Dieser Film zeigt eine ganz besondere Art von weiblicher Freundschaft

"Tiger Girl" ist laut, frech und alles andere als ein deutscher 08/15-Film. Warum du dieses Meisterwerk auf keinen Fall verpassen darfst, verraten uns die beiden Hauptdarstellerinnen im Interview.

von Schayan Riaz
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27 März 2017, 3:45pm

Mit Love Steaks hat sich 2013 in Form von Jakob Lass ein großes Talent auf der Kinoleinwand angekündigt. Auch wenn sich der deutsche Regisseur an der Ästhetik des amerikanischen Mumblecore-Kinos angelehnt hat, entstand daraus etwas ganz Eigenes. Jetzt meldet sich Lass zurück: mit seinem neuen Film Tiger Girl. Die Weltpremiere hat er auf der Berlinale im Panorama-Programm gefeiert. Ab dem 6. April hast aber auch du endlich die Möglichkeit, sein neues Werk zu bestaunen.


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Wieder einmal hat das Regietalent einen außergewöhnlichen Film kreiert, der von zwei Frauen – Tiger und Vanilla – handelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten und darüber, wie sie sich im Laufe des Films gegenseitig verändern, indem sie sich alles abverlangen. Im Zentrum stehen die zwei elektrisierenden, teils improvisierten Darstellungen von Maria Dragus und Ella Rumpf, mit denen wir uns über ihre Filmrollen, das Thema Gewalt und Frauen in der Filmindustrie unterhalten haben.

Was hat euch am ersten Pitch des Films gereizt?
Ella: An den ersten Pitch kann ich mich gar nicht mehr erinnern, weil sich das Projekt im Laufe der Zeit so weiterentwickelt hat. Jakob hatte mich angeschrieben, nachdem er einen Film von mir gesehen hatte — und so wurde ich für Tiger Girl gecastet. Wir haben daraufhin sehr lange nach einer Vanilla gesucht, konnten uns aber nicht einigen. Dann habe ich an Maria gedacht.
Maria: Wir kennen uns schon, seit wir 16 sind. Ich habe zu der Zeit einen anderen Film gedreht und Ella hat zu mir gemeint, dass sie jetzt in Berlin sei. Zu dem Zeitpunkt war ich aber in Rumänien. Weil ich mit einem Tag Unterbrechung von einem anderen Projekt zu Tiger Girl gekommen bin, wusste ich gar nicht so wahnsinnig viel über den Film. Nur, dass improvisiert wird, es um eine Freundschaft geht und Ella mitspielen wird. Und natürlich, dass Jakob das machen würde. Ich hatte Love Steaks gesehen und habe das ganz toll gefunden und mich deshalb einfach auf das Abenteuer eingelassen.

War die anfängliche Vision anders als das Endprodukt?
Maria: Es ist ganz schwierig zu sagen, weil alles improvisiert ist. Es gab kein Drehbuch, sondern nur die Idee und 32 kleine Skelettszenen, die in Zweizeilern beschrieben waren. Zum Beispiel: "Vanilla und Tiger gehen auf das Tempelhofer Feld und checken fremde Leute aus." Auf so was baut man dann auf. Natürlich hat sich das auch komplett verändert, wir haben schließlich drei Monate an diesem Projekt gearbeitet – 52 Drehtage insgesamt. Wir wussten am Anfang gar nicht, wie das alles ausgehen wird, weil das Ende noch nicht geschrieben wurde. Es war ein komplettes Wagnis, ein Experiment. An manchen Tagen wusste man, dass es einen bestimmten Ort gibt und an anderen wusste man nicht einmal, ob es andere Schauspieler geben wird.

Und ihr habt sicherlich auch selbst viel Input gegeben?
Ella: Das wollte Jakob auch sehr stark, dass wir sehr viel Eigenes in den Film reinbringen. Das war manchmal auch eine große Herausforderung, weil es Tage gibt, an denen man voll inspiriert ist und andere, an denen man sich denkt "Ey, keine Ahnung!".

Konntet ihr eure Freundschaft im echten Leben während des Drehs zur Seite legen?
Maria: Wir sind Schauspieler, also gibt es Momente, in denen man privat ist und welche, in denen man es nicht mehr ist. Wenn man sich aber kennt, hat man ein sehr großes gegenseitiges Vertrauen – und das ist bei so einer Arbeit natürlich extrem essentiell und sehr unterstützend. Weil wir einfach wussten, da sind die Grenzen nicht so streng, sondern man ist da zusammen drin und kann losrennen und der andere zieht mit.
Ella: Wir können auch super ehrlich miteinander sein, was total wichtig ist. In Arbeitsprozessen sagen "Das ist nicht cool" und ehrlich zusammenarbeiten.

Lernt man auch etwas über sich selbst, abgesehen von der zwischenmenschlichen Dynamik?
Maria: Klar, man wächst an jedem Projekt. Bei so einem Projekt stößt man an andere Grenzen, als wenn man mit einem Drehbuch arbeitet. Das lässt einen natürlich wachsen.
Ella: Es konfrontiert einen mit sehr viel Fragen. Man befasst sich mit Fragen, die man selbst nicht fragen würde – an denen wächst man am meisten. Dass man einfach aus einer anderen Perspektive Dinge anschaut und auch Improvisationen spielen muss und dabei viel entdeckt. Sich selbst auch eine Frage stellt.

Tiger wirft Vanilla im Film vor, sie sei zu höflich. Müsst ihr euch als Frauen in der Filmindustrie verstellen, um ernst genommen zu werden?
Maria: Ich habe mich noch nie verstellt und finde es geil, dass ich das nicht machen muss. Als Darsteller sucht man ja nach einer Wahrheit und was wir machen, ist eigentlich professionelles Lügen und darin musst du auch eine Wahrheit finden. Wenn diese Sache eine Wahrheit hat, aber man nicht daran glaubt, dann ist es auch schwer sie zu verkaufen, weil es ganz schnell belanglos wird. Dafür muss man natürlich zu sich selbst ehrlich sein und gut in sich zu Hause sein sozusagen. Ich glaube, wenn man permanent versucht, jemand anderes zu sein oder sich irgendwie verstellt, dann kann das große Schwierigkeiten machen, auch mit der Authentizität der Arbeit.
Ella: Also ich glaube, man kann sich sehr schnell verstellen. Aber es ist sehr wichtig, das genau nicht zu machen, weil es zum Teil erwartet wird. Das genau nicht zu tun, ist eine wichtige Aufgabe als Künstler.

Aber bei so einem Film ist es dann noch schwieriger, die Wahrheit zu finden, oder?
Maria: Es ist sehr schwer, weil man sich noch weniger verstecken kann. Man kann die Distanz selbst ganz schwer aufbauen, muss das ganz klar sehen und kreiert eine neue Art und Weise, Sätze zu bauen. Es ist echt schwer gewesen, aber wir haben auch sehr lange daran gearbeitet.
Ella: Die ganze Kennenlernphase im Film war sehr wichtig und wir haben sie einfach immer wiederholt. Ich weiß nicht, wie viele Kennenlernen wir eigentlich gespielt haben, aber das war extrem wichtig, weil wir erst da unsere Rollen herausfinden konnten. Eigentlich war es eine Übung, um unsere Rollen zu verstehen und welche Standpunkte sie haben. Dafür war der erste Monat sehr wichtig.

Wie seid ihr mit den sehr physischen Szenen im Film umgegangen?
Maria: Wir haben mit einem Stunt-Team zusammengearbeitet, die uns die Körperlichkeiten der Figur trainiert haben. Das war essentiell: "Wie kämpfen sie, was sind ihre signature moves, was passiert, wenn Tiger angegriffen wird, was macht sie dann als Erstes? Was macht Vanilla als Erstes?". Das hat viel dabei geholfen, sich eine Herangehensweise zu merken. Das ist ja nicht wirklich intellektuell, sondern wirklich technisch.

Wie geht ihr mit der Gewalt im Film um?
Maria: Für uns war es ganz schwierig, die Gewalt darzustellen, weil ich erst mal die Motivation dahinter finden muss, so etwas zu rechtfertigen. In unserer Welt gibt es so krass viel Gewalt. Es ist schrecklich, wie wahllos Leute Gewalt anwenden. Und es macht mir persönlich auch Angst.
Ella: Tiger fühlt sich damit zum Beispiel plötzlich konfrontiert: "Was habe ich jetzt damit zu tun, dass Vanilla einem in die Fresse schlägt?" Ich glaube, es ist genau ein Moment wie dieser Punch, in dem wir uns auch fragen können, was hat das mit unserer Gesellschaft zu tun, dass Leute so grundlos einen einfach die Treppe runterzuwerfen? Was hat das mit uns zu tun? Einfach mal ein bisschen mehr darüber zu reflektieren.

"Tiger Girl" startet am 06. April 2017 in den deutschen Kinos.