Foto: Jamie Hakesworth

Ein Plädoyer für die Langeweile

Müßiggang ist aller Laster Anfang. Sagt man. Und irgendwie ist an diesem Sprichwort auch etwas dran. Wer hat heute schon Zeit, einfach mal nichts zu tun - und das ganz ohne schlechtes Gewissen?

von Anne Tetzner
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09 Dezember 2015, 8:35am

Foto: Jamie Hakesworth

Hast du schon einmal probiert, eine Stunde lang allein in einem Raum zu verbringen, ohne dabei irgendeiner Tätigkeit oder Beschäftigung nachzugehen? Das heißt: Kein Fernseher, kein Laptop, kein Radio, kein Buch, keine iPhones, -Pads, -Pods oder -Watches? Wenn ja, dann wirst du wissen, was für ein schwieriges Unterfangen das ist. Für viele ist allein die Vorstellung grauenvoll. "Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden", so der französische Philosoph Blaise Pascal, „ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung."

Pascal starb 1662. Als einer der Ersten beschäftigte er sich intellektuell mit der Angst vor der Langeweile. Die Ursache dafür sieht er in einem existentiellen Grundprinzip: Durch das Fehlen von Ablenkung werden wir vor die Sinnlosigkeit und Absurdität der eigenen Existenz gestellt. Der Mensch "wird dann sein Nichts fühlen, (...) seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere", schreibt er und macht seine Aussagen damit im Jahr 2015 aktueller denn je; in einem Zeitalter, in dem wir uns ständig mit uns selber beschäftigen, jedoch selten bei uns selbst sind.


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Der postmoderne Mensch konfrontiert sich jeden Tag mit sich selber. Er kennt seine Stärken (flexibel, teamfähig), seine Schwächen (zu perfektionistisch) und Komplexe (Minderwertigkeit). Vom Yoga bis zur Psychoanalyse, von Instagram bis Twitter reflektiert er sich ständig - nach innen und nach außen. Er ist selbstkritisch. Wenn ihn etwas stört, versucht er, es zu ändern. Er weiß, dass es unzähligen Menschen schlechter geht als ihm. Noch besser: Er hilft. Ihm ist auch klar, dass es den Lebenssinn per se nicht gibt und das Leben aus mehr oder weniger sinnhaften Teilen besteht.

Nur vor der Langeweile hat er noch Angst. In den Warteschlangen der Cafés und den Sekunden zwischen zwei Netflix-Episoden wird er unruhig. Dann antwortet er in Whatsapp-Gruppen, scrollt durch Newsfeeds und installiert noch schnell irgendein fälliges Update. Zwischendurch wird das Alltägliche kuratiert, Mahlzeiten inszeniert und die Schuhe auf dem Asphalt (umringt von Blättern #herbst) fotografiert. Er ist vielbeschäftigt: Seine Zeit nutzt er sinnvoll.

Zwischen all dem bleibt kaum Raum zum Atmen und obwohl wir uns doch eigentlich nach etwas Zeit für uns sehen, beginnen wir, wenn die Langeweile einsetzt, Angst zu haben und gegen sie anzukämpfen. Pascal schrieb treffend: "So verrinnt das ganze Leben: man sucht die Ruhe, indem man die einigen Schwierigkeiten, die uns hindern, überwinden will; und hat man sie überwunden, dann wird die Ruhe unerträglich".

Die Langeweile zu meiden, hat heute vielleicht weniger mit der Angst vor dem Ich zu tun, als damit, dass dieses Ich uns entgleiten könnte, die Kontrolle verloren wird und man von der Umwelt nicht mehr ausreichend wahrgenommen wird. Keine andere Angst bringt den Menschen so effektiv dazu, praktisch permanent irgendetwas zu konsumieren und an der eigenen Leistungsfähigkeit zu arbeiten. Im Umkehrschluss kann man sagen, dass es sich bei der Angst um eine Sucht handelt - nach Anerkennung, Kontrolle und ständigem Reiz von Außen. Sie verkauft uns teure Handys, neue Schuhe, Tinder, Snapchat und Fitnessapps. Sie ist die perfekte Antriebskraft einer neoliberalen Gesellschaft.

Inmitten herrschender Optimierungs- und Beschäftigungszwänge sind Zeiträume, in denen wir unseren Kopf ziellos denken lassen, ohne dass jemand davon Notiz nimmt oder nehmen muss, nicht nur außerordentlicher Luxus, sondern auch persönlicher Protest. Einfach, weil man sich dem tickenden Zeitregime unserer Produktiv-, Konsum-, und Erlebnisgesellschaft gar nicht besser zur Wehr setzen kann als damit, seine Zeit etwas so Irrationalem zu widmen wie dem aktiven, produktiven und souveränen Nichtstun, mit anderen Worten: dem Müßiggang.

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