jetzt in den Expresszügen, weil die Abstände zwischen den Haltestellen länger sind. Sie steigen ein, überprüfen den Waggon, warten bis der Zug losgefahren ist, fangen mit ihrer Show an und hören zwei Minuten vor dem nächsten Halt auf.

Und wer ist das kleine Kind?
Nasir, auch genannt „Kid Break" - er ist erst fünf Jahre alt! Er wird sicher einmal einer der besten Tänzer der Stadt werden. Natürlich erhält er Aufmerksamkeit, weil er so jung ist, aber seine Skills entwickeln sich in rasantem Tempo. Er tanzt mit den Litefeeters in den Zügen, aber auch viel Breakdance. Daneben trainiert er mit den Old-School-B-Boys. Er ist ein Tausendsassa. Sein Vater musste ihn öfter beiseitenehmen und ihm sagen, dass er es ruhiger angehen lassen soll. Er tanzte oft für zwei Minuten durch, während alle anderen nur 30 Sekunden hatten. Ich würde gerne ein Videoarchiv mit ihm beginnen: Jedes Mal, wenn ich in der Stadt bin, filme ich seine Fortschritte. 

Was hat dich dazu gebracht, den Film zu drehen?
Die Fotoserie von Bruce Davidson über die New Yorker U-Bahn hat mich inspiriert. Man schaut die Bilder an und weiß, wie es damals zugegangen sein muss. Er hat mit seinen Kameras Stunden da unten verbracht, immer mit einem Messer in der Tasche, falls irgendwas passieren sollte. Es ist klasse, wenn sich jemand einer Sache verschreibt, nur dafür, dass Leute es in 20, 30 Jahren sehen können. Ich wünsche mir, dass Leute meinen Film eines Tages anschauen und denken, wie crazy es war. 

Hast du einen Lieblingstrack im Film?
Ja, der Song der letzten Szene „Paper Trails" von Darkside [das Projekt von Nicholas Jaar und Dave Harrington]. Daraus ergibt sich ein unglaublich starker Gegensatz zwischen dem aggressiven Tanzstil und der Musik. Das schafft ein komplett anderes Visual. Viele Leute schreckt außerdem die tatsächliche Musik, die bei den Performances läuft, ab, wodurch der Tanz als Konsequenz an Attraktivität verliert.

Scott Carthy hat bereits mit einem Film über eine andere New Yorker Dance-Community begonnen. Veröffentlicht wird dieser 2015 von FACT Magazine.

scottcarthy.co.uk

Credits


Interview und Text: Lily Bonesso