max richter will, dass du bei seiner musik einschläfst

Der britische Komponist Max Richter veröffentlicht sein über acht Stunden langes Experimentalmusikalbum „Sleep“. Die Musik soll die Zuhörer im Schlaf begleiten und die Träume der Schlafenden veredeln. Wir haben ihn zum Interview getroffen, um mehr über...

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Sep. 4 2015, 1:05pm

Drei Jahre ist es her, seitdem der britische Komponist Max Richter Vivaldis Vier Jahreszeiten auf eine ganz neue, wunderbare Art vertont hat. Im Rahmen von Re:Composed, einer Serie der renommierten Plattenfirma Deutsche Grammophon, hat er 2012 Frühling, Sommer, Herbst und Winter in einer Streicherversion präsentiert. Heute hat er sein neues Album vorgestellt. Sleep ist ein über acht Stunden langes Experimentalalbum, das die unterschiedlichen Schlafphasen des Menschen begleiten soll. Getragen von klassischen Kompositionen und arrangiert wie ein elektronisches Musikstück hat Richter mit Sleep ein wahres Meisterwerk geschaffen. Warme Flächen, hypnotisierende Harmonien und endlose Streicherthemen begleiten den Zuhörer durch seine Traumlandschaft. Natürlich muss man das Werk nicht im Schlaf hören. Wer 8 Stunden übrig hat, der sollte sich dieses Album auf alle Fälle anhören. Wegdriften ist aber nicht schlimm, findet auch Max Richter. Wir trafen ihn morgens für ein Interview - verträumt aber wach!

Gerade haben 8,5 Stunden Sleep meinen Schlaf begleitet. Ich bin sehr verträumt aufgewacht, erinnere mich an viele kleine Abenteuer. Wann ist die Idee entstanden, Sleep zu schreiben?
Schlaf war schon lange eine Faszination für mich und eine meiner Lieblingsaktivitäten. Ein Großteil meiner Arbeit ist währenddessen entstanden. Und ich glaube, dass es bei vielen kreativen Menschen so abläuft. Im Schlaf entsteht eine Menge kreative Energie. Außerdem verbringt man sicherlich ein Drittel seines Lebens damit. Schlaf ist ziemlich eng mit der menschlichen Kultur verknüpft. Es gibt die Idee des Schlafliedes, die ziemlich universell ist. Für mich persönlich fühlt sich ein Musikstück wie eine Landschaft an. Eine Reise, bei der ein Teil von uns wohin geht, eine Anderer da hin. Musik ist auch so. Sie transportiert etwas, wie eine Zeitmaschine. Also denke ich es ist eine Art veränderte Wahrnehmung, die mich zu dieser Idee brachte.

Acht Stunden dauert ja auch ein durchschnittlicher Schlaf, oder?
Naja, es ist ungefähr die Zeit, die ein durchschnittlicher Erwachsener schläft. Also man muss sich die Daten ansehen, die sagen, dass wirklich die meisten Menschen acht Stunden schlafen oder irgendwas um den Dreh herum. Aber im Vergleich zu anderen Säugetieren schlafen wir wiederum viel zu wenig, denn die meisten verbringen mehr als zwei Drittel ihres Lebens schlafend. (lacht) Das macht mich etwas eifersüchtig.

Als du angefangen hast, das Album zu schreiben, hast du dir über die einzelnen Schlafphasen Gedanken gemacht? Denn ich höre einzelne Phasen heraus. Die Stücke haben unterschiedliche Energien, die mal an eine Wachphase, mal an eine Tiefschlafphase erinnern.
Ja, die Schlafphasen haben mich in den letzten fünf Jahren sehr beschäftigt. Man muss Schlaf verstehen, erkennen, dass sich viele funktionale Schlafphasen im Schlaf abwechseln. Die Aktivität der Neuronen wird im Schlaf einphasig. Dadurch entspannt man sich und profitiert von dem kognitiven Prozess, der während des Schlafens eintritt. Menschen haben sich viel damit auseinandergesetzt, die einzelnen Schlafphasen zu kontrollieren und zu steuern - auch mit Sound. Und das ist eben das, was bei mir der kompositorische Anfang war. Ein sich immer wiederholender Sound, eine Art Pulsschlag mit Hilfe von Pattern-Musik. Und das ist auch das, was ich immer gemacht habe. Die Arbeit an dem Album war aber kein medizinisches Projekt, es war ein künstlerisches. Es ist ein Dialog und stellt die verschiedenen Schlafphasen in Frage. Es ist keines dieser Musiken, die Menschen anmachen, um sich zu entspannen, wie Walsounds oder so. Es geht um die Frage, wie Musik und Bewusstsein in einem geistigen Zustand zusammenkommen.

Du hast Instrumente gewählt, die den Zuhörer in einem bestimmten Zustand versetzten. Wie das Piano. Welche Bedeutung hat es für dich?
Das Piano ist mein Instrument. Es ist meine Systemeinstellung. Meine Musik beginnt damit. Wenn ich eine Partitur schreibe, dann ist die andere Hand immer an der Klaviatur. Außerdem habe ich beobachtet, dass die Töne des Pianos erst einen bestimmten Anschlag haben und sich dann langsam aufzulösen scheinen, wenn wir sie hören. Streicher oder Orgeln hingegen haben einen kontinuierlichen Sound. Ich mag es, dass das Piano eine Art poetische Verbindung zum Einschlafprozess hat, in dem man auch langsam in das Unterbewusstsein abgedriftet. Dieses Bild gefällt mir sehr für dieses Projekt.

Es gibt auch viele Synthesizer-Basslinien in den Stücken.
Die Basslinien sind manchmal akustisch vom Piano und sehr oft von Synthesizern. Das Album ist sehr elektronisch, aber es fühlt sich nicht wie elektronische Musik an, sondern vielmehr nach akustischen Sounds. Es ist eine elektronische Landschaft, in der die akustische Musik wohnt. Es gibt viele interessante Beobachtungen in den Neurowissenschaften, in denen es um den Status des Bewusstseins geht, in dem wir uns befinden. Es ist ein sehr kleiner Teil unseres gesamten Bewusstseins. Der Neurowissenschaftler David Eagleman, mit dem ich für dieses Projekt zusammengearbeitet habe, hat diesen netten Satz gesagt, dass ein Großteil deines Gehirns gar nicht weiß, dass du existierst. Für mich ist es eine interessante Idee. Und die elektronische Musik spielt genau diese Rolle bei Sleep. Sie ist das Gefäß für die gesamte Komposition.

Ich möchte den Fokus nicht auf den Bass setzen, aber er ist doch relativ rhythmisch, fast wie ein Herzschlag in den Dream-Parts. Welche Bedeutung gibt er deinem Werk?
Diese tiefen Bässe sind ein bisschen wie der Herzschlag des Stückes. Bass-Frequenzen haben die Möglichkeit, einen bestimmten Zustand auszulösen. Das ist ein Grund, wieso er da ist. Der andere Grund ist ein rein psychologischer. Wenn man an rituelle Musik denkt, dann ist sie sehr repetitiv und hypnotisierend. Es ist alles um diesen pulsgebenden Sound komponiert. Ich bin auch etwas verrückt nach tiefen Frequenzen. All meine Musik hat diese bestimmte Energie. Tiefe Frequenzen sind irgendwie auch sehr natürlich, denn man kann sie nicht einfach reproduzieren. In der Natur gibt es sie zum Beispiel bei Gewittern. Sie haben eine psychische Realität, die sehr effektiv ist und als wichtiger Part bei Sleep funktioniert.

Ich habe versucht, die Instrumente zu zählen, bin aber nach einer Zeit immer wieder eingeschlafen. Wie viele Instrumente sind es? Und da ist dann noch dieser wunderbar klare Chor.
Es ist eine großartige Sängerin, Grace Davidson. Manchmal sind es zwei Stimmen von ihr. Sie ist eine wunderbare Sängerin, sie singt hauptsächlich frühe Barockmusik. Sie hat diese außergewöhnliche Stimme, sie ist so perfekt, dass es sich fast so anhört, als wäre sie vom Computer. Und ich meine das als großes Kompliment. Ich kann es kaum glauben, dass jemand so singen kann, aber sie tut es. Sie ist ein großes Talent und das ist eine Bereicherung für das Projekt. Ich wollte nicht, dass die Vocals zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sonst gibt es ein String-Ensemble und ein paar Keyboardspieler, Piano, Orgeln und Synthesizer. 

Sleep ist in einzelne Stücke/Phasen aufgeteilt. Mal dauert eine 3 Minuten, mal über 30. Wieso?
Das Tracking ist sehr flexibel. Das gesamte Stück ist ein Track, das ist meine Idee. Die Musik ist sehr strukturiert und es gibt eine Menge Veränderungen. Im klassischen Sinn ist es ein sehr minimalistisches Projekt. Wie bekomme ich das Meiste aus wenig Material heraus? Ich denke, wenn man ein Vergrößerungsglas über ein einfaches Objekt hält, dann ergeben sich eine Menge Möglichkeiten. Ich erinnere mich an diesen Satz von Prokofiev: „Es gibt immer noch so viel in C-Dur zu sagen". Die Musik ist einfach, aber nicht heiter.

So entsteht auch diese Mischung aus Elektronischem und Akustischem. Man weiß nicht wirklich, wo man sich befindet, alles fließt ineinander über.
Sleep besteht zum größten Teil aus klassischer Musik, wenn es um Noten geht. Darum, Noten zu verschieben, richtig zu setzen. Das fordert dann ein eher analytisches Zuhören, dass unser Bewusstsein anregt. Und es gibt andere Landschaften bei Sleep, in denen der Zuhörer keinerlei Daten verarbeiten muss. Es sind Oberflächen. Und das knüpft an bestimmte Traditionen in der Musik an. Es fühlt sich wie eine Landschaft an. Mich interessiert in meiner Arbeit Musik als Textur, als Fläche.

Sleep ist nicht entstanden, weil du dir vorgenommen hast, ein besonders langes Stück zu schreiben, oder?
Die Leute haben ein bisschen übertrieben, wenn es um die Länge von Sleep geht. Aber es ist ein funktionelles Werk. Es wurde gemacht, um den Schlaf zu begleiten. Es war keine Absicht. Wenn ich wirklich daran interessiert gewesen wäre, ein langes Stück zu veröffentlichen, hätte ich Sleep markiert, gedoppelt und es wäre 16 Stunden lang. 

Kannst du mir schon etwas zur Uraufführung von Sleep erzählen, die im Oktober stattfindet?
Wir versuchen es so live wie möglich aufzuführen. Die gesamte Instrumentalmusik wird gespielt werden. Musiker werden eine Pause machen, um sich etwas auszuruhen. Gerade die Streicher haben viele lange Noten und dadurch lange Parts, die sie auch spielen wollen. Aber ich kann nicht von ihnen erwarten, 8 Stunden am Stück zu spielen. Meine Musiker sind sehr enthusiastisch und freuen sich auf die Live-Show. Wir haben Sleep noch nie aufgeführt, daher werden wir herausfinden, wie und ob wir es richtigmachen. Und dieses Experiment ist sehr interessant.

Findest du es nicht etwas provokant zu sagen, dass Menschen schlafen sollen, während sie deine Musik hören?
Natürlich ist es eine leicht provokante Position, die ich einnehme. Aber wenn die Menschen die Idee hinter dem Werk, hinter diesem kreativen Forschungsexperiment, verstehen, dann nicht. Es sollte anders betrachtet werden. Als Ausschnitt der Experimentalmusik, die in den 60er Jahren entstanden ist. Arbeiten, die in Galerien präsentiert wurden. Künstler wie Marina Abramovic, Philipp Glass, La Monte Young... So funktioniert es.

@maxrichter

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Credits


Text: Moritz Gaudlitz