Die Auswirkung von Mode auf die psychische Gesundheit

Das Modebusiness hat unbestreitbar eine verzerrte Wahrnehmung von "Dünn" und Dünn-Sein. Auch wenn die Branche nicht alleine dafür verantwortlich ist, hat sie ihren Anteil daran, wie junge Mädchen ihren eigenen Körpern sehen. Aber die Zeiten ändern sich.

von Ger Tierney
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15 Mai 2015, 9:25am

Die Modeindustrie stand schon immer in der Schusslinie, wenn nach einfachen Ursachen für Essstörungen gesucht wurde. Auch wenn es fahrlässig und kurzsichtig ist, eine einzige Ursache für eine unglaublich komplizierte Erkrankung verantwortlich machen zu wollen, ist es wichtig, dass die Modeindustrie anerkennt, dass ein Bild sehr mächtig sein kann und dass sein Inhalt Auswirkungen auf die Öffentlichkeit und die Models selbst haben kann. Junge Leute werden heute regelrecht mit Bildern, die ein negatives Körperbewusstsein und Selbsthass fördern, überflutet. Das passiert in der Werbung, in Filmen und in der Musik, die auch in der Pflicht stehen – wie die Modeindustrie – sich der Tatsache bewusst zu werden, welche negativen Auswirkungen solche Bilder auf junge Leute haben können.


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In der Mode geht um es Fantasien und Verlangen. Das sollte auch genau so sein! Ein gut gemachtes Bild, das Mode zeigt, ist eine starke und wunderschöne Sache. Mir fallen ein paar davon ein, die in mir eine sehr positive und emotionale Reaktion hervorgerufen haben. Das ist es, worum es in der Mode gehen soll – Inspiration statt Unsicherheit. Sollten die Bilder, die wir auf die Menschheit loslassen, nicht positiv und schön sein und Leuten ein gutes Gefühl geben? Essstörungen sind unglaublich kompliziert. Ich werde sie hier nicht analysieren und die Ursachen dechiffrieren. Die Wahrheit ist, dass ein Bild von einem Model in einem Bikini auf jeden unterschiedlich wirkt. Das ist ein sehr sensibles Thema, was nicht alleine durch Veränderungen in der Modebranche gelöst wird. Aber im Kleinen können wir etwas für die Models bewegen, mit denen wir tagtäglich zusammenarbeiten und von da aus kann es in die breite Öffentlichkeit hineinwirken. Wir haben eine Verantwortung, das zu tun.

Unsere branchenweite Wahrnehmung von „Dünn" ist massiv verzerrt. Was Branchenexterne als zu dünn empfinden, sehen wir als normal an.

Unbestreitbar stehen die Models unter Druck, sich dem Schönheitsstandard der Modeindustrie zu unterwerfen. Unsere branchenweite Wahrnehmung von "Dünn" ist massiv verzerrt. Was Branchenexterne als zu dünn empfinden, sehen wir als normal an. Ich hatte selbst ein paar beschämende Gespräche mit Freunden, die davon schockiert waren, was ich als gesund ansehe. Wir sind immun gegenüber der Tatsache geworden, dass die Mehrheit unserer Models dünn bleiben müssen. Um eines klarzustellen: Nicht alle Models haben eine Essstörung. Mein Punkt ist, dass sich mehr Models, als wir uns eingestehen wollen, ihrer täglich empfohlenen Kalorienzufuhr berauben. Das muss aber nicht so sein! Jeder Sektor der Branche kann seinen Teil dazu beitragen: Designer, Casting-Agenten, Modelagenturen und Magazine können Mechanismen einführen, damit sichergestellt wird, dass jedes Mädchen, mit dem zusammengearbeitet wird, gesund ist. Wir können die jungen Mädchen im Modelbusiness dazu ermutigen, dass sie stark und gesund sind, anstatt sie als wandelnde Wäscheständer zu sehen. Wir können Vorbilder für junge Mädchen sein. Wir können sicherstellen, dass wir eine gesunde Message nach außen transportiert wird, damit Jugendliche ermutigt werden, mit ihrem Körper richtig umzugehen; damit sie über ihre Ernährung nachdenken; damit sie auf gesunde Art und Weise Sport machen und damit sie lernen, ihre Körper zu respektieren und zu lieben.

Obwohl es von außen noch so aussieht, als ob das Modebusiness immer noch an ungesunden Schönheits- und Imagestandards festhält, verändert sich etwas. Alexandra Shulman, ihres Zeichens Chefredakteurin der britischen Vogue, forderte in einem offenen Brief 2009 das Ende von Size-Zero-Models. Das war ein sehr positiver Schritt von einer mächtigen Figur der Branche in die richtige Richtung. Die Mode verändert sich und Street-Casting für Editorial-Shootings und Shows wird immer beliebter.

Die Idee, dass echte Leute eine Marke oder ein Produkt verkaufen, gewinnt für die Post-Internet-Generation, die jeden Tag mit Hochglanzfotos überflutet wird, immer mehr an Anziehungskraft. Vielleicht möchte diese Generation nicht länger die Fantasien der Modeindustrie akzeptieren und sich stattdessen lieber mit den Models in den Bildern identifizieren. Unsere Models sind schön, interessant und vielfältig; sie haben Charakter und manchmal sogar Hüften.

Wir sollten unsere Models dabei unterstützen, zu den starken und gesunden Persönlichkeiten zu werden, nach denen sich die Welt sehnt. Wir sollten Mode zu etwas machen, das Leute genießen können und auf das sie stolz sind und nicht etwas bleiben lassen, das verteidigt werden muss.

Ein anderer Wandel ist der Aufstieg der Victoria's Secrets Angels. Ja, diese Frauen kommen von einem anderen Planeten und sie sind nicht wirklich erreichbar, aber deren Aussehen ist wesentlich gesünder und athletischer als das der Models für Editorials. Die Engel sind vielleicht dünn, aber sie sehen stark aus – und nicht abgemagert. Sie haben eine Persönlichkeit, mit der sich junge Leute identifizieren wollen, statt irgendwelche namenlose New Faces zu sein, die eine Saison in aller Munde sind und dann wieder verschwinden.

Ältere Models überstrahlen ihre junge Teenie-Konkurrenz um Längen. Kate Moss verdient in ihren Vierzigern mehr als jemals zuvor und Daria Werbowys Karriere erreicht jetzt in ihren Dreißigern ihren Höhepunkt. Models wie Audrey Marnay und Kim Peers feiern ihr Branchen-Comeback, dieses Mal aber mit Lebenserfahrung als Mütter.

Frauen wollen nicht länger mit namenlosen Teenagern bombardiert werden, die kaum die Schule beendet haben. Wir wollen Persönlichkeiten; jemanden, der uns inspiriert, und am wichtigsten: Wir wollen jemanden, der uns nicht schlecht fühlen lässt, wenn wir uns ein schönes Bild anschauen.

Frankreich hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, dass den Einsatz von Modeln mit einem ungesund niedrigem BMI verbietet. Wenn ein Bild retuschiert wird, um das Model dünner oder fülliger aussehen zu lassen, dann muss ein Magazin das auch deutlich kennzeichnen. Das ist ein großer Schritt nach vorne. Das Gesetz hat viele Kontroversen ausgelöst und es gibt auch viele negativen Stimmen, die denken, dass es ein riesiger Schritt zurück ist. Trotzdem scheint es mir, dass unser Modepublikum kein Interesse mehr an Skinny Girls hat. Obwohl sich Dinge ändern, können wir mehr tun. Wir sollten unsere Models dabei unterstützen, zu den starken und gesunden Persönlichkeiten zu werden, nach denen sich die Welt sehnt. Wir sollten Mode zu etwas machen, das Leute genießen können und auf das sie stolz sind und nicht etwas bleiben lassen, das verteidigt werden muss.

Credits


Bild: Kristina Britton

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