sex, gewalt und gebärdensprache im preisgekrönten erstlingswerk des ukrainers myroslav slaboshpytskiy

Myroslav Slaboshpytskiy weiß genau, wie man in Gebärdensprache schimpft. Bald wird sein Debütfilm „The Tribe“ in den deutschen Kinos erscheinen und deshalb trafen wir den ukrainischen Regisseur und mit der Unterstützung eines Dolmetschers erzählt er...

von Colin Crummy
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18 Mai 2015, 12:45pm

In The Tribe ist man sich nicht immer 100 Prozent sicher, was gesagt wird, es sei denn man ist fließend in ukrainischer Gebärdensprache. Der Film, der die Geschichte einer Jugendgang, die eine Gebärdenschule skrupellos regiert, zeigt, wird komplett in Gebärdensprache erzählt - keine Untertitel, keine Voice-Over, nicht mal Musik, um dem Zuschauer ein Stimmungsbild zu geben. Der Zuschauer muss selbst aus den Interaktionen der Charaktere, ihrer Körpersprache und ihren Gesichtsausdrück interpretieren und versteht bald, dass das, was gesagt wird, nicht besonders nett, süß oder erbaulich ist.

The Tribe erzählt die Geschichte von Sergey (gespielt von Grigory Fesenko), der Mitglied der Jugendgang wird, um in der Schule zu überleben. Zu den außerschulischen Aktivitäten der Gang gehören Raubüberfälle, Leute zusammenschlagen und die beiden weiblichen Gangmitglieder zur Prostitution zwingen. Die Dinge werden kompliziert, als sich Sergey in Anna (gespielt von Yana Novikova), die eines dieser Mädchen ist, verliebt. Die Geschichte entfaltet sich wie ein gewalttätiger, roher und sexueller zeitgenössischer Tanz. Die Schauspieler sind alle gehörlose Streetcast-Amateure. Der Gebrauch der Gebärdensprache ist ein wirkungsvolles und ausdrucksstarkes Mittel, das zusammen mit der Kameraführung, die sich von Raum zu Raum, von Szene zu Szene bewegt, für den Eindruck sorgt, dass der Zuschauer jedes Mal ein neues Puzzle lösen muss.

Der Film sorgte letztes Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes bei den Kritikern für Begeisterung. Er gewann zwei internationale Kritikerpreise in der Sektion „Semaine internationale de la critique": den Grand Prix Nespresso und den France 4 Visionary Award. Bald wird er auch in den deutschen Kinos erscheinen und deshalb trafen wir den ukrainischen Regisseur und mit der Unterstützung eines Dolmetschers erzählt er uns, wie die Idee zu dem Film entstand.

Was hat dich dazu bewogen, Gebärdensprache zu benutzen?
Ich hatte das Gefühl, dass Gehörlose auf einer anderen Ebene kommunizieren. Sie drücken Emotionen und Gefühle anders aus. Das macht es zu einer Art überlegener Form der Kommunikation für die Menschen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so. Ich verstehe Gebärdensprache nicht, war davon jedoch komplett beeindruckt und gebahnt. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich meinen Eindruck teilen muss.

Gibt es eine Verbindung zwischen diesem Level an Ausdruckskraft und der Entscheidung, einen Jugendfilm zu drehen? In eine Zeit, in der unsere Sinne sowieso besonders ausgeprägt sind?
Beim Dreh habe ich daran gar nicht gedacht, aber das stimmt. Das ist ein Film über die Teenagerjahre, in der die Gefühlsausdrücke einer Person mächtiger sein können als gewöhnlich. Der Film ist auch eine Hommage an die Ära der Stummfilme. Als sich der Film entwickelt hat, war es jung, frisch und verschmitzt, wie junge Leute eben sind. Das ist eine weitere Verbindung.

Der Film wurde von deiner eigenen Schulzeit inspiriert. Ich nehme an, dass du die Schulzeit nicht besonders gemocht hast?
Ich habe es gehasst. Später in höheren Klassen habe ich dann langsam die guten Seiten gesehen, als wir rauchten, Bier tranken und mit Mädchen ausgingen. Ich war genauso alt wie die Figuren im Film, aber am liebsten habe ich Zeit im Kino verbracht.

Wieso hast du gehörlose Amateure für die Rollen besetzt?
Ich wusste schon vor 20 Jahren, als mir die Idee zum Film kam, dass ich mit Gehörlosen zusammenarbeiten wollte - mit Muttersprachlern der Gebärdensprachen sozusagen. Wir dachten beim Casting nicht an bestimmte Leute. Wenn jemand reinspazierte und uns überzeugte, dann haben wir darüber nachgedacht, wie wir mit ihm zusammenarbeiten können.

Was hat dich an den Hauptdarstellern Sergey und Yana fasziniert?
Ein Freund von Grigory, ein Fotograf, schickte uns ein Bild von ihm. Als er zum Vorsprechen kam, sahen wir, dass er ein Straßen-Typ war: er kann sich raufen, er spielt Fußball, er hat ein Tattoo auf seinen Arm und er macht Parcours. Er sah wie jemand aus, der dich leicht in einer dunklen Straße umhauen kann. Aber beim Casting war er sehr nervös. Seine Hände zitterten und er hat geschwitzt. Dieser harte Junge erleidet beim Casting fast einen Nervenzusammenbruch, das hat uns zum Nachdenken gebracht. Ich habe ihn wieder eingeladen und uns wurde langsam klar, dass er derjenige war, nachdem wir gesucht haben. Yana kam in die Ukraine, um für ein Gehörlosen-Theater vorzusprechen. In der ursprünglichen Version sollte Yanas Rolle mehr wie eine Nutte aussehen. Wir gingen in dieses Theater, um uns ein anderes, sehr sexy Mädchen anzuschauen. Ich war beim Theater-Vorsprechen dabei und wir nahmen es auf. Dabei wurde mir klar, dass ich nicht das sexy Mädchen anschaute, sondern von Yana gefesselt war. Ich habe dem Kameramann gesagt, dass er sie filmen soll. Zwei Wochen später kam sie zum Casting und ich war von ihren Fähigkeiten perplex; wenn ich sagte „Stirb!", dann starb sie. Wir probten die Szene, in der Sergey versucht, Anna vom Gehen abzuhalten. Yana war so in ihrer Rolle, dass sie sich ewig verabschiedete und sie spielte so gut, dass wir alle Gänsehaut bekamen.

Wie müssen wir uns das Drehbuch vorstellen? Wie hast du die Dialoge geschrieben?
Das Drehbuch ist eigentlich ziemlich gewöhnlich. Es war so typisch und gewöhnlich, dass sich die Leute in den Marketinggesprächen für die Filmfinanzierung das Drehbuch ansahen und meinten, dass sie darin nichts Besonderes entdecken könnten. Es war wie jedes andere Drehbuch auch.

Der Film fühlt sich wie ein Puzzle, das man lösen muss, an. Die Kamera geht von Raum zu Raum, von Szene zu Szene. Hast du darüber näher nachgedacht?
Das ist lustig. Ich habe versucht, einen Film über das Erwachsenwerden zu machen. Der Film ist in Gebärdensprache und es war mir sehr wichtig, dass das Publikum der Geschichte folgen kann. Als ich das Drehbuch schrieb, habe ich darauf geachtet, dass die nächste Szene etwas aus der vorherigen Szene erklärt. Sonderbarerweise denken einige Leute, dass der Film ein Thriller sei, der besondere Aufmerksamkeit beim Sehen erfordere.

Kannst du Gebärdensprache?
Nein. Ich kann ein paar Wörter in Gebärdensprache, die meisten davon sind aber Schimpfwörter. Ich sammle die. Ich kann auf Serbisch, Armenisch und Englisch fluchen.

Credits


Text: Colin Crummy