„wenn du einen hetero nervös machst, dann ist das sein problem“

Der Mann hinter „Cakeboy“, Sean Santiago, hat genug von Schubladendenken, Grenzen und der Dominanz von weißen Schwulen, die heterolike zum Standard erheben.

von André-Naquian Wheeler
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02 November 2016, 11:09am

Man kann durch fast jedes Schwulenmagazin blättern und man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von nackten Sixpacks, perfekten Kinnlinien und blauen Augen erschlagen. Maskulinität und Weiße sind in der schwulen Medienwelt prominent vertreten. Was es kaum gibt, sind Publikationen, die den Standpunktvon Normalos vertreten und die Meinung von queeren People of Color abbilden. Sean Santiago, Gründer von Cakeboy, arbeitet hart daran, dieses Bild zu ändern. 2015 hat er die erste Ausgabe veröffentlicht. Damit möchte er dem ganzen Spektrum der LGBT-Community und ihren Erfahrungen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient haben. Er nennt es „disruptive faggotry", auf Deutsch so was wie störende Tunten. „In der Schwulenkultur finden wir überall diese Hetero-Verehrung, was ich abstoßend finde, um ehrlich zu sein", erklärt Santiago den Begriff und die Mission seines Magazins. „Ich glaube, dass schwule Männer immer noch zu sehr einem männlichen Idealbild verpflichtet sind. Der Begriff disruptive faggotry feiert all das, was so toll daran ist, tuntig oder affektiert zu sein. Wir versuchen nicht, einem bestimmten Typ zu gefallen, der ein Wertesystem internalisiert hat, das ihn langsam von innen heraus zerstört." Nach drei erfolgreichen Printausgaben hat sich Santiago kürzlich entschlossen, Cakeboy ins Internet zu verlegen, um den Zwängen einer halbjährlichen Erscheinungsweise zu entgehen. Wir haben mit ihm über sein alternatives queeres Magazin gesprochen, wie er es im Internet mit seinem Überfluss an Clickbait und Sixpacks schaffen will und wie er die allgemeine Sichtweise von Queer-Sein verändern will.

Welche persönlichen Erfahrungen von dir stecken im Ton und im Inhalt von Cakeboy?
Dass ich mich einsam gefühlt habe. Ich wünschte, dass wir uns alle an den Händen fassen könnten und uns auf LinkedIn connecten.

Du legst den Fokus auf Ideen, die die schwule Maskulinität erkunden. In der „Über uns"-Sektion auf der Website listest du einen Mix von Interessen auf, darunter Jagen und Ass Play. Wie wird schwule Maskulinität in den Medien dargestellt? Und was möchte Cakeboy an dem Bild ändern?
Diese Sektion ist eher als Witz gemeint. Aber es geht dabei um etwas Grundsätzliches: um die engen Vorstellungen von Männlichkeit, von denen ich denke, dass sie für die Medienindustrie eher eine Last sind. Ich wollte einen Platz in der Männerwelt finden, aber in Highheels und mit gutem Lippenstift. Ich habe im Editor's Letter für die zweite Ausgabe geschrieben, dass wir immer noch mit Wegen experimentieren, um die Vielfalt von Queer-Sein und unsere ganzen Persönlichkeiten zu zeigen. Ich habe genug vom Schubladendenken, Grenzen und Einschränkungen. Das Leben ist hart, komplex und frustrierend. Es macht nicht immer Spaß und es ist gefährlich, als sein wahres Ich zu existieren. Ich versuche, die Dinge mit einer gewissen Leichtigkeit anzugehen. Ich möchte, dass Cakeboy ein Ort ist, der Spaß macht; der für ein gutes Gefühl sorgt, ohne dass man sich schlecht fühlt und ohne dass man sich ausgeschlossen und allein fühlt!

Was ist die größte Herausforderung für Cakeboy?
Dass Facebook über den ganzen Online-Traffic für alle Websiten wacht, ist für Medien generell schlecht. Die Vorstellung, dass—da wir nun online sind—Algorithmen über den Kontakt zu unserem Publikum mitentscheiden, finde ich nicht sonderlich toll. Ich vermisse die Art und Weise, wie Printprodukte das umgehen. Aber wir konzentrieren uns auf eine Sichtweise und die Leute sehen unsere Inhalte hoffentlich sowieso. Das ist eine große Herausforderung. Wir erreichen wir unser Publikum ohne Clickbait? Wie erreichen wir es, ohne oberkörperfreie, menschliche Dildos zu zeigen? Subtilität scheint nicht zu den Stärken des Internets zu gehören, das wird sich hoffentlich ändern.

Wie stellst du sicher, dass unterschiedliche Stimmen und Erfahrungen zu Wort kommen?
Man muss schon sehr beschränkt sein, um zu denken, dass die queere Community nicht vielfältig ist und dass ihre Wurzeln nicht in ihrer Unterschiedlichkeit liegen. Als ich mit dem Designer und CrossFitter Ciege zusammengearbeitet habe und überlegt habe, wie wir seine Geschichte erzählen und in welchem Format, wurde auf Facebook ein Video von einem durchtrainierten, weißen Typen geteilt, der nach konventionellen Maßstäben als attraktiv gelten kann. Nach dem Sport fängt er zu tanzen an. Die Geschichte wurde so verkauft: „Es ist so beeindruckend, dass er auf diese Art Männlichkeitstabus thematisiert". Das hat mich wütend gemacht. Der Artikel über Ciego musste so schnell wie möglich online gehen. Ciego ist toll und er sollte gefeiert werden, weil er einfach fantastisch ist und so gute Sachen macht. Wir müssen diese Mentalität endlich durchbrechen. Wir müssen aufhören, mittelmäßige Leute zu feiern und sie als „Veränderung" zu hypen. Denken die Leute wirklich so?

Wie ist dein Netzwerk entstanden?
Oft ist es so gewesen, dass ich ihre Arbeiten aus dem Internet oder Social Media kannte. Das waren in 90 Prozent der Fälle so. Wir haben uns dann persönlich getroffen und miteinander gesprochen. Das hat dann zu anderen Projekten, Artikeln und Kollaborationen geführt. Ich rufe fast jeden Autor einfach so an. Das wird sich hoffentlich im Laufe der Zeit, wenn die Marke größer wird, ändern. Die Leute waren immer ziemlich offen, besonders weil es dieses komische Kunstprojekt ohne Finanzierung ist.

Hast du Ratschläge für junge LGBT-Autoren, -Künstler und Kreative? Vielleicht etwas, das du gerne gehört hättest, als du junger warst?
Die Sichtbarkeit von Tunten hat sich verbessert und Tunten werden immer selbstbewusster. Die jungen Leute finden und unterstützen sich auf Instagram, Tumblr und YouTube. Es gibt immer mehr Plattformen, die für Sichtbarkeit sorgen und denjenigen eine Stimme geben, die sonst marginalisiert oder schlicht ignoriert werden. Wichtig ist, dass man für Kritik und Feedback offen bleibt, wenn man in einem kreativen und professionellen Umfeld arbeitet, und sich dadurch nicht entmutigen lässt oder diese Kommentare als eine Bewertung seiner Person versteht. Als ich jünger war, habe ich das oft getan. Ich habe Kritik in den falschen Hals bekommen und das Gefühl gehabt, dass ich mich kleinmachen müsste, nach dem Motto: Je sichtbarer meine Homosexualität und je wohler ich mich damit gefühlt habe, desto weniger wurde ich ernst genommen. Aber ich habe eins gelernt: Wenn du einen Hetero nervös machst, dann ist das sein Problem.

cakeboymag.com

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Credits


Text: André Naquian-Wheeler
Fotos: Courtesy of Sean Santiago

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