blaise und sofie von boiler room erklären, wie man ein musikimperium aufbaut

Blaise und Sofie sind das Dream-Team hinter Boiler Room. Mit uns sprechen sie über ihre Anfänge, ihre Liebe zur Musik und ihr Vordringen in neue Musikgenres.

von Francesca Dunn
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23 Februar 2015, 3:45pm

Boiler Room ist aus der elektronischen Musikszene nicht mehr wegzudenken. Alles began während Blaises Zeit bei einem Online-Jugendmagazin, als er Partys in Heizungskellern (engl. Boiler Room) veranstaltete und diese über Ustream für alle, die zuschauen wollten, verfügbar machte. Das Logo und der Firmenname stammen von der Tür zum originalen Boiler Room. Nach einer Weile boomte das Geschäft und Blaise und Boiler-Room-Resident Thristian buchten eine Session mit Peanut Butter Wolf, Gründer des legendären HipHop-Labels „Stones Throw Records" aus L.A. Die damals gerade erst 20-jährige Stones-Throw-Angestellte Sofie spielte das Warm-Up-Set, Blaise und sie verliebten sich und kurze Zeit später eröffnete sie das L.A.-Büro. Innerhalb von vier Jahren wurde Boiler Room zu einem weltweiten Phänomen und expandiert weiterhin kräftig mit weltweit 35 von ihnen produzierten Shows im Monat. i-D traf das Dream-Team und sprach mit ihnen über ihre redaktionelle Strategie und über die aufregende Zukunft von Boiler Room.

Wenn du an die Anfänge zurückdenkst, hättest du dir jemals erwartet, dass Boiler Room solch einen Stellenwert erreichen würde?
Blaise: Nicht im Geringsten. Es war eine aufregende Zeit und ich dachte mir schon, dass es Leute interessieren könnte, was diese klitzekleine Crew aus London denn so treibt, aber wir haben sicherlich nichts Großes geplant. Ich meine, wir hatten ja anfangs nicht mal eine Website.

Das Unternehmen wuchs dann aber und Sofie, du hast bei der globalen Expansion geholfen?
Sofie: Ich nehme an, dass mein Musikgeschmack mit dem zusammengepasst hat, was sie in den Staaten vorhatten. Also habe ich lange Zeit Boiler Room in L.A. am Laufen gehalten, während ich Vollzeit für Stones Throw gearbeitet habe. Jetzt bin ich Vollzeit bei Boiler Room und bin zuerst nach New York und jetzt London gezogen.
Blaise: Ich sage nicht, dass es ausschließlich an Sofie liegt, aber Amerika ist mittlerweile unser größter Markt. Diese Shows haben uns vom sehr elektronischen Post-Dubstep, Dubstep, House und Techno aus UK und Berlin zur elektronischen HipHop- und Rapszene von L.A. gebracht. Man kann also schon sagen, dass wir sie von Stones Throw gestohlen haben.

Was sorgt eurer Meinung nach für den anhaltenden Erfolg von Boiler Room?
Blaise: Wir sind super flexibel, weil wir in eine Zeit geboren wurden, in der sich alle sechs Monate die Dinge rasant ändern. Künstler tauchen auf und werden super gehypt. Ein paar Monate später sind sie plötzlich Müll. Ich habe immer Angst, auf eingetrampelten Pfaden unterwegs zu sein.
Sofie: Ich denke, dass der Unterschied zwischen Boiler Room und anderen Broadcastern ist, dass wir bei der Auswahl der Künstler nicht darauf achten, ob sie eine bestimmte Anzahl an Followern oder Views haben. Wir wählen das aus, was wir mögen. 
Blaise: Die richtige Auswahl ist wirklich wichtig für uns. Wir können es uns herausnehmen, komplett idealistisch zu kuratieren. 2011 haben wir uns Druck gemacht, größere Acts zu buchen und ihre Konzerte im Stream anzubieten. Wir haben aber dann das komplette Gegenteil gemacht und uns mehr auf Underground-Künstler und Newcomer konzentriert. Sofie und ich haben uns nie dem Mainstream hingegeben, die Marke Boiler Room ganz ohne große Namen aufgebaut und schaffen es, die Underground-Szene einem Mainstream-Publikum zugänglich zu machen. Es wäre deprimierend, wenn lediglich 50.000 Leute Teil der Untergrundmusikszene wären oder sie kennen würden. Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht und die Idee, dass man ein größeres Publikum nur erreicht, wenn man sich verkauft, ein abgedroschenes Set spielt, die Setliste verändert oder einen Popsong veröffentlicht, veraltert ist. Gute, glaubwürdige Musik ist für alle da, ist aber leider nicht immer einfach zugänglich. 

Weil Leute nicht wissen, wo sie sie finden …
Sofie: Genau.
Blaise: Das ist natürlich eine Gratwanderung. Als wir starteten, kannten uns nur Musiknerds. Bei der Erschließung von neuen Zielgruppen erreicht man natürlich auch die Leute, die sich nur ein Video anschauen, weil jemand im Hintergrund tanzt. Unsere Hoffnung ist, dass sie aber entdecken, was wir eigentlich machen und unsere Soundcloud- und YouTube-Kanäle abonnieren. Letztendlich ist es derselbe Prozess, den wir von Künstlern kennen, die in die Charts wechseln und kommerzieller werden. Wenn sie ihr Publikum vor den Kopf stoßen, bekommen sie früher oder später Probleme mit ihrer Integrität. 

Bei euch hat sich in letzter Zeit einiges geändert. Ihr stoßt in neue Musikrichtungen vor und deckt mehr experimentelle und klassische Musik ab …
Sofie: Ich glaube, Teil der Erklärung ist unser neuer Produktionsstandard. Bislang haben wir versucht, Bands im gleichen Rahmen wie unsere regulären, nächtlichen Sendungen auftreten zu lassen. Wir hatten aber das Gefühl, dass wir diesen Künstlern dadurch nicht gerecht werden.
Blaise: Wir haben ein neues Team zusammengestellt. Letztes Jahr hatten wir die Möglichkeit, die verschiedensten Musikgenres in den verschiedensten Locations auszustrahlen und alles in der angemessenen Art und Weise zu dokumentieren. Wir sind in viele Genres vorgestoßen und es war fantastisch. Es gab einen Boiler Room aus einem 2000 Jahre alten Amphitheater mit Caribou, der in der selben Woche in die Top 20 aufstieg. Es war eine Produktion auf BBC-Niveau, die wir mit einem schmalen Budget realisiert haben. Online war es ein Erfolg und es war wirklich schön, unsere eigene Entwicklung zu sehen. Wir wollten schon länger in neue Bereiche vorstoßen und jetzt sind wir bereit dafür. Deshalb haben wir eine Klassikserie und deshalb streamen wir Jazz in den USA.

Dadurch verschafft ihr einem jüngeren Publikum viel besseren Zugang zu dieser Musik …
Blaise: Stimmt! Und wir demokratisieren eine unglaublich spießige Branche. Sofie ist eine klassisch ausgebildete Musikerin. Als wir einmal zusammen klassische Musik hörten - wir waren wahrscheinlich bekifft -, dachten wir uns, wie gut es wäre, live dabei zu sein. Durch das Aufzeichnen von DJs und elektronischen Künstlern haben wir etwas aufgebaut, was auch sehr interessant ist, aber es ist nicht so dynamisch, wenn es ums Filmen geht. Aber einem großen Orchester kann man stundenlang zuschauen. Wenn wir ein junges Millionenpublikum an einem Dienstagabend vor die Laptopbildschirme kriegen, dann müssten wir ihnen etwas bieten. 

Besonders, wenn es von jemandem präsentiert wird, den die Jugendlichen bereits verstehen und respektieren …
Blaise: Ich hoffe doch! Wir hatten bereits Crossover mit Klassik und es ist cool, aber ich will einfach eine verdammte Oldschool-Klassik-Nummer machen. 

Euer redaktionelles Angebot wird auch immer größer.
Sofie: Das ist eine der größten Herausforderungen, vor der Boiler Room bisher stand. Wir hatten bis vor ein paar Monaten keine Stimme. Wir haben Shows in L.A. oder Berlin gemacht, in denen wir relativ unbekannte Künstler zeigten. Das war interessant für die Leute, die sich auskennen, aber für jeden anderen, der die Seite besucht, schwierig. 
Blaise: Die sehen 3000 verschiedene Performance-Videos.
Sofie: Und die denken sich dann, wo fange ich überhaupt an?
Blaise: Es gibt eine Grenze, inwieweit man ein DJ-Set kontextualisieren kann. Wir arbeiten an einer Bibliothek … Und in 20 Jahren wird es nichts Vergleichbares geben.
Sofie: Leute brauchen Orientierung.
Blaise: Wir werden auf die Anfänge einiger der wichtigsten Künstler des Jahrhunderts zurückblicken. Stell dir nur mal vor, wir könnten dasselbe über die Stars der 70er sagen! Stell dir vor, du kannst ihnen dabei zuschauen, wie sie vor ihrem ersten Plattenvertrag Musik gemacht haben. Die Werte, die uns wichtig sind, sind nur schwer darstellbar, wenn man tanzende Leute in einem Raum oder ein DJ-Set zeigt. Wir hatten in der Vergangenheit schon exklusiven Zugang zu unterschiedlichen Künstlern. Wir hätten so viel mehr berichten können und unser gesamtes Publikum stärker einbeziehen können.
Sofie: Es gab so viele Momente, an denen man einfach denkt „Ohh!", und man wünscht sich, dass man zurückgehen könnte, um mehr darüber zu berichten.
Blaise: Wenn man Journalisten mit ins Boot holt, dann erhält man eine ganz andere Sichtweise. Wir haben eine UK Funky Show gemacht. Einer unserer Schreiber, Errol, hat sich entschieden, einen Artikel über die Geschichte des Genres zu schreiben und mit vier der wichtigsten Vertreter zu diskutieren. Also haben wir sie ins Studio eingeladen und bevor wir es wussten, hatten wir einen einstündigen Podcast mit diesen vier Legenden, die über die Anfänge des Genre streiten. Und du sitzt da und denkst dir „Verdammt, das ist geil!", weil daraus ein fantastischer Artikel werden wird. Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die verdammt clever und leidenschaftlich sind. Wir wollen noch mehr solche Leute ins Boot holen, von der Redaktion bis Videoproduktion, von Programmierern bis zu Technik.

Was für Erneuerungen stehen noch an?
Blaise: Wir sind in Gesprächen mit einem Entwickler, der unsere Content-Bibliothek auf Handys, Apps, auf Apple TV, Samsung, Sony, Playstation, Xbox et cetera verfügbar machen würde. Teil unserer Vision ist, ein Massenpublikum zu erreichen. Wir machen auch verdammt viel in den USA und bringen bald den Spielfilm Altered State heraus. Fantastische Leute arbeiten daran und es geht um Musik, die das Bewusstsein verändert. Von Jugendlichen, die Pillen einwerfen und ins Berghain gehen, bis zu Sufi, Gnawa-Musik und Stammestänzen.
Sofie: Im Grunde genommen, wie man seinen Geisteszustand verändern kann.
Blaise: Wir arbeiten auch an einem Boiler Room Festival. Das wird eine große Sache, ist aber auch furchtbar kompliziert. Wir werden sehen, was passiert.

Was sind eure Hoffnungen und Träume für die Zukunft von Boiler Room?
Blaise: Wir wollen größer werden, ohne jemals Abstriche bei der Kuratierung oder bei der Integrität der Musik machen zu müssen.

Der nächste Boiler Room in Berlin mit Tommy Four Seven, Killawatt, Ancient Methods & UVB findet am 25. Februar statt. 

boilerroom.tv

Credits


Text und Interview: Francesca Dunn
Fotos: Piczo

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