die exotische welt von bernhard willhelm

„Ich glaube, dass es einen schmalen Grat zwischen Würdigung und Kopieren gibt.“ – Wir sprachen mit dem Designer über das Leben in Los Angeles, den Zustand der Modeindustrie und Copy-Cats.

von Briony Wright
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30 November 2015, 10:05am

Foto: Nick Haymes

In einer Industrie mit immer schnelleren Produktzyklen ist Bernhard Willhelm eine Ausnahmeerscheinung. Er entschied sich bewusst für ein Leben mit vielfältigen kreativen Herausforderungen. So entwirft er seine Mode nach eigenen Vorstellungen, in seinem eigenen Tempo und heraus kommen auf diese Weise außergewöhnliche Kleidung, Accessoires, Bilder und Kunst, die seine Freude an Mode und seine Haltung transportieren. Sein Instagram-Account ist Zeugnis von seinem Leben und alles, was ihn inspiriert: die Sonne, das Fitnessstudio, Natur und die exotischen Freunde, die so oft Gegenstand seiner Arbeiten sind.

Bernhard Willhelm hat schon fünfzehn Jahre Leben in der Modewelt auf seinem Buckel. Der deutsche Designer wohnt mittlerweile in Los Angeles. Seit seinem Abschluss an der belgischen Modeakademie in Antwerpen hat er in Deutschland, Belgien, Japan, Italien und nun Amerika gelebt und gearbeitet und im Laufe der Jahre einen unglaublichen Erfahrungsschatz angesammelt.

Bernhard Willhelm ist ein durch und durch moderner Designer: ein klassisch ausgebildeter Modemacher, der seine Fähigkeiten in den Dienst einer neuen Zukunft stellt, in der alles erlaubt ist. Wir sprachen mit dem Designer über das Leben in Los Angeles, den Zustand der Modeindustrie und Copy-Cats.

Einer von 69 Looks aus Bernhard Willhelms aktueller '2 Cute 2 B Str8: Caramelised Banana with Toffee Sauce'-Kollektion.

Deine Arbeiten sind durchweg interessant. Es scheint so, dass du kreativ freier bist als viele Designer, die darauf geeicht sind, kommerziell verwertbare Kollektionen zu entwerfen.
Es hat vielleicht viel mit Glück zu tun, dass ich nicht sofort zu groß geworden bin. Ich arbeite seit 15 Jahren und wenn man die Gewissheit hat, dass man überleben wird, dann fragt man nicht mehr danach, wieso man das alles macht. Anfangs weiß man natürlich nicht, ob man es schaffen wird und wieso man das überhaupt macht. Das ist jetzt anders. Weil ich meine Kunden kenne, muss ich nicht mehr unbedingt eine Fashionshow machen. Ich kann jede Form der Präsentation wählen. Es wird dadurch lockerer. Die ganze Geschichte, die sich gerade zwischen High- und Low Fashion abspielt, der Unisex-Ansatz, ich tue das bereits seit 15 Jahren. Auf einmal ist es diese große Sache. Für mich geht es im Moment darum, so weiterzumachen wie bisher.

Wie ist das Leben in L.A.?
Ich habe entschieden, dass ich in Kalifornien leben möchte. Die Firma habe ich aber in Paris gelassen und die Kollektion wird weiterhin in Japan und Belgien produziert. Es ist ein globales Geschäft, momentan kann ich von zu Hause aus arbeiten. Aber ich habe auch mein eigenes Label, das ist etwas sehr Ungewöhnliches. Das Geschäft beruht nicht auf sehr vielen Schultern, das ermöglicht vielleicht eine gewisse Freiheit. Das Modegeschäft ist sehr monoton und restriktiv; alle sechs Monate muss man abliefern, egal was ist, und innerhalb dieses Rahmens möchte ich frei sein.

Aus: Fall/Winter 2014 Menswear Lookbook. Foto: Erez Sabag.

Was sind die größten Veränderungen, die du in der Branche über die Jahre festgestellt hast?
Ich habe zehn Jahre lang in Paris genäht. In den 90ern und in den 2000ern kamen junge Designer nach Paris. Ende der 2000er das war nicht mehr wirklich der Fall, weil zu diesem Zeitpunkt jeder nur noch Luxusmarken wollte. Jetzt findet wieder eine Art Rückbesinnung statt: eine neue und jüngere Einstellung. Wir haben alle genug davon, dass die großen Konglomerate alles kontrollieren. Wenn man in ein Kaufhaus geht, sieht man, dass alle Kleider aus derselben Fabrik stammen. Ich glaube, dass es jetzt einen Bedarf an kreativerer Mode sowie Unisex-Teilen gibt. Ist es nicht verrückt, dass wir ein Revival der 80er und 90er haben?

Wie findest du die 90er?
Das ist schwierig zu beantworten, aber ich muss an Raves, an Björk und Grunge denken - diese Sachen. Ich nehme an, ich verbinde mit den 90ern die Basics.

Wir haben kurz über Designer gesprochen, die in ihren Arbeiten Bezug auf andere Designer nehmen oder sie gar kopieren. Ist das für dich ein Problem?
Es ist schon lustig, was in den Shows in Paris zu sehen ist. Martin Margiela führte diese Art von Kopie von Kleidungsstücken ein, bei denen es um eine Würdigung der Originale ging. Das ist heute definitiv nicht mehr so, wenn man über Trends spricht. Ich glaube, dass es einen schmalen Grat zwischen Würdigung und Kopieren gibt. Außerdem spielt dabei eine Rolle, wie es gemacht wurde und was das Konzept hinter der Kollektion ist. Ich denke, dass es angebracht ist, den ursprünglichen Designer zumindest zu erwähnen. Mode ist ein immerwährender Kreislauf von Dingen aus der Vergangenheit.

Aus der diesjährigen Bernhard-Willhelm-Ausstellung im MOCA. Foto: Brian Forrest.

Das finde ich das Tolle an der Mode: Altes wieder modern zu machen. Ich glaube, dass die Leute ziemlich versiert sind und erkennen, woher etwas stammt.
Wenn man es nüchtern wie ein Deutscher aus einem juristischen Blickwinkel betrachtet, dann geht es dabei um sieben Punkte, die man beim Urheberrecht berücksichtigen muss. Ich besitze eine Sonnenbrille von Rick Owen und ich besitze das Original von Porsche Design. Offensichtlich haben sie sich da an diese sieben Punkte des Urheberrechts gehalten. Wenn man aber die Sonnenbrillen miteinander vergleicht, dann handelt es sich um ein und dieselbe Brille. Rechtliche Erwägungen sind halt ein bisschen lächerlich.

Ich stelle mir vor, dass viele Designer mit Moodboards arbeiten und vielleicht vergessen, woher eine Idee stammt.
Die Industrie als Ganzes braucht ein Moodboard, weil sie Orientierung braucht. Ich bin der Überzeugung, dass ein echter kreativer Geist kein Moodboard braucht. Das habe ich meinen Studenten damals in Wien immer beigebracht: Es ist gut, eine Referenz zu haben, packt sie in euer Buch, klappt das Buch zu und fangt an zu entwerfen. Heutzutage ist das Problem, dass es zu viele Referenzen gibt, besonders durch das Internet. Ich glaube nicht, dass Designer vor 100 Jahren Moodboards brauchten, mit Sicherheit keine bildlichen Referenzen. Manchmal langweilt mich das extrem.

Wird es für Designer schwerer, einzigartig und originell zu sein? Einfach bedingt durch die schiere Anzahl an Leuten, die es in der Industrie gibt?
Ich kann nicht für alle Designer sprechen, aber man muss eine Balance zwischen dem, was man kreativ machen möchte, und dem, was wichtig für die Kunden ist, finden. Jedes Muster von jedem Designer ist anders. Vielleicht stand ein bestimmtes Muster für eine gewisse Zeit, dann muss es adaptiert werden, weil Mode aus der Mode kommt und Mode verändert sich die ganze Zeit. Es ist ein Spiel mit einem ständigen Fluss an Ideen.

Es muss doch aber sehr frustrierend sein, wenn jemand deine Arbeit kopiert?
Es kommt darauf an, wer es macht. Wenn sie von einem anderen Designer oder einem Student kopiert wird, dann ist das in Ordnung. Wenn es aber H&M oder Zara machen, dann ist es mir nicht egal, weil sie das Geld haben, um einen Designer zu bezahlen. Das finde ich moralisch schwierig. Ich weiß, dass sie daran arbeiten, aber Imitation ist ein Zeichen von Schwäche. Was kann ich dazu noch sagen? Hoffentlich haben sie Sex und einen Orgasmus.

Es geht um Prioritäten. Deine Kampagnen und Lookbooks sind immer außergewöhnlich. Man hat das Gefühl, dass du dich mit der Kultur in L.A. gut auskennst.
Mir gefällt, dass es in Amerika so eine gute Durchmischung von unterschiedlichen Ethnien gibt. Es ist exotischer hier. Ich komme aus einer kleinen deutschen Stadt, aus Ulm. Dort ist es nicht sehr exotisch, so ziemlich genau das Gegenteil. Paris ist eine sehr institutionalisierte Stadt: die Oberschicht, die Unterschicht; das Bürgertum und die Arbeiterklasse. Es ist ein sehr altes System, in dem keine gute Durchmischung stattfindet. In L.A. liegen wir alle in der Sonne, das sorgt für gute Laune.

Einer von 69 Looks aus Bernhard Willhelms aktueller '2 Cute 2 B Str8: Caramelised Banana with Toffee Sauce'-Kollektion.

Was inspiriert dich im Moment zu seinen Designs?
Gerade möchte ich an nichts denken. Ich möchte ein Stück Stoff nehmen und sehen, was damit passiert, am Fadenverlauf arbeiten oder mit der „Cut and Slash"-Technik arbeiten, die Vivienne Westwood eingeführt hat. Damit beschäftige ich mich momentan. Ich arbeite mit Kaliko, einem kleinen Model und finde Formen. Daraus entwickle ich dann Muster, vielleicht erfinden wir Mode neu.

Das klingt ausgezeichnet und ist bestimmt nicht so einfach, wie es sich anhört.
Man braucht 15 Jahre, bevor man es richtig beherrscht. Dann muss man sich selbst überzeugen, dass man es für weitere 15 Jahre tun will. Ich bin gut mit der Familie von Vivienne Westwood befreundet. Ich finde es toll, dass es Leute gibt, die in der Mode alt werden und immer noch gehört werden. Wenn man 60 ist, hat man auch mehr zu erzählen. Ich mag es, wenn man weiterhin kreativ tätig sein kann und eine Geschichte zu erzählen hat.

Du warst für eine Weile Creative Director beim italienischen Haus Capucci. Erzähle uns mehr darüber.
Ja, das war ein kleiner Flirt für drei Jahre. Am Ende ging die Firma insolvent. Das Haus war geprägt von einer sehr traditionellen Vorstellung von Mode. Er [Roberto Capucci] wollte es modernisieren, gleichzeitig existiert Couture nicht mehr. Braucht es ein Bedürfnis von jemandem, um etwas zu schaffen? Diese Frage steht im Raum, wenn man für ein Haus entwirft. Vielleicht ist die Couture tot.

Einer von 69 Looks aus Bernhard Willhelms aktueller '2 Cute 2 B Str8: Caramelised Banana with Toffee Sauce'-Kollektion.

Würdest du für ein anderes Haus als Creative Director arbeiten, wenn du gerufen werden würdest?
Das hängt davon ab. Wenn man für ein großes Haus arbeitet, hat man viel Arbeit. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass man ein Sklave ist, aber man trägt die Verantwortung für ein sehr großes Team. Wenn es einen glücklich macht, dann soll man es tun. Man sollte es aber nicht des Geldes oder des Glamours wegen machen.

Wirst du immer noch durch das Nachtleben inspiriert?
Nicht mehr in dem Maße, wie es mal der Fall war. Ich versuche jetzt, morgens spazieren zu gehen und einen Shake zu trinken. L.A. dreht sich auch nicht so sehr ums Clubbing. Ich habe in meinem Leben schon viel gefeiert. Jetzt geht es einfach ums Leben und um die Musik.

@BernhardWillhelm

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Text: Briony Wright
Fotos: Nick Haymes

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