Diese Porträts von New Yorker Sonnenanbetern zeigen uns die Exzentrik des Alltags

Caitlin Teal Price hat die letzten sieben Jahre Porträts von Sonnenbadenden an Brooklyns beliebtesten Stränden gemacht. Ihre neue Monografie "Stranger Lives" fasst diese Bilder in einer lebhaften Studie des New Yorker Sommers zusammen.

von Emily Manning; Fotos von Caitlin Teal Price
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21 Dezember 2016, 9:25am

In vielerlei Hinsicht sind die Stände New York Citys Mikrokosmen der Ostküstenmetropole: Sie sind groß, überfüllt, bevölkert von den unterschiedlichsten Menschen aus verschiedensten Schichten und ... ziemlich verrückt. Und genau wie die Straßen New Yorks ziehen auch die Strände der Stadt – und die sich dort herumtreibenden Menschen – seit Jahrzehnten Fotografen an. Diane Arbus machte an den Ufern von Coney Island einige ihrer ersten Bilder. Harvey Stein widmete den Schwarzweißaufnahmen, die er dort in über 40 Jahren gemacht hatte, ein eigenes Buch. Caitlin Teal Price hat diese Bilder zwar gesehen, Stranger Lives, ihr neues Fotobuch über Sonnenbadende auf Coney Island und Brighton Beach, hätten sie allerdings nicht stark beeinflusst. "Ich war mehr inspiriert von den Menschen", sagt Price.


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Sie ging über die Strände, sprach Menschen an, die ihr interessant erschienen, machte ein paar Fotos und lief weiter. Mit diesem quasi-anthropologischen Dokument fing Price allerdings auch die sonderbaren Eigenheiten, die Improvisationskunst, die Farben und den Humor ein, die New York und seine Menschen so faszinierend machen. Wir beladen unsere Autos hier nämlich nicht mit Strandsachen, sondern schnappen uns einfach das Erstbeste, was wir in die Finger bekommen, und springen die U-Bahn. Deswegen gibt es Bettlaken statt Strandhandtüchern, Handtaschen statt Strandtaschen, BHs und Boxershorts statt Schwimmsachen, Chips statt belegten Broten aus der Kühlbox. Ein Mann trägt einfach Jeans, ein anderer sonnt sich auf einer durchsichtigen Plastikfolie.

Wir haben mit Price über sieben Sommer an New Yorker Stränden gesprochen.

Was hat dich dazu gebracht, Sonnenbadende zu fotografieren?
Das Interesse an den Menschen selbst. Ich bin zum Strand gefahren und wollte dort einfach alle anstarren. Ich interessierte mich für die Geschichten, die ich finden konnte, die ich aus den Menschen herausbekam. Ich war von einer echten Neugier getrieben.

Was hat dabei deine Aufmerksamkeit auf sich gezogen?
Es war ziemlich intuitiv, aber es gibt einfach so viele Menschen auf Coney Island und Brighton Beach. Es waren vor allem die Farben oder Menschen, die extrem glänzten. Ich schlängele mich also durch die Menschenmassen und begutachte die Person, die mir aufgefallen, aus der Nähe. Dann entscheide ich in Sekundenschnelle, ob ich frage oder nicht. Und ich will natürlich Menschen, die spannend sind. Ich will keine Mauerblümchen oder tausendmal meine Mutter fotografieren. Sie müssen etwas Schrulliges haben. Ich fühlte mich von Menschen angezogen, die ich nicht kannte. Und manchmal musste ich wieder weggehen, einmal tief durchatmen und genug Mut zusammenkratzen, um sie zu fragen. Es war super schwer und wirklich einschüchternd, diese Fremden anzusprechen.

Waren die Menschen in der Regel damit einverstanden, sich fotografieren zu lassen? Etwas Verletzlichkeit gibt es ja immer, aber an New Yorker Stränden geht es ziemlich ungeniert zu.
Definitiv und das macht sie auch so großartig. Es gibt keine Regeln und den Leuten ist alles egal. Es ist super. Sie rollen quasi aus dem Zug direkt auf den Strand. Etwa die Hälfte war einverstanden. Am Anfang waren es viel weniger, weil ich so ungeschickt an sie herangetreten bin war. Ich wurde mit der Zeit aber besser darin. Die besten Leute sagen natürlich immer Nein.

Wie sah deine Herangehensweise denn aus?
Ich habe dieses Outfit, das ich immer trage: ein unscheinbarer, fließender roter Strandkleid. Er ist nicht unbedingt super süß, aber sichtbar – deswegen auch rot. Die Menschen können mich zu ihnen kommen und wieder weggehen sehen, mich tagein tagaus am Strand entdecken. Ich bin mir nicht sicher, ob es dadurch tatsächlich weniger bedrohlich auf irgendjemanden gewirkt hat, aber ich habe mich dadurch besser gefühlt. Und das, was ich dann gesagt habe, war sehr einfach. Ich habe sie lächelnd angesprochen: "Entschuldigung, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich ein paar Fotos von Ihnen mache? Ich mache ein Projekt über Menschen, die am Strand liegen. Sie können einfach liegenbleiben, mich ignorieren und in einer Minute bin ich auch schon wieder weg." Sehr simpel. Und ich habe nie jemanden angesprochen, der nicht sowieso schon in dieser Position lag. Es musste sich also niemand für mich bewegen. Das war ziemlich praktisch, weil es so viele Menschen am Strand gibt, dass es einen schon etwas überfordert. Wie soll man da auswählen? Es hat die Zahl meiner potentiellen Kandidaten mindestens halbiert.

Es ist lustig, New Yorker an den Stränden zu beobachten, weil es immer so etwas Chaotisches hat. Und auch wenn diese Bilder bestimmt sehr schnell entstanden sind, so geben die einzelnen Elemente Dinge über die Persönlichkeit der Menschen preis.
Es macht wirklich großen Spaß, sie anzuschauen. Haut war ein weiterer Faktor für mich. Manche Menschen haben diese verrückten Narben und Tattoos. Es gibt eine Narbe, die mir etwas Angst macht, aber sie ist gleichzeitig auch toll. Dieser Mann hat eine Kette mit einem Kruzifix und liegt auf einer Decke mit Blumenmuster, die auch seiner Oma gehören könnte. Er hat diese Narben auf seinen Beinen und Armen – manche sehen frisch und selbstzugefügt aus, andere könnten Hauttransplantationen sein. Mir gefiel auch, wie die Menschen in gewisser Weise zu ihren Handtüchern passten. Aber diese Interaktionen waren so kurz. Das, was du siehst, ist ziemlich genau das, was ich gesehen habe – oder sogar erst später gesehen habe. Ich entdecke immer noch Details, die mir davor noch nicht aufgefallen waren.

Planst du, nächsten Sommer weiter zu machen?
Ich glaube schon, ja. Ich mache das so lange weiter, wie ich Lust drauf habe. Es wäre auch spannend zu vergleichen, wie sich die Dinge über die Jahre verändern. Handys und andere Sachen, ohne die Menschen nicht mehr überleben, ändern sich ständig.

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