troye sivan beweist, dass man trotz coming-outs sein junges, weibliches publikum nicht verliert

Aus der YouTube-Sensation Troye Sivan ist mittlerweile ein Popstar geworden. Sein legendäres Coming-out-Video wurde fast sieben Millionen Mal geklickt.

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Juni 7 2016, 1:40pm

Troye wears Coat Ports 1961. Coat (worn underneath) Dries Van Noten. Waistcoat (worn underneath) Wrangler from Breuer Dawson Archive. Jeans Evisu. Badges stylist's own. 

Troye Sivan, der YouTuber Schrägstrich Pop-Liebling aus dem Westen Australiens, ist gerade mal 20 Jahre alt und macht seit fast zehn Jahren erfolgreich YouTube-Videos. Er teilt so viel, dass man das Gefühl hat, dass er schon alles gesagt haben muss. Doch für Storys über den Popstar ist das ganz hilfreich. Geboren wurde er in Johannesburg und aufgewachsen ist er in Perth, mit 12 Jahren entdeckte Troye das Star-Potenzial des Internets, als ihm sein Cousin einen Link „zu dieser Website YouTube" geschickt hat. Angetrieben hat ihn die Vorstellung, vor mehr Menschen zu singen als er das jemals in der lokalen Shopping Mall hätte tun können, so entschied sich der Michael-Jackson-Besessene, eine Cover-Version hochzuladen. Mehrere Videostunden voller Salt-and-Ice-Challenges, Rainbow-Cake-Fails und One-Direction-Cover später und der Rest ist eine fernsehtaugliche Geschichte davon, wie junge Menschen durch das Internet berühmt werden. Bis zum 7. August 2013, als Troye das Video Coming Out hochgeladen hat. In acht Minuten erklärte der damals 18-Jährige seinen Abonnenten, was er seinen Eltern drei Jahre davor erzählt hatte. 6,7 Millionen Views später und sein Leben veränderte sich für immer.

„Im wahren Leben war ich so was von schwul, aber ich war nicht öffentlich geoutet", sagt mir Troye, als wir uns in London im Rahmen des europäischen Abschnitts seiner Blue Neighborhood Tour treffen. „Ich hatte Twitter geöffnet, fast über Zac Efron getwittert und es dann aber doch nicht getan. Und dann dachte ich mir: ‚Warum mache ich das?'. Warum macht mir das so viel aus? Ich glaube nicht, dass mein Publikum ...'". Natürlich lagen die Gründe, warum er sich so viel Gedanken darum gemacht hat, viel tiefer, als es sein Publikum hätte ahnen können. Neben seiner Sexualität hat Troye auch die Neuigkeit für zwei Monate geheim gehalten, dass er mit EMI Australia einen Traumplattenvertrag abgeschlossen hat. Das Label war von einem Song beeindruckt, den er selbst geschrieben hat und der auf dem Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green basiert. Troye wusste, dass die konventionelle Popmusikbranche immer noch eine heteronormative Angelegenheit ist—trotz ihrer ganzen Born-This-Way-Folklore. Was er aber auch wusste, dass das Internet kein Ort der konventionellen Popmusikbranche ist. „ In der Zeit, als ich mich selber kennengelernt habe, habe ich mich zu 100 Prozent dem Internet zugewandt. Ich hatte auf jeder Plattform für schwule Jugendliche anonyme Accounts. Ich habe mir jedes Coming-out-Video auf YouTube angeschaut. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich dem Internet Dank schulde. Ich hatte das Gefühl, dass ich dem Internet meine Geschichte schuldig bin."

Suche auf YouTube nach Coming-out-Videos und du wirst Tausende ähnlicher Videos finden. Daraus ist ein ganzes Genre geworden: selbst gedrehte Erklärungen und jeder macht mit, von YouTube-Kollegen wie Connor Franta (10,6 Millionen Views) und Ingrid Nilsen (14,7 Millionen) bis zum Olympiasieger Tom Daley (11,8 Millionen Views). Diese Videos sind ein wichtiger Teil der Online-LGBT-Kultur geworden. Durchs Vloggen behalten die Nutzer Kontrolle über ihr Coming-out. Und was noch wichtiger ist: Diese Videos sind sehr, sehr effektiv. „Ich musste mich schon lange nicht mehr vor jemandem outen", lacht Troye. „Es ist so, als ob man mit einem Stein auf einen Schlag Millionen Vögel tötet." Das Video wurde nicht nur enorm positiv aufgenommen („eine überwältigende Welle der Unterstützung und Liebe, nichts hat sich verändert"). Das Coming-out räumte auch mit einem Mythos des Musikmarketings auf: Dass Sänger das Risiko eingehen, ihr junges, weibliches Publikum zu verlieren, wenn sie sich outen. Mädchen sind anscheinend ein einziges gedankenloses, heulendes Hormonbündel. Das heißt aber nicht, dass auf den Konzerten von Troye nicht auch gekreischt wird. „Um ehrlich zu sein, weiß ich immer noch nicht, wieso Mädchen auf meine Konzerte kommen und sich so verhalten, wie sie sich verhalten", sagt er bescheiden und reagiert eines Teenie-Popstars würdig. „Für mich fühlt sich das mehr wie Freundschaft an. Bei Leuten wie Justin Bieber geht es vielleicht eher um ihren Status als Sexsymbol. Ich habe das Gefühl, dass sie mich einfach in eine Decke einhüllen und mich mit nach Hause nehmen wollen."

Das mag zwar teilweise stimmen, aber es dürfte viel eher daran liegen, dass seine Musik gut ist. Richtig gut. Viel besser, als man es von einem früheren Kinderschauspieler (Troye spielte 2009 in X-Men Origins: Wolverine mit) Schrägstrich Internet-Persönlichkeit Schrägstrich Popmusiker erwarten würde. „Als mich EMI unter Vertrag genommen hat, war ich so skeptisch wie jeder andere auch", gibt Troye am Ende unseres Gespräches zu. „Ich dachte nur, wieso nimmt mich dieses Plattemlabel unter Vertrag? Was wollen die von mir? Was wollen sie aus mir machen? Ich habe sehr viel Glück, dass nichts davon passiert ist." Herausgekommen ist letztes Jahr das hochgelobte Album Blue Neighborhood, ein Triumph von Wir-müssen-hier-weg-Pop und ein Album das zu Troyes Engagement in Fragen der Identitätsbildung passt. Bei seinen Konzerten nimmt er sich Zeit, um über sein Coming-out zu diskutieren, und Jugendliche auf der ganzen Welt liegen ihm zu Füßen. Darunter auch Taylor Swift, die seine Musik in einem Twitter-Shoutout „wild und großartig" nannte. Vom Time Magazine wurde er in die Liste der 25 einflussreichsten Teenager aufgenommen, auf der auch keine Geringere als die Nobelpreisgewinnerin Malada Yousafzai steht. „Wenn ich auf der Bühne stehe und ich mir das Publikum anschaue, dann sehe ich smarte Kids, ich sehe gut anzogene Kids. Ich sehe Leute, die älter als die Kids sind, was cool ist. Ich sehe viele Schwule. Ich sehe glückliche und aufgeregte Leute. Das ist alles so inspirierend", so Troye.

Wie haben andere Musiker auf seinen Durchbruch reagiert? „Er war einfach anders und viele Leute kommen damit nicht so klar", antwortet er vage. „Ich musste nicht in Bars singen oder mein Demotape an Plattenfirmen schicken. Dafür habe ich aber viel Zeit in die Videos investiert, in den Schnitt und in den Versuch, online eine Community aufzubauen. So wird die Zukunft aussehen: Immer mehr Leute kommen aus dem Online-Bereich und bald wird man nicht mehr unterscheiden, wer aus dem Internet kommt und wer nicht." Doch Troye vergisst seine Internetwurzeln nicht. „Das ist offensichtlich für alles sehr wichtig. Nicht nur für die Karriere, sondern auch für die persönliche Entwicklung. Die Plattform und das Publikum ist mit mir erwachsen geworden. Na klar haben sich ein paar Dinge verändert, aber warum sollte ich das aufgeben?"

Alles aus unserer The Futurewise Issue findest du hier.

Credits


Text: Matthew Whitehouse
Fotos: Leon Mark
Styling: Tara St Hill
Haare: Naoki Komiya at Julian Watson Agency verwendet Kiehl's since 1851
Make-up: James O'Riley at Premier Hair and Make-up verwendet Tom Ford
Fotoassistenz: Henry Hewitt
Stylingassistenz: Rebecca Davis, Carmen Hudgens. 
Troye trägt Coat Ports 1961. Mantel (darunter): Dries Van Noten. Weste (darunter): Wrangler aus dem Breuer Dawson Archive. Jeans: Evisu. Button: Stylist's own.