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willkommen in der dystopischen und verstörenden science-fiction-welt von philippa price

Wir haben uns mit der surrealistischen Künstlerin unterhalten, die hinter dem neuesten Kampagnenfilm von Stella McCartney, dem Musikvideo „Fuck With Myself“ von Banks und hinter Rihannas Performance bei den BRIT Awards steht. Im Interview stellen wir...

von Lynette Nylander
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19 Januar 2017, 10:05am

Das erste Mal wurden wir durch Rihannas elektrisierende Performance bei den Brit Awards 2016 auf Philippa Price aufmerksam. Deren Stage Design stand im scharfen Gegensatz zur karibischen Partyszene, die sich Regisseur X für das Musikvideo zum Song des Jahres 2016 „Work" ausgedacht hat. Philippa verpflanzte Rihanna, SZA und die Tänzer kurzerhand auf einen dystopischen Spielplatz. Ihre Dienste sind momentan heißbegehrt, ihren künstlerischen Ansatz kann man vielleicht am ehesten so beschreiben: wenn alle nach links abbiegen, tritt sie auf die Bremse und macht eine scharfe Rechtskurve. Die 27-jährige, in Los Angeles lebende Künstlerin und Regisseurin setzt in ihrer Kunst ihre Liebe für Wissenschaft, Mythologie und Technologie um. Das beste Beispiel dafür ist ihr Musikvideo für Banks „Fuck With Myself", in dem die Musikerin mit einer gruseligen Nachbildung von ihrem eigenen Kopf arbeitet.

Ihr Talent ist auch den Leuten von Stella McCartney nicht entgangen. Für das britische Label und dessen #StellyBy-Projekt hat sie die Kollektion in einem besonderen Modefilm inszeniert. Herausgekommen ist dabei ein psychedelischer Trip in die Wüste Nevadas, mit einem Zwischenstopp in einem gruseligen Clownmotel, die Gegend war in den 40ern atomares Testgebiet. Wir haben uns mit Philippa Price unterhalten und uns ihre einmalige Welt erklären lassen.

Wo bist du aufgewachsen und wie warst du als Kind?
Ich habe bis zu meinem 10. Lebensjahr in England gelebt und bin danach mit meiner Familie nach Los Angeles gezogen. Ich war ziemlich komisch als Kind. Ein Tomboy, der so viel Pferde geritten ist, wie er nur konnte und habe mir schon immer ausgefallene Kunstprojekte und Erfindungen ausgedacht.

Was hast du studiert?
In der Schule habe ich mich wahnsinnig für Mathe und Naturwissenschaften interessiert. Mit 13 habe ich sogar einen landesweiten Wissenschaftswettbewerb gewonnen. Erst in der Oberstufe habe ich mich dafür entschieden, die künstlerische Richtung einzuschlagen. Ich habe in New York Integrated Design an der Parsons School studiert. Der Studiengang hat viel Eigeninitiative verlangt. Wir konnten jeden Kurs bei Parsons belegen, das war toll.

Hast du Geschwister? Wie sah euer Familienleben aus?
Ich habe zwei jüngere Schwestern, die meine besten Freundinnen sind. Meine Familie ist großartig und unsere Eltern haben uns immer unterstützt bei dem, was wir machen. Ich frage mich oft, woher dieses verstörend Düstere in meinen Arbeiten kommt.

Du hast eine sehr spezielle Ästhetik. Woher nimmst du deine Inspirationen?
Von überall her. Ich lese viel: über Geschichte, Naturwissenschaften, Psychologie, Mythologie und Technologie. Meine Träume inspirieren mich sehr, weil sie so verrückt sind. Mich interessiert Amerika im Moment extrem. Ich versuche mein Bestes, Instagram und Tumblr als Inspirationsquellen so gut es geht zu meiden, weil das meiner Meinung nach der Grund ist, warum im Moment alles gleich aussieht. Aber sonst lasse mich von allem inspirieren.

Deine Arbeiten sind voll mit Science-Fiction, mit Dystopischem und Verzerrtem. Woher kommt dein Interesse dafür?
Das frage ich mich auch und habe noch keine Antwort darauf gefunden. Ich habe mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert, aber ich nehme an, dass ich in früheren Leben ziemlich krasse Erfahrungen gemacht haben muss. Mir sind als Kind ziemlich schnell Unfälle passiert. Tatsächlich hatte ich auch ein paar sehr traumatische Unfälle und habe viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Ich glaube, dass das meine Ästhetik beeinflusst. Aus den ganzen Inspirationen entstehen diese imaginären Welten, in denen meine Arbeiten leben und diese Welten sind eben dystopisch.

Erzähle uns mehr über deinen kreativen Schaffensprozess.
Das kann ich gar nicht pauschal beantworten, weil es immer konkret darauf ankommt, an was ich gerade arbeite. Ich bin aber eher die Praktische und habe mir das meiste selbst beigebracht, was ich für die verschiedenen Medienarten an Skills brauche. Ich muss erst noch jemanden finden, der die Dinge so macht wie ich. Ich experimentiere mit Animations- oder Schnittprogrammen, mit Licht oder Projektionen und entdecke so zufällig neue kreative Mittel und Wege. Praktisch zu sein, ist mir sehr wichtig. 

Wie bist du zur Multimedia Art und zum Setdesign gekommen?
Ich halte mich nie mit nur einem Medium auf. Auf der Parsons School habe ich Mode, Film, Grafikdesign und Illustrationen studiert. Nach dem Studium habe ich in einem Architekturbüro gearbeitet und mein eigenes Modelabel gegründet [GG$] Guns Germs $teal. Durch das Label konnte ich all meine Interessen miteinander verknüpfen: Mode zu entwerfen, Regie bei Modefilmen führen und den ganzen Markenauftritt entwerfen. Das hat dann zu Musikvideos geführt, das dann wieder zum Stage Design und Visuals. Nebenbei habe ich immer an meinen eigenen Kunstinstallationen gearbeitet.

Wie ist es zu Projekten mit Künstlerinnen wie Rihanna, Banks, Lion Babe und Brooke Candy gekommen?
Das hat mit meinem eigenen Label angefangen. Viele Musiker haben die Sachen aus der Kollektion getragen, daher kannten sie meinen Namen. Als ich mein eigenes Label eingestellt habe und Maaven mich unter Vertrag genommen hat, habe ich mit Musikvideos angefangen. Als die bekannter wurden, haben sich immer mehr Musiker gemeldet.

Welches Medium würdest du gerne noch weiter erkunden?
Um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, dass viele meiner Kreationen in den letzten Jahren Kollaborationen sind, deshalb konzentriere ich mich gerade auf meine eigenen Sachen. Eine Langzeitkollaboration habe ich mit der unglaublich talentierten Nina McNeely, darauf freue ich mich. Wir arbeiten gerade an einem verrückten Spielfilm. Das ist ein Medium, mit dem ich ähnlich wie bei meinem Modelabel, viele meiner Interessen miteinander kombinieren kann.

Mit wem würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Tot: Nikola Tesla. Lebendig: Keine Person, sondern eine Organisation—die Nasa.

Credits


Text: Lynette Nylander
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „The Uncanny Valley by Philippa Price | Stella McCartney" von Stella McCartney