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rose mcgowan möchte vor allem eins: das ende des patriarchats

Rose McGowan schreibt gerade an ihren Memoiren „Brave“. Wir haben der Aktivistin, der Ikone und der Anwältin der von der Gesellschaft Marginalisierten über Freiheit, Feminismus und den Kampf für die eigenen Überzeugungen gesprochen.

von Tish Weinstock
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07 Dezember 2016, 2:03pm

Aufgewachsen ist sie in der polygamen Sekte Children of God, dann lief sie weg, um mit Dragqueens zu leben und wurde zur Ikone jugendlicher Screenqueens in einer der erfolgreichsten Fernsehserien der Neunziger: Rose McGowan kann auf eine lange Karriere zurückblicken. Berühmt gemacht hat sie der Kultfilm The Doom Generation von Gregg Araki, indem sie die selbstverliebte, junge Kriminelle Amy Blue spielt. Allgemein wurde sie immer für die Rolle der Bösen gecastet und wurde schnell zu Hollywoods Vorzeige-Femme-fatale, als sie die Bühne der MTV VMAs mit nichts als ihrem Kettenkleid und einem Tanga stürmte, ihr damaliger Freund Marilyn Manson an ihrer Seite.

Mit ihrer Rolle als eine der Halliwell-Schwestern in der Fantasyserie Charmed wurde sie auch dem Mainstreampublikum ein Begriff und entwickelte sich aus ihrem Image als Queen of Independentfilmen (wir sagen nur Der zuckersüße Tod und Death Proof) heraus. Doch dann wurde es ruhiger um McGowan. Heute ist sie Regisseurin und Aktivistin. So sprengte sie zum Beispiel eine politische Gala und prangerte so den Sexismus in Hollywood, die Frauenfeindlichkeit in den Medien, Donald Trump und die Vorherrschaft weißer Männer in der westlichen Gesellschaft an. Durch ihren Twitter-Account hat sie sich zu einer der wichtigsten Stimmen unserer Generation entwickelt. Im Moment arbeitet sie an ihren Memoiren Brave und ihrem Spielfilm Synaesthesia. Wir haben mit der Aktivistin, der Ikone und der Anwältin der von der Gesellschaft Marginalisierten über Freiheit, Feminismus und den Kampf für die eigenen Überzeugungen gesprochen. 

Du hattest ein einzigartiges Leben. Du bist in einer Sekte aufgewachsen, du bist mit Dragqueens weggelaufen. Wie beeinflusst dich deine Vergangenheit heute?
Mein Leben fühlt sich an wie ein langer, bizarrer Film, der viele Wendepunkte hat. Ich habe Leute getroffen, die etwas herablassend über meine Herkunft geredet haben und die Mitleid mit mir hatten. Ich für meinen Teil kann sagen, dass die Vorstellung von einem Leben in einem Vorort mit einem weißen Zaun bei mir für Herzrasen sorgt. Ich bin dankbar dafür, wofür ich gekämpft habe, was ich durchgemacht habe und wer ich deswegen heute bin. In einer Umgebung aufzuwachsen, in der keine konventionelle gesellschaftliche Norm existieren, hat auch seine Vorteile.

Die meisten kennen dich als Schauspielerin. Wann hast du gemerkt, dass du eine eigene Stimme und Plattform hast, mit der du dich einmischt und für das kämpfst, was dir wichtig ist?
Als ich bei meinem ersten Film Dawn Regie geführt habe. Der Film ist nicht nur pure Unterhaltung, sondern hat mir Stärke gegeben. Twitter kam auf und ich konnte ungestört meine Ansichten vertreten. Als in den USA gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit abgelehnt wurde, war es für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Viele Frauen fürchten das Stigma der wütenden oder bitteren Emanze, wenn sie sich gegen Sexismus aussprechen. Wenn du eine Botschaft an alle Frauen der Welt hättest, welche wäre das? 
Es ist doch egal, wenn Männer uns als bitter abstempeln. Sie werden uns sowieso immer in Schubladen stecken. Dann sollen sie uns gleich aus einem guten Grund in eine Schublade stecken. Ich weiß nicht, was Gleichheit im Sinne von gesetzlicher Gleichstellung mit Bitterkeit zu tun haben soll. Die Rechten haben echt einen guten Job gemacht und das Wort Feministin negativ besetzt. Das würde ich gerne wieder rückgängig machen. Einfach nett zu sein, bringt nichts. Es ist zu langsam, mit dieser Haltung machen wir uns von anderen abhängig. Ich sage: Scheißen wir drauf!.

Wenn du deinem jüngeren ich einen Brief schreiben könntest, was würdest du sagen? Würdest du irgendwas anders machen?
Ja, ich hätte früher mit der Schauspielerei aufgehört. Ich wurde so von anderen bestimmt. Ich hatte keine Zeit, selbst darüber nachzudenken, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Das bereue ich sehr. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit mir selbst verbracht.

Du hast dir neulich deine Haare abrasiert und dafür viele Aufmerksamkeit kassiert. Wie denkst du darüber, dass andere ständig dein Aussehen kommentieren?
Schon mein ganzes Leben kommentieren die Leute mein Aussehen. Das langweilt mich. Ich habe mir eine Glatze rasiert, weil es ein politisches Zeichen war. Wenn sich eine Frau eine Glatze rasiert, besonders wenn diese Frau früher ein Sexsymbol war, ist das nach wie vor ein politischer Akt, der überall verstanden wird.

Hier erklären wir dir, warum sich jede Frau einmal im Leben ihre Haare abrasieren sollte.

Was ist das Schwierigste und das Schönste am Frausein?
Das Schwierigste ist wohl der Fakt, dass man weiß, wie einfacher man es als Mann hätte. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, jeder hat Probleme, aber beim Mannsein schwingt eine Sicherheit mit, die eine Frau nicht kennt. Ganz besonders stehe ich drauf, wenn mir ein Mann sagt, dass Sexismus nicht existiere. Ich denke mir dann nur: ‚Willst du mich verarschen?'. Das ist so, als ob eine weiße Person einer schwarzen Person sagt, dass der Rassismus ein Irrtum ist. Wie sollte sie es überhaupt beurteilen können? Ich habe genug davon, dass durchschnittliche Männer dafür gefeiert werden, dass sie durchschnittlich sind.

Ist das System Hollywood sexistisch?
Ja. Das die Macht weißer Männer in Reinform. Diese Typen vergiften die Welt mit ihren einfachen Gedanken. Film und Fernsehen sind Amerikas Exportgüter Nummer eins. Ich kenne die Magier hinter den Kulissen und glaubt mir, ihr wollt nicht, dass sie Zugang zu eurer Gedankenwelt haben.

Wie können wir das ändern?
Also Beschweren alleine hilft nicht. Ich glaube, wir eine neues Studio- und Distributionssystem von Frauen für Frauen brauchen. Neue Agenturen, von Frauen für Frauen. Die Frauen in Hollywood müssen zurückschlagen. Die Statistiken für Regisseurinnen haben sich seit 1946 nicht verändert. Das muss man sich mal vorstellen. 1946. Es sind immer noch zu 96 Prozent Regisseure. Demut hilft nicht. Die Frauen, die gerade in Hollywood arbeiten, haben eine Pflicht, anderen Frauen zu helfen, nicht Männern. Die hatten durch ihre bloße Existenz schon genug Unterstützung.

Was bedeutet Feminismus für dich?
Freiheit.

Feminismus wurde Teil des gesellschaftlichen Diskurses. Wie findest du das?
Es wurde während der US-Wahl so offensichtlich, dass die Leute das Thema nicht länger totschweigen konnten. Frauenhass ist real. Punkt. Der Hass tötet. Er muss vernichtet werden.

Was denkst du darüber, dass Feminismus etwas „Cooles" ist, worüber Marken im Moment sprechen, weil sie bestimmte Produkte vermarkten wollen?
Das ekelt mich an. Ich hasse die ganzen Body-positive-Werbungen und Artikel in den Zeitschriften. Ich muss mich nicht besser in meinem Körper fühlen. Männer und Frauen müssen endlich damit aufhören, die Körper von Frauen zu beurteilen. Punkt. Es sollte viel bekannter sein, dass die Werbefirmen und Kampagnen von Männern geleitet werden. Danke für nichts.

Wieso das sogenannte Femvertising problematisch ist, haben wir uns hier gefragt.

Für was stehst du?
Ich stehe für die Freiheit von Geist und Seele. Ich stehe für Widerstand.

Wen hast du im US-Wahlkampf unterstützt?
Hillary. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ein Traum geplatzt ist.

Was empfindest du über Trumps Wahlsieg?
Ich fühle mich belagert und seine Amtszeit hat noch nicht mal begonnen.

Du arbeitest gerade an deinen Memoiren, Brave. Was können wir davon erwarten?
In Brave geht es um meine Abenteuer, mein Leben und meine Gedanken. Andere haben mir ja hinlänglich kundgetan, was sie über mich denken. Jetzt bin ich an der Reihe, meine Gedanken über sie loszuwerden.

Was kommt als Nächstes für dich?
Einen Weg aus der Dunkelheit zu finden. Und zu kämpfen.

Was sind deine Hoffnungen und deine Träume für die Zukunft?
Gleichstellung. Ich wünsche mir, dass wir uns nie wieder über Feminismus unterhalten müssen, aber das haben sich die Suffragetten wohl auch gewünscht.

Credits


Text: Tish Weinstock
Foto: Matt Jones
Styling: George Kotsiopoulos