„Meine Beziehung zum Berghain ist ein wenig wie die zu einem Kind“

Im Gespräch mit Marcel Dettmann.

von Bianca Heuser
|
28 September 2015, 2:30pm

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

„Meine Beziehung zum Berghain ist ein wenig wie die zu einem Kind," sagt Marcel Dettmann, wenn man ihn nach der Entwicklung seines mit Abstand regulärsten Arbeitsplatzes fragt: „Man sieht ihm beim Aufwachsen zu und irgendwann verlässt es die Schule, heiratet, gründet eine eigene Familie, aber für mich bleibt es ein Kind. Natürlich verändert es sich, was gut und wichtig ist, aber mir fällt es schwer, diese Evolution wirklich zu beurteilen."

Wenn die eigene Karriere derart mit einer solchen Instanz verbunden ist, ist es klar, dass die Distanz verloren geht: Nachdem jemand auf einer Party einem Chef des Berghain-Vorgängers Ostgut Marcels Mixtape in die Hand drückte, wurde er im März 1999 für sein Debüt-Set gebucht. Daraus ergab sich eine mittlerweile über 15 Jahre anhaltende Partnerschaft, während der Club und Resident-DJ zusammen Kultstatus bei Techno-Fans auf der ganzen Welt erlangten.

Bereits im Ostgut wurde für Marcel Dettmann die Geschichte von Techno und Berlin noch mal neu geschrieben: „Es wurde internationaler, Leute aus dem Ausland kamen immer zahlreicher und durch die Panorama Bar wurde es auch soundmäßig etwas breiter. 2002 musste das Ostgut der O2-Arena weichen und es gab zwei Jahre lang nichts. Dann hat das Berghain aufgemacht - und jetzt sind wir hier", lacht der gebürtige Brandenburger.

Im Gegensatz zu einem mittlerweile beträchtlichen Teil seines Publikums weltweit kann sich Dettmann auch noch an Techno und Berlin prä-Berghain erinnern. Unter anderem an den großen Bruder eines Schulfreundes, der an einem Montagnachmittag kurz nach der deutschen Wiedervereinigung sonnenbebrillt an den beiden 12-Jährigen vorbeirannte. „Ich habe damals natürlich nicht verstanden, dass er und seine Freunde gerade von einer Party aus Berlin zurückkamen", erzählt Dettmann, der kurz darauf Interesse an Bands wie Deutsch-Amerikanische Freundschaft und Nitzer Ebb entwickelte. Und an Depeche Mode, „die damals bei mir voll ins Schwarze trafen und meine erste musikalische Liebe waren."

Auf die Trance-Compliation Logic Trance #1 und diverse Techno-Sampler folgte bald ein erstes Cluberlebnis, zu dem Dettmann vor allem die eigene Naivität einschneidend in Erinnerung geblieben ist: „Wir Kids waren ungefähr eine Stunde mit dem Zug unterwegs und sind dann in den Tresor. Ich dachte, ‚man, die Berliner sind aber komisch drauf, alle ganz schön verrückt!'" Auf der Love Parade wunderte man sich schon weniger, und danach ging es dann meistens noch ins E-Werk.

Bei Thump könnt ihr euch Parker Ellermans düsteren Kurzfilm zu Marcel Dettmanns „Seduction" anschauen.

Im Gegensatz zu einem beträchtlichen Teil seiner Kollegen, die die Neunziger in Berlin miterlebten, spricht Marcel Dettmann ohne besonderen Anflug von Nostalgie von dieser Zeit. Dafür sorgt neben seiner offenen und neugierigen Natur sicherlich auch sein immenser Erfolg: und auch das Berghain ist so weit entfernt von seinem Ende wie Marcels DJ-Karriere. Das Wort „Karriere" kann man sich aus Dettmanns Mund aber kaum vorstellen. Wenn er von genau dieser spricht, dann eher im Zusammenhang mit seiner Tochter, die er auf dem Weg vom Flughafen aus dem Kindergarten abholt, oder Freunden, die fragen, was am Wochenende so los ist in Berlin. „Hey, keine Ahnung", lacht er dann, „ich bin doch die ganze Zeit unterwegs!"

Trotzdem lässt sich am Beispiel seiner Laufbahn auch die Entwicklung des Berliner Nachtleben ablesen: Die kindliche Naivität aus der beides begann, wirkte so magnetisch, dass eher früher als später eine gewisse Professionalität zur Notwendigkeit wurde. Nicht erst seit heute weiß von der Stadt Berlin bis zur GEMA jeder, dass sich am Berliner Nachtleben auch sehr gut Geld verdienen lässt. Auch deshalb wird ihm ein gewisser Raum gewährleistet. Seinetwegen zieht es junge Menschen aus Beijing, Barcelona und New York heute mehr denn je nach Berlin. Daraufhin steigen Miet- und andere Preise. Beißt sich hier dieser neuen Kosten wegen der Nightlife-Kapitalismus in den eigenen Schwanz? Wo der finanzielle Druck steigt, wird schließlich genau die kreative Freiheit beschränkt, die das Berliner Nachtleben ursprünglich so attraktiv machte.

„Das Berghain ist nach wie vor so experimentierfreudig wie die DJs, die es bucht. Das muss man sich aber natürlich leisten können. Andere haben diesen Luxus nicht", dessen ist sich Dettmann bewusst. Ganz wie im Tageslicht macht sich so auch im Nachtleben eine Schere auf: Ein Club, der gut läuft, kann Risiken eingehen, die seine weitere Existenz im besten Fall legitimieren und Einnahmen sichern können. Und kein Club in Berlin - so darf man vermuten - läuft so gut wie das Berghain. Dieses nutzt seine Freiheiten unter anderem um DJs wie Total Freedom, Nigga Fox oder die der Berliner Partyreihe Janus einzuladen: Produzenten, die politisch in der Tradition der Bewegungen und DJs stehen, denen der Club in der Vergangenheit eine Plattform bot, und die weitreichend Vorstellungen von moderner elektronischer Musik und Dance weiterdenken, fordern und neu definieren.

In der westlichen Welt genossen vor Berlin wohl nur New York und London einen vergleichbaren Ruf für ihr Nachtleben und den kulturellen Output, der sich daraus ergab. „Gerade in New York gab es dieses Nachtleben ja schon seit den 70ern mit „Paradise Garage" und „The Loft". Besonders durch die Schwulenszene entstand eine perfekte Clubkultur, bis sie schließlich vom Bürgermeister Giuliani erstickt wurde. Das ist letztendlich aber vermutlich eine Evolution, die jede Großstadt durchmacht", ahnt Dettmann. „Aber im Vergleich ist Berlin ja noch ein kleines Städtchen."

@marceldettmann

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

Das könnte dich auch interessieren:

Credits


Text: Bianca Heuser
Foto: Grey Hutton
In Kooperation mit Converse.

Tagged:
techno
Berghain
marcel dettmann
i-D goes Techno
tekkno musik