Diese Künstlerin verarbeitet Vintage-Pornos in Collagen, die unter die Haut gehen

Wir haben mit der Berliner Künstlerin Lara Minerva über das Konzept von Verlangen, den Einfluss ihres Psychologie-Studiums auf ihre Arbeiten und Female Gaze gesprochen.

von Juule Kay; illustrationen von Lara Minerva
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Jan. 26 2017, 3:20pm

Lara Minerva ist eine Collagenkünstlerin aus Berlin, die mit Schere und Kleber bewaffnet aus bereits existierender Kunst ihre ganz eigene kreiert. Aufgrund ihres Psychologiestudiums setzt sie sich besonders gerne mit tiefgreifenden Fragen des Lebens und menschlichen Emotionen auseinander: Wonach sehnen wir uns mehr, Freiheit oder Liebe? Beruhigende Benommenheit oder nach dem intensiven Gefühl sich vollkommen lebendig zu fühlen? Nach Stärke oder Unschuld?


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Ihre Collagen dienen ihr dabei als Räume, in denen der Betrachter seinen Emotionen und Interpretationen freien Lauf lassen kann. Warum sie ausgerechnet Vintage-Pornos für ihre Kunst entdeckt hat und aus welchem Grund klassische Musik zu ihren liebsten Inspirationsquellen gehört, erklärt sie uns im Interview.

Warum arbeitest du mit Collagen?
Ich finde das Neukombinieren von Sachen schön. Dinge in Bezug zu setzen, die vorher vielleicht keinen Bezug hatten, um eine ganz neue Bedeutung zu schaffen. Ich mag diesen Fluss von Inspiration sehr gerne. Die unterschiedlichen Herangehensweisen verschiedener Fotografen inspirieren mich und stoßen mich in ganz andere Richtung. Damit mache ich Kunst. Ich selbst hoffe wiederum, einen Anstoß für jemand anderen zu geben. Hinter Collagen steckt schließlich auch eine Recycling-Idee im Sinne von neu verwerten und neu interpretieren.

Du hast Psychologie studiert und sagst selbst, dass du mit deiner Kunst innere Konflikte verarbeitest beziehungsweise im Betrachter hervorrufen möchtest. Inwiefern gelingt dir das?
Es hat eine Bedeutung, welches Bild ich tatsächlich auswähle. Das ist ein psychologischer Effekt, weil ich etwas von mir auf das Bild projiziere. Ich denke, dass dabei etwas verbildlicht wird, von dem ich in meinem Inneren vielleicht vorher noch gar nichts wusste. So können sich auch andere Menschen in meinen Bildern wiederfinden. Ich empfinde das als sehr wohltuend, Gefühle als Bild zu sehen und es in diesem Moment intensiv zu spüren, es dort aber auch zurückzulassen.

Welche Rolle spielt Verlangen in deinen Arbeiten?
Verlangen ist extrem inspirierend, weil es sehr intensiv ist und für mich sehr schöne Qualitäten hat: Es ist schmerzhaft, aber gleichzeitig süß und irgendwie auch schön, wenn auch tragisch. In der Kunst finde ich Tragik einfach sehr anziehend.

Deine Collagen sind sexuell aufgeladen und zeigen viele nackte Menschen. Was bedeutet Nacktheit für dich?
Nacktsein heißt für mich in erster Linie Mensch zu sein - es ist für mich ein Symbol für den Menschen an sich. Durch die Kleidung werden dem bloßen Menschsein lediglich noch weitere Dimensionen hinzugefügt. Für mich ist Nacktheit nicht immer gleich sexuell aufgeladen und selbst wenn, ist es meistens nur eine Metapher. Nackt zu sein bedeutet, sich vollkommen zu zeigen, so wie man ist und sich damit auch verletzbar zu machen. Das heißt aber nicht, dass die Menschen, die ich zeige, nicht auch stark sein können.

Du benutzt oft Fotos aus Vintage-Porno-Heften. Wie kam es zu dieser Idee?
Ein guter Freund von mir ist selbst Maler und Collagenkünstler und hat selbst schon immer Pornobilder darin verarbeitet. Er hat mir von einem Laden in Berlin erzählt, indem es viele verschiedene Pornozeitschriften gibt. Ich bin mit ihm dort hingegangen und habe die Vintage-Abteilung für mich entdeckt. Vintage-Porno ist noch viel natürlicher und genau das hatte ich gesucht: Menschen, die innig miteinander sind, aber dabei nicht falsch aussehen.

Wie möchtest du Frauen in deinen Collagen darstellen?
Ich möchte Frauen nicht anders als Männer darstellen. Sie können sensibel und verletzlich, aber auch stark sein und eine Bandbreite an Gefühlen haben. Vor Kurzem habe ich die Serie men who are secretly in love begonnen, in der es genau um dieses Vorurteil geht, dass Männer nur stark sein dürften und ja keine Gefühle zeigen sollten.

Gibt es eine Female Gaze?
Ich glaube, jeder Mensch schaut anders auf die Welt. Mir ist es ganz wichtig, dabei nicht zu pauschalisieren. Wenn ich eine Frau auf meiner Collage zeige, dann steht das nicht für Frauen im Allgemeinen, sondern das ist ein Mensch und eine Metapher zugleich. Es ist ein Gefühl, das ich zeige und das ebenso gut ein Mann fühlen kann.

Was trägst du, deiner Meinung nach, zum künstlerischen Diskurs bei?
Ich wiederhole etwas, das ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Heutzutage liegt der Fokus auf Konzeptkunst, was extrem verkopft ist. Ich möchte wieder mehr Gefühle mit hineinbringen. Jemand, der sich Kunst ansieht, sollte sofort eine Reaktion spüren, ohne sich erst drei Seiten Text durchlesen zu müssen. Meine Bilder sind Räume, in denen Betrachter bestimmte Emotionen erfahren können, die sich auch individuell unterscheiden können. Die stärkste Kunst ist für mich immer diejenige, bei der du danach das Gefühl hast, dass du dich verändert hast.

@lara.minerva