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david sims und die skatekultur im jahr 2015

Für sein neues Fotobuch hat David Sims die FA Kids fotografiert. Heute kannst du dir die Bilder im 032c Workshop in Berlin anschauen. Dean Kissick macht sich Gedanken, wo die Skatekultur im Jahr 2015 steht.

von Dean Kissick
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09 Oktober 2015, 12:00pm

„Aufstehen. Kaffee oder Tee, je nachdem, wie ich mich fühle. Einen Freund anrufen. Skateboarden. Hoffentlich werde ich einen Trick stehen, ansonsten einfach rumhängen. Gut essen." So beschreibt Sage Elsesser einen Tag im Leben als Teil der „Fucking Awesome Kids" (kurz genannt FA Kids), die für Supreme skateboarden. Er ist 18 Jahre, kommt ursprünglich aus L.A., lebt jetzt in New York und sein Tag hört sich an wie die Texte eines Underworld-Songs. Ich frage den 17-Jährigen Sean Pablo dasselbe, der auch aus Los Angeles kommt und immer noch da wohnt. „Vom Augenblick, an dem ich aufwache, bis zum Augenblick, an dem ich einschlafe", sagt er. „Nein, ich mache nur Spaß! Ich hänge rum, ehe jeder fertig ist, um sich zu treffen und meistens fahre ich dann zu verschiedenen Skateparks." Und danach? „Vielleicht ein paar Bier und im Park sitzen, oder so was." Skateboarden sei eine Lebensart, wie es so schön heißt.

Skateboarden ist kein Sport, auch wenn heutzutage die Talentiertesten Millionen bei Wettbewerben verdienen können. Eine Schuhfirma flog mich mal nach Barcelona ein, damit ich mir Nyjah Huston anschauen konnte, wie er einen Double Hardflip vollführte, und ich schrieb darüber für i-D. Dann gab es da noch eine Party auf dem Dach eines Hotels mit Monster-Energydrink-Cheerleadern. Es ist keine Art der Fortbewegung, auch wenn es tatsächlich eine Art der Fortbewegung ist. Es ist kein Marketingtool, auch wenn Selfridges letztes Jahr einen riesigen Skatepark unter seinem Store aufbaute. Es ist nicht sexy, trotz Editorials in Magazinen wie dieses hier. In den meisten Orten wird ein heranwachsender Skateboarder nicht viele Mädchen anziehen, außer vielleicht in London oder New York, wo die Skate-Kids mit Modedesignern, Stylisten oder Models ausgehen, aber eben nicht überall. Es ist kein Fashion-Statement, auch wenn es modisch ist. Als ich vor einer Weile J.W. Anderson in seinem alten Studio in der Shacklewell Lane interviewte, hing über seinem Schreibtisch ein Supreme-Skateboard von Harmony Korine, mit einem gespenstisch blassen Porträtprint von Macaulay Culkin. Das ist ziemlich modisch. „Ist das ein Skateboard mit einem Print von Macaulay Culkin?", fragte ich den Designer. Er antwortete: „Ich weiß es nicht". Typisch Jonathan. Irgendwie ist Skateboarden immer cool geblieben. Es gehört zu den Dingen, die irgendwie schon seit Jahrzehnten cool ist, es ist niemals uncool - wie David Bowie oder japanische Kultur. Und es ist jetzt größer als jemals zuvor.

Aber Skateboarden ist nichts von alledem: Skateboarden ist eine Lebensart. Das wird sehr klar, wenn man sich Supreme-Videos wie Cherry - das Supreme-Feature, der letztes Jahr endlich veröffentlicht wurde - oder die vielen Kurzfilme, die unangekündigt auf dem YouTube-Kanal von Filmemache William Strobeck erscheinen, anschaut. Die Videos sind wie süße, klein Kometen, die vom Himmel fallen. In den Filmen geht es nicht nur darum, Tricks zu stehen oder überhaupt Tricks zu probieren, in den Filmen geht es ebenso ums Abhängen. Die Videos sind kunstvoll produzierte Dokumente einer Jugendkultur, weil Skateboarden oft zum Erwachsenwerden einfach dazugehört. Jedenfalls war es so für mich und viele meiner Freunde, aus denen mittlerweile Konzeptkünstler, Meisterköche oder Redakteure geworden sind, die mit ihren Frauen und Kindern, die auch skateboarden, in Vororten leben. Skateboarden kann deine ganze Welt verändern, ob du nun in Südkalifornien aufwächst und die Geländer zehnstufiger Treppen noch vor dem zehnten Geburtstag runtergrindest oder auf dem Land aufwächst und kaum die Bordsteinkante hochkommst. Sogar James Jebbia, der Gründer von Supreme, verbrachte seine Jugend im englischen Crawley, südlich von London. Wenn man ein Teenager, von der Popkultur angeekelt oder einfach gelangweilt war und in den 80ern, 90ern - oder heutzutage - nach einer Alternative suchte - und wer war das nicht? - und in einem Land mit Bordsteinkanten lebte, dann war man irgendwann mal Skateboarder.

Heutzutage kann man dadurch seine Identität als junger Mann entdecken und es definiert, wer man ist. Natürlich ist damit auch eine eigene Subkultur verbunden, und es ist nicht nur die körperliche Betätigung, sondern mit Skateboarden hängt ein ganzes Universum zusammen. Als ich jung war, ging es nicht nur darum, in Gewerbegebieten Landfriedensbruch zu begehen und keine Tricks stehen zu können, sondern es ging auch darum, sich eine andere, eine strahlende Welt nachts am Himmel anzuschauen. Es ist zutiefst hypnotisierend, stundenlang auf einem Sofa als Teenager zu sitzen, zu kiffen und die anderen Teenager dabei zu beobachten, wie sie Trick nach Trick stehen - und das immer und immer wieder. Manchmal ist es sehr langweilig - fast unglaublich - aber Skateboarden besitzt auch eine gewisse Faszination, denn manchmal gibt es diese plötzlichen, im wahrsten Sinne des Wortes wundervollen Augenblicke. Jungs mögen es zu fachsimpeln. Über Skateboarden lässt sich fantastisch fachsimpeln. Die besten Skateboarder können Tricks, die fast unmöglich erscheinen; die jenseits aller körperlichen Möglichkeiten liegen und aus einem anderen Kosmos zu kommen scheinen. Sie stehen diese Trick so stylisch, so locker, als ob es nichts wäre - schräge Sachen wie Inward-Heelflips, die zu verwirrend sind, um sie anschaulich zu beschreiben, die aber dennoch sehr beliebt sind. Meine Freunde und ich haben immer auf dem Sofa gesessen und die Fernbedienung durch die Luft geschmissen, um die komplexesten Bewegungen, die ein rechteckiger Gegenstand in Raum und Zeit darstellen kann, zu verstehen. Man muss dazu wissen, dass wir ziemlich high waren. Und das ist schon eine ganze Weile her.

Skateboarden ist eine Kunst. Supreme hat an Boards zusammen mit Jeff Koons, Larry Clark und Richard Prince zusammengearbeitet. Sage Elsesser geht auf eine Kunsthochschule. Das ist nicht weiter überraschend, weil Skateboarden an sich eine Kunstform ist, irgendwie so wie Eislaufen für Typen oder eine weniger schmerzvolle Variante des Balletts. Denn es geht nicht unbedingt darum, was du kannst, sondern darum, wie stilvoll du es tun kannst und wie viel Gedanken man sich um die architektonische Umgebung machen muss, damit man es tun kann. Anmut und Erfindungsreichtum sind hier um einiges wichtiger als in anderen Aktivitäten von männlichen Teenagern.

Zurück zum bekifften Teenager-Sofa. Skateboard-Videos anzuschauen, war nicht nur eine hohe Form der Kunst, sondern auf deren Soundtracks waren auch andere Songs zu hören. Das erste Mal, als ich David Bowie wirklich verstanden habe, ihm wirklich zugehört habe, war, als ich zwei Songs („1984"und „Rock 'n' Roll Suicide") über Arto Saaris zweiteiligen Schlusspart in Flips Sorry sah. Jedes Video ist wie ein Mixtape, über das jahrelang nachgedacht wurde (denn solange hat es meist gedauert, sie zu produzieren) und dadurch habe ich viel über Musik gelernt. Falls es dich interessiert: Sage mag Wendell Harrison, Nina Simone und Bill Evans. Sean Pablo steht auf New Order, Earl Sweatshirt und Brian Eno.

Wenn man jung und gelangweilt von seiner Umgebung ist, dann sind diese Videos ein Fenster in eine andere Welt; eine Welt voller exotischer Städte mit luxuriöser, betonierter und brutaler Architektur - meistens mit sehr hohen Geschwindigkeiten, als ob man in einem futuristischen Bild gefangen ist, aber mit fantastischem blauen Himmel und überall scheint die Sonne - das alles ist aber ziemlich weit weg. Das Leben eines professionellen Skateboarders erscheint als Traum. Wenn ich zum ersten Mal eine Stadt besuche, ertappe ich mich auch heute noch dabei, dass ich unscheinbare Plätze entdecke und mich so fühle, als ob ich schon mal hier gewesen wäre, ein magisches Gefühl. Neulich ging ich durch Koreatown in Los Angeles und stolperte über eine hässliche, unscheinbare Treppe mit 15 Stufen mit drei Geländern und unpassierbaren gelben Bollern am Ende und ich war sofort gefangen. Das waren die Whilshire Rails, einst ein weltbekannter Spot bis diese bösartigen Poller als Hindernis aufgestellt wurden und nachdem sie ihren Abgesang in dem Video Bake and Destroy von Baker. Das war alles sehr emotional. Skateboarden verändert die Sicht auf die Welt. Es nimmt bedrohliche Ausmaße an, man wird komplett verschlungen. Ich gehe auch heute noch durch die Stadt und starre Geländer und Treppen an, anstatt, sagen wir mal, sexy Passanten und stelle mir vor, welche Tricks ich dort probieren würde. Man wird Architektur nie wieder auf dieselbe Art und Weise betrachten.

Skateboarden beeinflusst die Sicht darauf, was es heißt, ein Mann zu sein, ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Ich hatte den ersten, durch Alkohol verursachten Blackout mit meinen Skate-Freunden. Das erste Mal (und das letzte Mal), als ich jemanden sah, der sich eine Flasche in seinen eigenen Arsch steckte - einfach so, ohne Grund - war im Skatepark. Hi Aaron! Das erste Mal, als ich jemanden sah, der jemanden so schlug, dass der Kopf aufplatzte, war mit einem Skateboard, und es war furchtbar. Beim Skateboarden - wie bei vielen Dingen, die junge Männer tun - geht es viel um Alkohol, Drogen und manchmal viel Geld. Meistens gibt es ein paar Respektspersonen und Mädchen als ausgleichende Faktoren. Oft gehen Dinge schief. Aber meistens ist es eine positive, akzeptierende und freundliche Welt. Ich rede noch gar nicht davon, wie viel schwer es ist, überhaupt irgendwelche Tricks zu lernen. „Einer der tollsten Aktivitäten ist Skateboarding", sagt Jerry Seinfeld zu Chris Rock in der gemeinsamen Folge von Comedians in Cars Getting Coffee. „Um einen Skateboard-Trick zu lernen, wie oft muss man es falsch machen, bevor man es hinbekommt. Man verletzt sich dabei und dann lernt man den Trick - das ist eine Lektion fürs Leben. Wann immer ich Skateboard-Kids sehe, denke ich mir ‚Es geht ihnen gut'.

Im Internet gibt es ein fantastisches Video von Ishod Wair (Thrasher kürte ihn zum Skater of the Year 2014). Es dokumentiert alle seine Versuche an einem Tag, einen sehr schwierigen Trick im Love Park in Philadelphia zu stehen. Ich könnte es mir ständig anschauen. Manchmal grindet er 72 Mal hintereinander die Treppen runter, dabei geht sein Board kaputt und renkt sich einen Finger aus. Aber er steht den Trick und jeder ist sehr glücklich, jeder springt auf und freut sich für ihn und umarmt ihn, sogar total Fremde. Das ist selten, dass man so einen Moment gemeinschaftlicher Freude in einer Stadt zu Gesicht bekommt, geschweige denn an einem so heruntergekommenen Platz. Aber Ishod steht seine Tricks und füllt den Brunnen im Love Park mit Freude. Das Video findest du hier.

Glaube an sich selbst, ein Interesse an öffentlich zugänglicher Architektur, Fitness, Musik, ein Gemeinschaftsgefühl - die Skatekultur ist vielfältig. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt", sagt Sage. „Ich habe für eine Weile Sport gemacht, aber ich wollte immer Skateboarden. Also blieb ich dabei." Auf die Frage, was die FA Kids so besonders macht, antwortet er: „Wir sind alle wirklich enge Freunde. Ich kann sie als meine Brüder bezeichnen. Wir sind zusammengewachsen." Skateboarden sorgt für ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl als bei Mannschaften traditionellerer Sportarten, weil es nicht primär ums Gewinnen geht (denn so etwas wie Gewinnen gibt es nicht), sondern darum, mit Leuten, die man mag, Tag und Nacht abzuhängen. Man findet Freunde, formt eine Gang und gemeinsam kann man Stadtviertel zu seinem Revier wachen - zumindest vorübergehend.

Auf die Frage nach der Identität von Supreme antwortet Sean Pablo: „Ich weiß es nicht. Scheiß drauf, was andere Leute denken. Wir tun das, was wir tun wollen." Das Wichtigste, meiner Meinung nach, was man beim Skateboarden lernt, ist, dass man lernt, an sich selbst zu glauben. Sich selbst zu sagen, ‚Ich schaffe das'. Skateboarden steht auch für ein anderes Männerbild; ein Männerbild, das weniger mit sexueller Objektivierung und finanziellem Erfolg zu tun hat, als vielmehr mit dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Letztlich ist Skateboarden ein individuelles Erleben der Welt mit hoher Geschwindigkeit und es verwandelt jedes Hindernis in einen Spielplatz mit Gelächter.

SUPREME / DAVID SIMS photography exhibition & SOCIÉTÉ DE 032C Bar Night, morgen St Agnes, Alexandrinenstr. 118, 10969 Berlin

Credits


Text: Dean Kissick
Fotos: David Sims
Kleidung von Supreme

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