die dunkle seite von cocorosie

Bianca Casady, eine Hälfte von CocoRosie, tourt gerade mit ihrem neuen Soloprojekt „Porno Thietor"durch Europa. Wir trafen sie und sprachen mit ihr über ihre Musik, Theater und merkwürdige Schreibmaschinen.

von Moritz Gaudlitz
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27 November 2015, 10:35am

Etwas schüchtern wirkt Bianca Cassidy, wenn man mit ihr über ihr neues Soloprojekt spricht. Jahrelang hatte sie zusammen mit ihrer Schwester Sierra als CocoRosie Musik gemacht. Erst Anfang dieses Jahres erschien deren neues Album, nun steht sie alleine auf der Bühne. 

Nicht wirklich alleine - hat sie sich doch für die Auftritte, bei denen sie ihr eigenes Projekt „Oscar Hocks" spielt, eine Gruppe von Musikern und Performern dazu geholt. „The C.I.A." übersetzt zusammen mit Bianca die Stücke am Album live auf Theaterbühnen in eine besondere Theater- und Musikshow namens „Porno Thietor".  Wunderbar geheimnisvoll und sehr theatralisch - fast so wie bei den Live-Shows von CocoRosie trifft das Verspielte auf Düsteres und Verrücktes. Aber eben nur fast. Es ist eine Show zwischen Gangsterfilm und Mysterienzirkus. Wir haben sie vor ihrem Auftritt in München getroffen und wollten mehr erfahren. 

Wann hast du angefangen, an dem Projekt zu arbeiten?
Ich weiß nicht, wann und wo es angefangen hat. Aber ich habe schon seit ein paar Jahren für das Theater gearbeitet. In Hamburg hatte ich im Kampnagel eine Residency und arbeitete an einem Stück namens „Nightshift". Es war dieselbe Zeit, in der ich auch noch mit CocoRosie gearbeitet habe. Ich habe ja immer viele Dinge gleichzeitig gemacht. Performances, Konzerte, Ausstellungen in Galerien und so weiter. Das ist aber das erste offizielle Musikprojekt, das ich neben CocoRosie mache!

Die Idee zu deinem neuen Projekt entstand aber schon 1994, oder?
Die Idee zum „Porno Thietor", also für diese Show, entstand als ich 12 war. Damals habe ich angefangen, eine Schreibmaschine zu benutzen, die eine große Rolle für meine Arbeitsprozesse und mein Schaffen spielt.

Was ist das Besondere an der Schreibmaschine?
Ich mag das Mechanische. Was ist theatralisch und was ist mechanisch in einer Performance? Die Schreibmaschine hat etwas Unbrauchbares. Sie macht und hat Fehler. Die Maschine ist nicht perfekt. Sie verwandelt das Schreiben in einen unmittelbaren Kunstgegenstand, der auf einmal da ist. Ich habe sehr viele Schreibmaschinen. Und wenn man hart anschlägt, dann schneiden sie manchmal das Papier. Das ist meist der Anfang meiner Arbeit.

Dein neues Album, klingt wie live aufgenommen. Wie lief die Aufnahme ab?
Es ist eigentlich ziemlich un-live. Aber ich mag es, dass es sich so anhört. Ich habe sehr langsam daran gearbeitet. Ohne Zeitdruck, meistens Nachts. Ich habe herumexperimentiert, aber am Ende bin ich mehr daran interessiert, jedem Song so viel Platz wie möglich zu geben. Das selbe mache ich dann auch live. Live explodiert dann immer alles ein bisschen. 

Also schreibst du deine Songs immer mit dem Gedanken, sie auch live zu performen?
Nein, ich denke eher immer ans Theater. Also ich sehe die Geschichten und Songs sofort auf der Bühne. Ich möchte auch, dass auf der Bühne die Band und die Musiker in den Hintergrund rücken. Ihre Rolle ist vielmehr die der Erzähler.

Möchtest du selbst live auch im Hintergrund stehen?
Ja, das auch. Ich bin ziemlich busy auf der Bühne, mache viele Dinge. Ich bin zu beschäftigt, um dem Publikum als Entertainer gegenüber zu stehen.

Du arbeitest jetzt mit der Gruppe The C.I.A. zusammen. Was ist ihre Rolle in deiner Show?
Sie sind alle sehr individuell. Ich arbeite mit einem Pianisten, der nie in einer Band gespielt hat. Er hat diese unschuldige Art des Spielens, die ich so mag. Dann sind da die beiden Musiker, die ihr ganzes Leben Jazzmusik gespielt haben. Ich bin wirklich von den CIA Jazz-Shows der 50er interessiert. Das merkt man auch in den Shows. Den Drummer kannte ich überhaupt nicht, ich habe ihn einfach gefunden. Etwas seltsam, jemanden zu nehmen, den man nicht kennt. Außerdem spricht er kein Englisch. Rein konzeptuell gedacht, steht die Gruppe für die ernsten „Men in Black". Sie ist eine Auftragsband, die Anzüge trägt.

Das klingt sehr filmisch. Ist das deine Absicht für die Show und das Projekt?
Ich denke an Film eher in einer sehr allgemeinen Art und Weise. Die Film Noir-Ästhetik beeinflusst das Bühnenbild und die Dunkelheit des Stücks. Ich benutze während der Show viele Videoprojektionen und mache Videos aus Fotos. So wird es filmischer. 

Hast du Theater studiert?
Nein, nie. Ich bin auch nicht viel ins Theater gegangen. Als wir die erste Musik für Robert Wilson gemacht haben, war das der erste wirkliche Kontakt zum Theater. Es kam im richtigen Moment meines Lebens. Ich bin wirklich an all diesen miesen Zirkustricks interessiert. Das ist auch der Grund, warum das neue Programm „Porno Thietor" heißt und wie eine Freakshow daherkommt.

Was hat es mit dem Titel auf sich?
Das Stück untersucht Fetischismus und Erotik. Aber das Ergebnis ist nicht unbedingt sexuell, es geht vielmehr um mein Verständnis von Performance. Es gibt da diesen Tanz mit dem Besen, den ich vorführe... wischen, kehren, auch Sklaverei. Ich untersuche alle diese Dinge. Ich mag es, das Publikum zu verwirren. Und mit den verschiedenen Charakteren auf der Bühne schaffe ich das.

Wer bist du auf der Bühne?
Ich bin eher ich selbst. Aber im Hintergrund, ich bin nicht der Erzähler, der ins Rampenlicht geht. Im griechischen Theater gibt es diese Person, wie heißt sie nochmal...Der Bote!

Es ist das erste Musikprojekt, das du ohne deine Schwester realisiert hast. Wie ist es für dich, nun die einzige Frau auf der Bühne zu sein?
Ich bin die Frau hinter den Maschinen. Ich bin nicht interessiert daran, zu entertainen. Es fühlt sich überraschend natürlich an. Ich bin mehr ich selbst, denn bei CocoRosie bin ich ein Clown. Ich genieße es jetzt, nicht der Clown zu sein. Ein guter Freund hatte eine interessante Beobachtung zu meiner Performance. Er meinte, ich arbeite mit einer Art Entkörperung, wenn ich als Tänzerin auf die Bühne gehe. Ich porträtiere mich anscheinend auf unterschiedlichste Art und Weise selbst. Als eine Art Erweiterung meiner selbst. Ich habe selbst noch nicht wirklich darüber nachgedacht, aber es fühlt sich richtig an.

Ist es auch eine Art Dekonstruktion deiner Persönlichkeit? Du benutzt auch verstimmte Pianos und Instrumente für das Projekt. Für das Imperfekte?
Ich war immer total interessiert daran, Dinge zu dekonstruieren. In der Musik gibt es viele Arten der Dekonstruktion. Nicht nur stimmlich. Darüber habe ich viel mit der Band gesprochen. Denn alles soll zusammenbrechen. Ich möchte, dass sie alle unterschiedliche Tempos spielen. Ich mag das Imperfekte alter Maschinen und von Musik.

Man sagt ja immer, dass du für die dunkle Seite von CocoRosie verantwortlich bist...
Mir war nie bewusst, wie sehr ich für die dunkle Seite von CocoRosie verantwortlich war, bis ich ein paar Schritte zurück gemacht habe. Ich habe sehr lange Musik gemacht und fühlte mich immer etwas zu hässlich. Mir wurde bewusst, wie meine Schwester das Schöne in unser Projekt brachte. Das neue Projekt ist nun eine Art Exorzismus. Ich versuche etwas zu verarbeiten. Aber nicht auf eine depressive Art!

Wenn du dich entscheiden müsstest nur noch mit einer Kunstform zu arbeiten, was würdest du wählen? Musik oder Theater?
Ich würde Theater wählen, weil es alles beinhalten kann. Aus der musikalischen und visuellen Sicht heraus, habe ich beim Theater erleben können, dass es das Potential hat, eine psychische und spirituelle Transformation zu befördern. Das interessiert mich an Theater. Ich habe die Erfahrung gehabt, dass der Performer diese Transformation erlebt hat.

„Oscar Hocks" erscheint im Januar.  

@biancacasady

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Bilder via Bianca Casady

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