wie die ddr die heutige modewelt beeinflusst hat

„299 792 458 m/s“ ist das innovative Modemagazin, das von Einstein, Kyrogenik und von der einzigen Stilbibel der DDR, der „Sibylle“, inspiriert wurde. Wir haben mit Robert Kulisek und David Lieske über ihr neuestes Projekt gesprochen.

von Clementine de Pressigny
|
29 November 2016, 9:25am

cloud control photographed by buck ellison, styled by david lieske, dean michael at next

Robert Kulisek, Künstler und Fotograf, und David Lieske, Künstler und Mitbegründer der Mathew Gallery und von Dial Records, arbeiten seit Jahren zusammen und haben vor Kurzem ihr neustes Projekt veröffentlicht: Mit 299 792 458 m/s haben sie ein spannendes, mutiges und neues Modemagazin mit künstlerischem Anspruch auf den Markt gebracht. Damit möchten sie den neuen Talenten, die sich in der Modeindustrie erst noch einen Namen machen müssen, kreativen Freiraum geben, etwas, das sie in der amerikanischen Magazinlandschaft vermissen. Die erste Ausgabe—The American Issue—enthält Beiträge von Dis Magazine, Liam Hodges und Bernhard Willhelm. Sie zelebrieren darin das Unkonventionelle. Wir haben Robert und David gestellt und wollten von ihnen wissen, was das alles mit dem DDR-Modemagazin Sibylle zu tun hat und was hinter dem Titel steckt.

Wo hat 299 792 458 m/s sein Büro?
Wir haben kein festes Büro. Da, wo wir sind, ist der Sitz des Magazins. Die erste Ausgabe wurde zum Beispiel in Los Angeles, New York City, den Hamptons und in Berlin produziert.

Warum habt ihr diese Publikation gegründet?
Nachdem wir bei Fashion Issue von Texte zur Kunst als Guest Editor fungiert haben, haben wir wieder Lust an Magazinen bekommen. Als Ort für unser gemeinschaftliches Werk und daraus hat sich die Idee eines experimentellen Modemagazins als Kunstwerk entwickelt. Thea Westreich Wagner und Ethan Wagner haben uns dabei geholfen, die erste Ausgabe zu produzieren. Sie sind auch die Herausgeber. Wir fanden es auch als Künstler spannend, aus dem klassischen System aus Galeristen und Kunstmessen auszubrechen, und einen direkteren Weg zu wählen. Zu unser großen Überraschung fanden wir diese Direktheit in Form eines Magazins. 

Gruppo di famiglia in un interno. Foto: Kulisek / Lieske, Eckhaus Latta Herbst/ Winter 16  

Der Titel des Magazins bezieht sich auf die Lichtgeschwindigkeit. Warum habt ihr diesen Namen gewählt?
Die Lichtgeschwindigkeit, diese magische Zahl. Nach Einstein zufolge ist es die höchste Geschwindigkeit in unserem Universum. Für alles, was sich in Lichtgeschwindigkeit bewegt, vergeht die Zeit langsamer.

Wir haben uns hier gefragt, wie die Zukunft von Modemagazinen aussieht. 

Wonach sucht ihr eure Mitwirkenden aus?
Für unseren ersten Ausflug in die Magazinwelt haben wir mit unsere unmittelbaren Freunde und Bekannten gearbeitet. Wir wollten junge Designer zeigen, die zwar keine Werbung machen, aber sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie sie ihre Kollektionen präsentieren wollen. Wir geben ihnen den nötigen Raum. Die Menschen in der ersten Ausgabe von 299 792 458 m/s sind Leute, die wir lieben, zu denen wir aufschauen, die wir bewundern und die wir nachahmen. Die erste Ausgabe musste sehr persönlich werden und uns viel bedeuten.. 

Six hats and a car key. Fotos: Torbjorn Rodland 

Erzählt uns mehr über Sibylle und warum es eine Inspiration für 299 792 458 m/s ist?
Sibylle war ein faszinierendes Magazin. Relativ am Anfang der DDR hat das sogenannte Institut für Frauen entschieden, dass eine moderne Gesellschaft nicht ohne ein Frauenmagazin überleben kann. So wurde Sibylle gegründet, um diese Bedürfnisse zu stillen, aber das Institut ist nicht ganz konsequent gewesen. Den Sibylle-Redakteurinnen war es nicht erlaubt, den frivolen Lebensstil der kapitalistischen Konkurrenz nachzuahmen. Sie hatten keine andere Wahl, als sich selbst Kleidungsstücke und Konzepte für inspirierende Modestrecken auszudenken. Das sorgte dafür, dass aus Sibylle das ultimative Meta-Modemagazin wurde. Die erste Ausgabe eines Modemagazins führt einen immer an einen ähnlichen Ort. Das Gefühl, dass man hinter einem eisernen Vorhang lebt, weil der Zugang so viel begrenzter ist. Wir wollten auf diesen Moment hinweisen und unsere Antwort darauf geben: Wir haben in unseren Modestrecken totale Modefantasien umgesetzt.

Iron curtain. Fotos: Kulisek / Lieske 

Warum trägt die erste Ausgabe den Titel The American Issue?
Wir hatten das Gefühl, dass es auf dem amerikanischen Printmarkt eine Lücke gab. Dass die sehr lebendige Szene aus jungen Designern, Fotografen, Stylisten, Hairstylisten und Make-up-Artists keinen entsprechenden Platz hat. In Europa gibt es ein paar großartige Modemagazine, die als Plattform für diese Leute fungieren, auf der sie mit ihren Ideen experimentieren können. Unser Magazin möchte dieses Potenzial sichtbar machen und den Menschen, an die wir glauben, den Raum geben, um ihre Projekte entwickeln zu können. 

Battle Royale. Fotos: Kulisek / Lieske. Styling: Matt Holmes. Ifeoma Frühjahr/ Sommer 17. Model: Austin at Vision

Was können wir uns von den folgenden Ausgaben erhoffen?
Wir haben nicht vor, uns im Moment auf die ganze Bürokratie eines regelmäßig erscheinenden Magazins als Wirtschaftsunternehmens einzulassen. Wir können nur so viel sagen: Die Form unseres Magazins ist noch komplett offen. Alleine schon durch den Titel muss das Magazin seiner Zeit voraus und zudem höchst experimentell sein. Zu unseren Interessen zählen im Moment: Kryogenik als logische Evolution des Museums der Zukunft. Prada köpft Gucci in einem blutigen Endkampf der beiden Titanen um die Vergangenheit der Zukunft der Mode. Totale Transhumanität. Das absolute Ende von allem, das wir kennen und so weiter.

Wie seht ihr das aktuellen Entwicklungen in der Printwelt?
Den Klimawandel gibt es wirklich! Recycelt!

Battle Royale. Fotos: Kulisek / Lieske. Styling: Matt Holmes. Ifeoma Frühjahr/ Sommer 17. Model: Jackie Ho at Wrenn

@299792458_ms

Credits


Text: Clementine de Pressigny 
Fotos: Courtesy of 299 792 458 m/s

Tagged:
Magazine
print
David Lieske
299 792 458 m/s
magazinwelt
robert kulisek