Die rohen Fotografien von Jessica Yatrofsky lassen dich Geschlechterrollen hinterfragen

Der Bildband "I Heart Girl" der amerikanischen Fotografin Jessica Yatrofsky ist ein unerschrockener und realer Blick auf den weiblichen Körper und zeigt, wie vielschichtig Schönheit ist.

von Tish Weinstock; Fotos von Jessica Yatrofsky
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12 März 2015, 10:50am

Jessica Yatrofsky ist die New Yorker Fotografin und Filmemacherin, die unsere Vorstellungen von Schönheit drastisch verändern will. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Frauendarstellungen in den Massenmedien zu hinterfragen und die institutionalisierten Auffassungen von Maskulinität und Feminität zu untergraben. Ihre aktuellsten Bilder, die in der Monografie I Heart Girl präsentiert werden, sind eine nackte Studie über echte Frauen, unbearbeitet und ungeschminkt.


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Nackt, ohne zu objektivieren, sowie angezogen, ohne das Geschlecht des Models zu betonen, sind ihre Motive eine wohltuende Erinnerung daran, dass Schönheit und Weiblichkeit in unterschiedlichen Facetten vorkommen. I Heart Girl ist der Nachfolger zu ihrem äußerst erfolgreichen Bildband I Heart Boy und ein Sammelsurium ihrer Arbeiten über die Mechanismen hinter Gender, Schönheit und Körperwahrnehmung. Einige der Bilder sind auch Teil der ständigen Ausstellung des Leslie Lohman Museums. Vor der Veröffentlichung des Bildbandes im Mai, sprachen wir mit Jessica über Nacktheit, gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und warum Männer und Frauen weiter für die Gleichstellung kämpfen sollten.

Woher stammt die Idee zu I Heart Girl?
Ich spreche in dem Zusammenhang gerne davon, dass die I Heart Girl-Serie eine kuratierte Auswahl meiner Arbeiten ist. Dieses Buch ist die Fortsetzung zu dem Bildband I Heart Boy, den ich vor ein paar Jahren veröffentlicht habe. Mich hat der Körper als Thema schon immer interessiert und ich denke, dass es wichtig ist, Bilder zu machen, die die aktuelle Kultur abbilden, deshalb beleuchten beide Bücher Geschlechteridentifikation.

Inwiefern unterscheidet es sich von I Heart Boy, außer dass du dieses Mal Frauen fotografiert hast?
Es gibt viele Überschneidungen zwischen den Büchern, weil ich alle meine Motive auf dieselbe Art und Weise behandle, was zu einer gewissen Uniformität in meinen Arbeiten führt. Jedoch erfüllt mich I Heart Girl mit einem gewissem Stolz, weil ich mich als Frau mit meinen Modellen sehr persönlich identifizieren kann.

Wie verändern deine Bilder die gesellschaftliche Wahrnehmung von Schönheit?
Wenn wir uns darauf einigen können, was Schönheit in unserer Gesellschaft bedeutet, dann können wir uns doch sicher sein, dass Schönheit subjektiv ist, oder? Schönheit wird in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Weisen gesehen, ausgedrückt und verstanden. Ich will an diesem Dialog als Künstlerin teilnehmen, indem meine Bilder nicht immer mit den Vorstellungen der Mainstreammedien übereinstimmen.

Was bedeutet Feminität für dich?
Ich persönlich denke, dass weibliche Schönheit eine Balance zwischen Style, Selbstsicherheit und Anmut ist. Es ist ein Mischung aus Sanftheit und Wissen, von dem ich glaube, dass es nicht exklusiv weiblich ist. Jedes Geschlecht hat diese Qualitäten. Die Frage ist, ob es politisch korrekt ist, dies auch wahrhaben zu wollen. Dieses Spannungsfeld ist das, was mich interessiert.

Warum war es wichtig, dass sie nackt sind?
Nicht alle sind nackt! Es ist lustig, dass eine Handvoll von Nacktporträts die Illusion erzeugen, dass es um Nacktheit geh. Ich mag das irgendwie. Ich denke, dass passiert deshalb, weil alle Bilder ein Gefühl von Verletzlichkeit transportieren. Man muss nicht nackt sein, um verletzlich zu sein.

Kann eine Frau nackt sein, ohne sexualisiert zu werden?
Es ist eine unmögliche Aufgabe, Frauen zu entsexualisieren. Die sexuelle Identität ist ein großer und wichtiger Bestandteil jedes Menschen. Jedes Model wählt selbst aus, wie es sich präsentieren will, was ich berücksichtige und respektiere. Ich halte nur eine Facette von Frauen fest und präsentiere sie. Was der Leser mit den Informationen macht, ist dann seine/ihre Sache.

Was läuft bei der medialen Darstellung von Frauen falsch ?
Es gibt seitens der Medien viele Bemühungen, eine größere Vielfalt von Frauen darzustellen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Es ist aber wichtig, dass wir sichtbar bleiben.

Was soll sich ändern?
Wir zeigen uns nur zu gerne im Internet und auf sozialen Plattformen. Weil wir unser eigenes Bild sehr frei bestimmen können, gibt es auch einen größeren Bedarf an positiven Bildern in den Medien, die unsere Vielfalt widerspiegeln und zelebrieren.

Wie sollte zeitgenössische weibliche Kultur aussehen?
Weibliche Kultur ist kein fixes Ideal oder Kriterium. Wir müssen aufhören, in diesen engen Kategorien zu denken.

Was hältst du von Frauen, die sich selbst als hypersexuell darstellen? Denkst du, dass sie dadurch wirklich an Stärke gewinnen? Oder verstärkt das nicht die gesellschaftliche Vorstellung von Frauen als sexuelle Objekte?
In unserer gegenwärtigen Kultur muss jeder junge Mensch mit dem Druck umgehen, enorm schnell seine Identität zu entdecken. Dieser Druck zwingt besonders Frauen, eine Identität anzunehmen, mit der sie sich nicht wohl fühlen und /oder die sie noch nicht für sich selbst entdeckt haben. Es gibt eine riesige Erwartungshaltung, jemand zu sein, um sich schnell zu assimilieren. Frauen haben viele Möglichkeiten und wir müssen uns nur daran erinnern, dass wir sie haben. Es ist jetzt mehr denn je wichtig, weiter an der Gleichstellung von Mann und Frau zu arbeiten und uns selbst und uns gegenseitig zu emanzipieren, indem wir die Identitäten ablehnen, die die Gesellschaft für uns konstruiert hat.

Die Idee, Frauen seien sexuelle Objekte, gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Das Beste, was Frauen und Männer tun können: Sexualität in all ihren Formen und Arten anzunehmen und zu respektieren. Ich denke, dass es wichtig ist, Grenzen zu überschreiten und zu einer realistischeren Wahrnehmung des Körpers zu kommen. Dennoch denke ich nicht, dass wir weiblicher Sexualität in den Medien verbieten oder sie zensieren sollten. Es gibt Vorfälle, bei denen wir als Gesellschaft darauf achten sollten, wie Frauen dargestellt werden.

Woran arbeitest du im Moment?
Gerade arbeite ich an mehreren Videoprojekten. Ich stecke in der Pre-Production für einen experimentellen Kurzfilm, der das Thema Gender erkundet, und ich in der Post-Production für den Spielfilm A Naked Heart, bei dem ich Regie geführt habe. Und die Buchveröffentlichung von I Heart Girl steht auch an.

jessicayatrofsky.com

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