Still from 'The Love Witch'

Diese Regisseurinnen verändern deine Sicht auf Sex und Nacktheit im Film

Zoe Lister-Jones, Anna Biller und Elizabeth Wood sprechen über Sex vor der Kamera.

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März 6 2018, 1:22pm

Still from 'The Love Witch'

"Ich finde, dass die meisten Nacktszenen in Filmen so einfallslos sind", sagt Regisseurin Anna Biller. "Männern geht es meiner Meinung nach vor allem um die Auswahl der Körpertypen, für mich als Frau ist das ziemlich uninteressant. Es gibt so viele verschiedene Arten, Verlangen zu erzeugen und darzustellen – und die meisten davon haben nichts mit Nacktheit zu tun." In ihrem Film The Love Witch hat Anna beispielsweise Regenbogen-Linsen verwendet und die Gesichter der Schauspieler in den Mittelpunkt gerückt. "Anstatt einfach nur Körper auf der Leinwand zu zeigen, möchte ich eine gesteigerte Sexerfahrung vermitteln", so Anna weiter.


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Elizabeth Wood, Regisseurin des Coming-of-Age-Dramas White Girl, zeigt lieber Sex, der so real wie möglich aussieht. Am Set spielt Elizabeth manchmal Sexszenen für die Schauspieler nach und entscheidet sich für extra lange Aufnahmen. "Meine Produzenten flüstern mir dann immer zu 'Willst du einen Schnitt machen? Ich denke wir haben die Szene' und ich sage immer 'Shhh. Ja, ich fühle mich auch ein bisschen unwohl gerade, aber das bedeutet, dass es gut wird.'"

Für Schauspielerin und Regisseurin Zoe Lister-Jones hat es sich befreiend angefühlt, Regie bei ihrer eigenen Sexszenen zu führen. "Sexszenen mit einer reinen Frauen-Crew zu filmen, ist wirklich unglaublich", sagt Zoe.

Mit uns haben die drei Regisseurinnen ihrer Erfahrungen mit Nacktheit und Sexszenen im Film geteilt.

Zoe Lister-Jones, Band Aid

Still aus Band Aid

Erinnerst du dich an deinen ersten Film, in dem nackte Haut und Sexszenen vorkamen?
Als ich sieben war, haben mich meine Eltern zu Do the Right Thing ins Kino mitgenommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Eiswürfelszene mit Rosie Perez – es hat sich so intensiv und echt angefühlt. Keine Ahnung, ob das einen Einfluss auf meinen Werdegang als Regisseurin hatte, aber ich habe mich definitiv dazu entschieden, sexuelle Intimität in Band Aid intensiv und echt zu zeigen.

Wie gehst du an eine Sexszene heran?
Als Frau war ich schon immer sehr bedacht, Nacktheit auf der Leinwand zu vermeiden bis ich die komplette Kontrolle über meine Art der Darstellung hatte. Frauen werden so oft in Filmen objektiviert, deswegen habe ich auch lange über meine erste Oben-ohne-Szene in Band Aid nachgedacht. In diesem Moment fühlt sich meine Figur am verletzlichsten an – ihre Nacktheit wird weder verherrlicht noch fetischisiert.

Glaubst du, dass dein Ansatz anders ist als der deiner männlichen Kollegen?
Ich glaube, dass viel Empowerment darin steckt. Frauen verstehen, was für ein verletzliches Thema Sex ist und wie belastend es sein kann, vor der Kamera Intimität vorzuspielen – und das oft in einem Raum voller Männer.

Was für eine Art Sex und Nacktheit sollte öfter in Filmen gezeigt werden?
Echter Sex, der Frauen bestärkt, anstatt sie zu objektivieren.

Anna Biller, The Love Witch und Viva

Still aus The Love Witch

Erinnerst du dich an deinen ersten Film, in dem nackte Haut und Sexszenen vorkamen?
Ich habe Nacktheit in Filmen gehasst, weil es sich immer so angefühlt hat, als wäre es ein Weg, um den Helden zu einem sexuellen Eroberer zu machen. Ich erinnere mich noch daran, wie entsetzt ich jedes Mal war, wenn Jungs zu mir kamen und meinten, sie fänden Nacktheit in Filmen toll. Für mich war das immer alles andere als toll, sondern vielmehr eine Demütigung für die Schauspielerinnen. Ihre Rollen strotzten nur so vor schlechten und sexistischen Dialogen. Entweder waren sie meckernde Hausfrauen oder Fantasie-Freundinnen – die Nacktheit hat alles nur noch schlimmer gemacht.

Hatte das einen Einfluss auf deine Arbeit als Regisseurin?
Je mehr Indie-Filme ich mir angesehen habe, desto mehr mochte ich Nacktheit auf der Leinwand. Zumindest, wenn sie keinen sexistischen Nachgeschmack hatte. Jack Smith, Kenneth Anger, Fassbinder, Joe Sarno und Radley Metzger haben beispielsweise alle chancengleiche, vielseitige Erotik dargestellt. Ich mag Filme, in denen Nacktheit nicht prüde bis zum Ende des Films aufgeschoben wird, sondern ganz am Anfang gezeigt wird. Wenn es in einem Film ausschließlich um Sex geht, ist der Sex plötzlich nicht mehr unangenehm.

Wie gehst du an eine Sexszene heran?
Ich wollte einen Film machen, in dem es nur um Sex geht. Während der Dreharbeiten zu Viva habe ich gelernt, dass nackte Körper immer interessant auf Film sind. Der emotionale Inhalt sexueller Nacktheit ist etwas, das ich sehr ernst nehme, deswegen zeige ihn schon fast auf eine religiösen Art. Eine nackte Frau oder einen nackten Mann auf der Leinwand zu sehen, sollte dir genauso den Atem rauben, als ob sie oder er wirklich vor dir steht.

Glaubst du, dass dein Ansatz anders ist als der deiner männlichen Kollegen?
Ich mag es, männliche und weibliche Nacktheit gleichermaßen zu zeigen, aber ich trenne sie nicht von dem Rest der Geschichte. Es gibt eine kraftvolle, erotische Komponente zur Nacktheit, die ich mit Gefühlen auflade.

Elizabeth Wood, White Girl

Still aus White Girl

Erinnerst du dich an deinen ersten Film, in dem nackte Haut und Sexszenen vorkamen?
Als ich fünf war, habe ich mir Flowers in the Attic mit meinem Babysitter angeschaut. Der Film ist zwar subtil, aber ich habe damals schon verstanden, dass es um Inzest geht. Mit neun haben mich meine Eltern ins Kino zu The Crying Game mitgenommen. Darin gab es eine Szene, in der Jaye Davidsons Penis zu sehen war. Er hat eine Transgender-Frau gespielt und ich habe davor noch nie einen Penis so nah vor mir gesehen. Es war unglaublich! Meine Eltern haben mir daraufhin 20 Euro in die Hand gedrückt und mich gebeten, in der Mall shoppen zu gehen, bis der Film vorbei ist.

Wie gehst du an eine Sexszene heran?
Mein erster Spielfilm, White Girl, hat eine Menge sexueller Aufeinandertreffen – von super sexy bis eklig und ohne Einverständnis. Alle fühlen sich ziemlich echt an. Meine erste Frage an die Schauspieler ist immer, ob sie sich mit Nacktheit wohlfühlen. Wenn sie diese nicht mit ein bisschen Humor beantworten können, kommen wir beide nicht wirklich zusammen. Als Regisseurin gehe ich Sex – und generell schwierige Themen – mit Humor heran. Das Leben ist ernst genug.

Was für eine Art Sex und Nacktheit sollte öfter in Filmen gezeigt werden?
Die Filme, die mich am meisten beeinflusst haben, zeigen Sexualität, die sich echt anfühlt – und weder zensiert noch verschönert wird.