wie junge marokkaner von einer besseren zukunft in frankreich tagträumen

Der Fotograf Ilyes Griyeb fängt die Fantasien und die Realitäten junger Marokkaner ein, die von einer Flucht nach Frankreich träumen. Für sie ist Frankreich das gelobte Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten und des Glamours.

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03 August 2016, 10:20am

„Für den Rest der Welt ist Amerika sowohl die Demonstration als auch ein Museum von Macht", schrieb der französische Philosoph Jean Baudrillard 1986 in seinem Buch Amerika über seine Reisen durch die USA. Doch für die marokkanische Jugend ist Frankreich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Grund genug für Ilyes Griyeb, einen 26-jährigen Fotografen aus Marokko, der in Paris lebt, diese Faszination näher zu ergründen. Seiner Meinung nach, ist Amerika eine Idee—ein symbolischer Ort fernab der Heimat, der Flucht, Erfolg, Hypermodernität und Dekadenz verkörpert. „Wir haben alle unser eigenes, persönliches Amerika. Für viele Marokkaner ist ihr Amerika eben Frankreich", erklärt er uns. Und im Besonderen meint er mit „Marokkaner" dabei die Männer, die er für seine Fotoreihe Moroccan Youth porträtiert hat. In den Fotos spiegeln sich die Leben seiner Cousins und seiner Freunde wider. Alle sind Mitte Dreißig und vertreiben sich die Zeit, indem sie Gras rauchen, abhängen und auf den Beginn des echten Lebens warten. Und dieses echte Leben beginne mit Frankreich als imaginärem Ausgang, der sich aber nie materialisiere.

Nach dem brutalen Algerienkrieg in den 50ern und Anfang der 60er, in dem es um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich ging und an dessen Ende dies auch erreicht wurde, sind fast eine Million Nordafrikaner geflohen. Aus Angst vor Vergeltungsaktionen der Nationalen Befreiungsfront, kurz FLN. „Frankreich fühlt sich wegen der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit vertraut an. Es gibt eine gemeinsame Sprache, die Kultur ist bekannt. Die marokkanische Jugend hat die gleichen popkulturellen Bezugspunkte wie die französische Jugend. Wir kennen alle die Geschichte von dem einen Onkel, der es geschafft hat. Für einige ist Frankreich zum Land der Autos, der Restaurants und der blonden und blauäugigen Frauen mit großen Hintern geworden", sagt Griyeb über die Vorstellung der Jugendlichen in Marokko über Frankreich.

Sie warten auf den glücklichen Zufall, der aber nie eintreten wird. Diese Nicht-mehr-allzu-junge-Jugend schustert sich in den sozialen Netzwerken den Anschein eines erfolgreicheren Lebens zurecht, der sich so sehr von ihrem von Schufterei geprägten Alltags unterscheidet: einen Roller, den sie sich wahrscheinlich mit mehreren Freunden gemeinsam gekauft haben und teilen, Markenklamotten, schöne Freundinnen und wilde Partynächte. Doch das ist nur um den schönen Schein zu wahren, es ist Dekoration. Ein angeblicher Erfolg, der der Gruppe präsentiert wird. „Man kann nie zugeben, dass die Flucht niemals stattfinden wird", so Ilyes.

Durch die Fotoreihe wird der krasse Kontrast zwischen dem Leben, den die Männer vorgeben zu leben, und ihrer einsamen, langsamen und entmutigten Realität gezeigt. Ein ähnliches Phänomen ist bei den Leuten zu beobachten, die es tatsächlich nach Frankreich geschafft haben. Viele französische Familien marokkanischer Herkunft, die jeden Sommer zurück nach Marokko kommen („au bled" genannt—zurück nach Hause ins Dorf), spielen vor, erfolgreicher zu sein als sie wirklich sind. „Ein paar Familien kommen zurück, geben ihr ganzes Geld aus, um zwei Wochen Erfolg vorzugaukeln. Sie verschwenden ihr ganzes Geld für richtig teure Mietwagen, um so zu tun, als ob in Frankreich alles super läuft. Das nährt nur die Fantasie und die Frustration der Jugendlichen in dem Dorf."

Denn natürlich ist das Leben in Paris auch nicht rosig. In Frankreich ist die arabische Jugend immer noch unterrepräsentiert und spielt in der Popkultur zum Großteil keine Rolle, außer im Rap und im Fußball. Weder in der Kunst noch in der Kultur ist sie sichtbar. Die islamistischen Terroranschläge in Frankreich in letzter Zeit haben gewiss nicht dazu beigetragen, dass sich die Lage entspannt.

Ilyes gehört zu den wenigen Franzosen mit arabischen Wurzeln, die es in einem von Weißen aus der Mittelschicht dominierten Bereich zu etwas gebracht haben. „Wir haben keine Erfolgsgeschichte, praktisch keinen emanzipierten, muslimischen Mann. Die Einzigen, die gezeigt werden, sind Radikale oder Karikaturen. Wo sind die modernen Marokkaner, die französisch ohne Akzent sprechen, Bier trinken und Modernität verkörpern? Es ist schwer, in Paris Erfolg zu haben, weil die Leute zu Hause denken, dass man seine arabischen Wurzeln verleugnet."

Für Illyes ist die fehlende Repräsentation ein klares Zeichen des Versagens des in Frankreich herrschenden strengen Laizismus, also die strikte Trennung von Kirche und Staat. „Es wird einem erzählt, dass man die gleichen Chancen wie Jean-Pierre hat; dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einen retten werden. Die Wahrheit sieht aber so aus, dass man im Wettbewerb mit einem weißen Mann mit den gleichen Qualifikationen keine Chance hat." Die Radikalisierung der Jugendlichen, sowohl in Marokko als auch in Frankreich, dürfte daher kaum überraschen. „Religion wird zu etwas, weswegen dich deine Eltern respektieren. Wenn nichts Anderes mehr geht, dann steht die Religion für eine mögliche Erfolgsstory." Anders ausgedrückt: Auch wenn man in all anderen Bereichen versagt, die Religion sorgt dafür, dass du in deiner Community angesehen wirst. Ilyes fordert mit seinen Arbeiten die typisch französische Einheitskultur in Frankreich heraus und sorgt endlich dafür, dass Französisch-Sein ein vielfältiges, modernes Gesicht bekommt.

ilyesgriyeb.com

Credits


Text: Alice Pfeiffer
Fotos: Ilyes Griyeb