die straßenkicker von berlin und paris

„Mir war wichtig, ganz authentisch zu fotografieren und keine gekünstelte ‚Wilde Kerle’-Jugendfußball-Romantik zu zeigen.“ - Während die Welt gespannt auf die EM-Stadien blickt, hat sich der Fotograf Lukas Korschan auf den Straßen von Berlin und Paris...

von Alexandra Bondi de Antoni
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06 Juli 2016, 9:20am

Europa ist im EM-Fieber. Noch bis Sonntag hat man an Spielabenden seine Schwierigkeiten, ungehindert auf den Straßen Neuköllns entlangzulaufen, so dicht gedrängt versammeln sich die Fußballfans, die vor den Spätis zwischen kollektivem Nervenzusammenbruch und eifrigen Anfeuerungssgeschreie hin und hergerissen sind. Weit abseits der großen Stadien und der Massenhysterie hat sich der Fotograf Lukas Korschan auf den Fußballplätzen und Bolzplätzen in Berlin und Paris umgeschaut, da wo sich die Profikicker von morgen ihre Sporen verdienen und Nachmittage damit verbringen, sich gegenseitig zu messen und ihr Können zu perfektionieren. Keine gekünstelte Wilde Kerle-Jugendfußballromantik, sondern Kinder und Jugendliche, für die Fußball alles im Leben ist. 

Wie bist du dazu gekommen, diese Kinder zu fotografieren?
Ich habe in Berlin zufällig einen super Typen kenngelernt, der Streetworker und ein absoluter Fußball-Guru ist. Wir haben uns viel über urbane Fußballkultur und persönliche Erfahrungen in dem Bereich ausgetauscht. Da ich schon lange mit dem Gedanken gespielt habe, genau diese Kultur mit der Kamera einzufangen, habe ich ihn in Berlin begleitet und er hat mich ein paar Kids vorgestellt.

Wo sind die Fotos entstanden und warum hast du dich dazu entschlossen, sie aufzunehmen?
Alle Fotos der Serie sind in Berlin und Paris entstanden—in den verschiedensten Stadtteilen und Bolzplätzen. Wenn man das Wort „Straßenkicker" hört, denkt man sofort an Brasilien und Favelas. Aber auch bei uns gibt es eine große Straßenfußball-Kultur—natürlich anders, aber dokumentarisch nicht weniger spannend. Ich denke Berlin, Paris—und vielleicht Amsterdam—sind schon Metropolen in diesem Bereich.

Wer sind sie und wie hast du ihr Vertrauen gewonnen?
Fußball verbindet natürlich und da ich selbst leidenschaftlich gerne spiele, fand ich mit vielen schnell einen gemeinsamen Nenner. Mir war wichtig, ganz authentisch zu fotografieren und keine gekünstelte Wilde Kerle-Jugendfußballromantik zu zeigen. Jeder der früher selbst in Städten oder auf Betonplätzen gespielt hat, wird sicherlich Szenen, Symbole und Muster schnell wiederkennen. Das war mir wichtig.

Wie sieht der Alltag dieser Kids aus?
Das lässt sich so pauschal gar nicht sagen—es ist ein bunter Querschnitt. Von Schülern und Studenten, über junge Menschen mit wenig Perspektive bis hin zu angehenden Profifußballern, die täglich in ihren Vereinen trainieren und danach noch auf den Bolzplatz kommen, ist alles vertreten. Die meisten meiner Fotos sind während des Ramadan entstanden—trotzdem waren viele Plätze gut gefüllt. Trotz des Verzichts auf Essen und Trinken tagsüber haben sie in der Sonne Fußball gespielt—das sagt viel über den Stellenwert aus.

Was bedeutet Fußball für sie?
Fußball ist auf jeden Fall für viele der Lebensmittelpunkt. Die meisten haben natürlich auch den Traum, Profifußballer zu werden. Aber neben diesem großen Ziel ist Fußball auch ein einfacher Weg, sich täglich mit anderen zu messen, Stärke zu zeigen und Respekt in seinem Kiez zu bekommen. Unabhängig von Herkunftsland, Sprache oder Einkommen. Die jeweiligen Bolzplätze sind lokale Arenen. Es geht darum, sich Tag für Tag mit Freunden und machmal Feinden zu messen. Genau das macht auch den Reiz aus. Es gibt richtige Stars auf den Plätzen, die man nur in den jeweiligen Vierteln oder Städten kennt.

Alles zur EM findest du auf VICE Sports.

Man sieht auf den Bildern viele Marken wie Gucci und Nike. Welche Bedeutung haben diese Statussymbole für die Kinder?
Gerade bei den Jüngeren merkt man wie wichtig Klamotten und Marken sind. Der Mix ist jedoch super faszinierend. Neben Nike Schuhen und Tracksuits findet man Gucci-Taschen und Louis-Vuitton-Mützen. Nicht ohne Grund ist die High-Fashion-Welt davon so fasziniert und lässt sich inspirieren. Es ist interessant, wie anders Marken wahrgenommen und gefiltert werden.

Hast du aus deinen Gesprächen mit ihnen etwas für dich lernen / mitnehmen können?
Für mich persönlich ist es immer wieder spannend, mit Menschen, die ein ganz anderes Leben als ich leben, zu arbeiten oder Zeit zu verbringen. Einen anderen Alltag, oftmals andere Interessen, Ziele und Ansichten. Daraus ziehe ich viel Inspiration und lerne einiges. Viele der Jungs, die ich portraitiert habe, fanden es lustig oder seltsam, dass ich sie fotografieren wollte und konnten wenig damit anfangen. Das ist sehr erfrischend finde ich.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Lukas Korschan

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