wie das vater-sohn-duo casely-hayford familie und mode vereint

Die Modewelt verändert sich immer schneller und schneller, doch Joe und Charlie glauben an die Schönheit der Entschleunigung.

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23 März 2017, 10:35am

Betritt man den Hauptsitz von Casely-Hayford in einer Seitenstraße des Londoner Luxus-Shoppingviertel Mayfair, fühlt es sich so an, als würde man in ein gemütliches Zuhause hereinspazieren. Der Arbeitsplatz ist von einem persönlichen Touch geprägt, der an ein Wohnzimmer erinnert, wenn auch an ein sehr modernes. Joes Frau Maria, die auch in dem Unternehmen arbeitet, heißt uns willkommen, und links von uns sitzt eine freundliche Näherin namens Anne, die gerade in aufwendiger Handarbeit eine Jeans bearbeitet. Im Hintergrund sind Songs von Kaytranadas Album 99.9% zu hören. Rechts von uns steht ein Bücherregal, in dem Bücher über traditionelle palästinensische Trachten bis hin zu einer beträchtlichen Sammlung alter Ausgaben von i-D und The Face stehen. „Für mich hat Mode vor allem eine kulturelle Bedeutung", erklärt Joe Casely-Hayford. „In der ersten Ausgabe, die ich von i-D gelesen habe, habe ich Leute gesehen, die Außenseiter waren und das hat mir im gesellschaftspolitischen Sinn Hoffnung gemacht. Am Beispiel meiner Kinder ist mir klar geworden, dass sich innerhalb einer Generation vieles verändern kann. Vor 30 Jahren haben wir noch für unsere Selbstverwirklichung gekämpft. Vor 30 Jahren war es praktisch unmöglich, außerhalb der vorgegebenen Vorstellungen zu agieren."  

Das Oberhaupt der Familie Casely-Hayford und der legendäre Menswear-Designer ist seit mehr als 25 Jahren an der Spitze der britischen Mode. Sein Talent hat er an der Londoner Tailor and Cutter Academy und mit einem Studium der Kunstgeschichte an der ICA perfektioniert. Auch Sein Sohn Charlie hat Kunstgeschichte studiert, aber an der bekannten Central Saint Martins. Er wusste von Anfang an, dass er in der Kunstwelt arbeiten wollte. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich meine Eltern mit 13 gefragt habe, ob ich in der Modeindustrie arbeiten könnte, denn damals war das alles noch ziemlich neu", erzählt Charlie uns bei einer Tasse Tee. „Meine Eltern waren damals dagegen, weil sie genau wussten, wie schwierig diese Branche ist, aber es hat sich dann doch alles ganz anders ergeben." Inspiriert von der kulturellen Vielfalt Londons und seiner Kreativität, die Saint Martins gefördert hat, wollte Charlie unbedingt Teil der Modeindustrie werden. 2009 haben sich Vater und Sohn dann zusammengetan und die Familienmarke ins Leben gerufen.

Zwar steht die traditionelle Schneiderhandwerkskunst im Vordergrund (Joe war vor der Gründung des Familienunternehmens Creative Director bei Gieves and Hawkes), doch Casely-Hayford gelingt dabei auch eine gekonnte Verbindung von dem Besten der Schneidertradition mit einer modernen Ästhetik. „Ich glaube das ist das, wofür Casely-Hayford steht. Wir begeistern Männer und Frauen, die vielleicht früher kein Interesse an maßgeschneiderten Anzügen gehabt haben oder sie nicht im Beruf tragen müssen, sich aber dennoch dafür entscheiden, um ein modisches Statement zu machen", sagt Charlie. Nachdem sie eine Fangemeinde für sich gewinnen konnten, die sich wie die Crème de la Crème aus der Musikszene liest (unter anderem Jamie xx, James Blake und die Disclosure-Brüder), haben sich Vater und Sohn entschieden, Neuland zu betreten. So haben sie in ihrer Spring/Summer 17 Apex Twin Show eine Kollektion für die Frauen designt, die ihre Männer zu den Anproben bei Casely-Hayford begleiten und sich schon lange etwas von der Marke gewünscht hatten. „Wir haben schon immer viele weibliche Fans gehabt, und nach jeder Saison bekamen wir Bestellungen von Frauen, die sich Teile aus der Herrenkollektion bestellt und diese dann als Oversized Pieces getragen haben. Es war also ein selbstverständlicher, nächster Schritt, diesen Bereich auszubauen." Casely-Hayford steht für maßgeschneiderte und personalisierte Kleidung. Kunden haben beim Stoff, Futter und den Borten bis hin zu den Knöpfen freie Wahl. Mit der Damenbekleidung haben Joe und Charlie die Marke vorangetrieben, denn auch hier bieten sie von Bikerjacken und gemusterten Jeans bis zu maßgeschneiderten Kleidern so gut wie alles an. „Wir haben unterbewusst schon seit einigen Jahren an diesem nächsten Schritt gearbeitet. Einmal haben wir darüber diskutiert, dass in der Womenswear etwas fehlt und dass wir dafür vielleicht unseren eigenen Beitrag leisten könnten. Wir wollten Kleidung entwerfen, die schlicht ist, und das, ohne selbstgefällig zu wirken", erklärt Joe.  

Die Kollektion Apex Twin (für die Charlies Cousin und Cousine Nathaniel und Ayaana gemodelt haben) ist aus der gemeinsamen Leidenschaft des Duos für den 70er Jahre Rock und den 2000er Grime heraus entstanden, obwohl die Parallelen auf den ersten Blick vielleicht nicht allzu offensichtlich sind. „Ich bin eben im Internetzeitalter aufgewachsen", überlegt Charlie. „Mein Vater ist mit den verschiedenen Punkszenen groß geworden, ich dagegen eher mit Grime. In der Apex Twin Kollektion geht es also im Grunde um den Schnittpunkt dieser beiden Musikrichtungen — um den Einfluss, den sie auf uns gehabt haben und wie sie uns während unserer Entwicklung in der Modebranche geprägt haben. Wir nehmen damit natürlich auch einen direkten Bezug auf die Aphex Twin, aber es ging tatsächlich mehr um die beiden Musikgenres zu ihrem jeweiligen Höhepunkt." Erste Ideen wurden unterwegs auf Flügen und in kurzen Pausen zwischen Terminen besprochen. „Wir sind nur selten zur gleichen Zeit am gleichen Ort, aber das müssen wir auch gar nicht unbedingt, denn wir unterhalten uns einfach über die Entwicklungen in der Gesellschaft, die Gegenüberstellung des Lebens in der Stadt und darüber, wie die Entwicklung in ländlichen Gegenden geregelter ist. Wir haben das Gefühl, dass sie sich langsamer, behutsamer entwickelt. In städtischen Gebieten gibt es schnellere, krassere Veränderungen, die Tag für Tag passieren, aber das macht sie gleichzeitig auch sehr aufregend."

Es ist die Kommunikation, die das Herzstück von Casely-Hayford bildet. Und obwohl Charlie keine Kopie von Joe ist, wurde das Interesse für Identität, Gemeinschaften und Subkulturen, das auch in ihren Kollektionen zu erkennen ist, definitiv vom Vater an den Sohn weitergegeben. „Mir gefällt der Gedanke sozialer Uniformen", erklärt Joe. „Aber diese Idee drehe ich dann, verbessere sie, und das macht unsere Herangehensweise so besonders. Das Schneiderhandwerk bietet uns da das perfekte Werkzeug. Während die Modewelt weiter rattert und die Branche kaum hinter dem erbarmungslosen Zeitplan hinterherkommt, den sie sich selbst aufgeworfen hat, scheinen Joe und Charlie eher zu versuchen, das ganze zu entschleunigen und sich auf das Handwerk und die Qualität zu besinnen, statt auf schnelle Zusammenarbeiten und Zwischenkollektionen zu setzen. „Das Handwerk spielt im 21. Jahrhundert eine wirklich große Rolle", folgert Joe. „Es ist eine Alternative zur verbraucherorientierten Mode, die alles andere als nachhaltig ist. Bei Casely-Hayford stecken wir viel Herz in unsere Arbeit und möchten eine neue Perspektive ermöglichen, die zwar völlig anders, aber im Endeffekt wirklich positiv ist."

Credits


Text: Lynette Nylander
Fotos: Maxwell Tomlinson
Styling: Max Clark
Haare: Shiori Takahashi
Make-up: Danielle Kahlani verwendet Anne Semonin
Stylingassistenz: Bojana Kozarevic
Models: Ayaana Aschkar-Stevens und Nathaniel Casely-Hayford.