Foto: Alex Franco

mit bulldozern gegen das flüchtlingscamp in calais

Fotograf Alex Franco dokumentiert mit seinen Bildern die Hoffnung, Verzweiflung und die Veränderungen in einem der größten europäischen Flüchtlingscamps.

von Stuart Brumfitt
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22 Januar 2016, 4:40pm

Foto: Alex Franco

Diese Woche kündigten französische Behörden an, dass sie mit Bulldozern gegen Teile vom sogenannten „Calais Jungle" - ein inoffizielles Camp, in dem Flüchtlinge leben und hoffen, durch den Tunnel nach Großbritannien zu gelangen - vorgehen. Diese Aktion ist der Versuch, die Bewohner vom Jungle in neue Containerdörfer zu bringen, was diese aber nur widerwillig wollen. Nicht nur, weil es bereits befestigte Unterkünfte und Communitys mit Kirchen, Hotels, Frisören und vielem mehr gibt, sondern auch, weil in den neuen Containerdörfern eine Registrierung erforderlich wird, es Sperrstunden gibt - und keine Gemeinschaftsräume. Fotograf Alex Franco war seit Oktober im Jungle. Wir präsentieren seine Fotos und wollten mehr über die neuesten Entwicklungen in dem Flüchtlingscamp und die Perspektiven für diese Menschen erfahren.

Aktuell wird rund ein Drittel des Camps abgerissen. Kannst du uns mehr über die aktuelle Lage berichten? Hast du mit den Leuten darüber gesprochen, was sie machen werden? Es wird geschätzt, dass 1.600 von 6.000 Flüchtlingen umgesiedelt werden sollen und dass sie in einer extra für diesen Zweck errichteten Unterkunft untergebracht werden sollen.
Ja, ein Drittel des Camps wurde abgerissen, weil die französische Regierung möchte, dass das Camp weiter weg von der Autobahn ist, weil die Flüchtlinge da auf LKWs springen. Doch es geht nicht nur darum, die Flüchtlinge sollen in die neuen Unterkünfte der Behörden gezwungen werden. Ich schätze, dass es ungefähr 6.000 Leute gibt, die Container bieten während es aber nur Platz für 1.500 gibt. Die Regierung will die Anzahl der Leute reduzieren, aber das wird nicht passieren. Die Unterkünfte werden in ein anderes Gebiet verlegt werden. Die Leute im Camp sind nicht gegen die Container, sie sollten nur schon von Anfang da gewesen sein. Jetzt, da der Jungle etabliert ist, ist es sehr schwierig, die Leute in ein mit Zäunen umgrenztes Lager, wo sie sich mit ihren Fingerabdrücken registrieren müssen, zu verlegen wie in jedem anderen UN-Flüchtlingscamp. Die Leute, die seit Monaten im Jungle leben, wollen ihre Communitys nicht aufgeben, um hinter Zäunen zu leben; um sich mit zwölf Personen einen Container zu teilen; und um nachts nicht das Lager verlassen zu dürfen. Die einzigen Leute, die die Container annehmen, sind die Neuankömmlinge und die Familien. Leute mit einer Holzhütte werden nicht in die Container gehen. Es wird sehr schwierig werden diese Communitys, die Restaurants und die Shops abzureißen.

Wieso rücken sie dann mit Bulldozern an?
Die Bulldozer planieren das Gebiet, das geräumt wurde - es gibt dort so viel Müll und Dreck. Anfangs waren die Unterkünfte mehr wie Campingzelte, jetzt gibt es aber mehr Holzhütten. Vorher gingen die Behörden ziemlich aggressiv mit den Flüchtlingen um, aber dieses Mal wurden sie am Sonntag und gestern [Montag] an einen sicheren Ort gebracht und die Leute sind dann zurück und haben ihren Müll weggeräumt.

Wann war dein erstes Mal im Calais Jungle und was waren deine ersten Eindrücke?
Das erste Mal war ich im Oktober dort und ich war schockiert. Ich kannte es sonst nur aus den Nachrichten. Meine erste Reaktion war, dass ich es nicht glauben konnte. Ich konnte nicht glauben, dass wir in Frankreich sind - sobald wir die Autobahn verließen, hatten wir das Gefühl, dass wir uns in einem Dritte-Welt-Land befinden. Die Größe des Camps und die Anzahl der Leute verschlug mir den Atem.

Wie viel Male warst du seitdem da und hat sich etwas an deinem Eindruck verändert?
Dreimal habe ich den Jungle besucht: das erste Mal im Oktober, dann im November, eine Woche nach den Terroranschlägen in Paris, und ich bin gerade von meinem dritten Besuch zurückgekehrt. Mit jedem Mal verändert sich meine Wahrnehmung durch andere Leute, die ich treffe, und die Begleitumstände. Scheinbar war es im Oktober so, dass es mehr Flüchtlinge durch den Tunnel nach Großbritannien schafften. Aber bei jeder Rückkehr verschärften sich die Sicherheitsvorkehrungen, was im Endeffekt bedeutet, dass weniger Leute erfolgreich dabei sind, nachts die meterhohen, rasiermesserscharfen Zäune zu überwinden und die Polizei auszutricksen.

Woher kommen die meisten der dort lebenden Menschen?
Die Zusammensetzung der Leute dort hat sich in den letzten Monaten verändert. Die Flüchtlinge kommen hauptsächlich aus Afghanistan, Sudan, Eritrea, Syrien. Jetzt kommen vermehrt Leute aus dem Irak und Kurdistan.

Bei unseren Kollegen von VICE erfährst du mehr über die aktuelle Flüchtlingssituation.

Mit deinen Fotos hast du hoffnungsvolle Botschaften der Bewohner wie „Trotz aller Schwierigkeiten haben wir immer ein Lächeln auf unseren Lippen" oder „Schwarz-Sein ist kein Verbrechen. Ich bin stolz darauf, schwarz zu sein" festgehalten. Gibt es diese Hoffnung noch?
Der Mensch hat ungeahnte Kräfte, was mich jedes Mal wieder erstaunt. Diese Leute sind vor Folter, öffentlichen Hinrichtungen und Hunger in ihren Heimatländern geflohen, sie haben sich auf lebensgefährliche Reisen durch die Sahara und Libyen gemacht. Dort wurden sie oft gekidnappt, geschlagen, vergewaltigt und beraubt. Sie haben die gefährlichen Überfahrten in beschäftigen Booten über das Mittelmeer überlebt, bei denen viele ihre Angehörigen verloren haben. Sie sind die stärksten Leute, die ich jemals treffen durfte. Die Bedingungen im Jungle sind schrecklich und werden jeden Tag schlimmer. Die frostigen Temperaturen, das Eis, der Wind und Regen führen bei ihnen zu Krankheiten und Infektionen und es gibt keine angemessene medizinische Versorgung. Die Zelte bieten nun auch keine ausreichende Unterkunft mehr. Deshalb bauen die Freiwilligen und Hilfsorganisationen kleine Holzhütten. Die Flüchtlinge im Jungle leiden nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Sie sind durch die Erfahrungen traumatisiert, was noch durch die Bedingungen, unter denen sie leben müssen, verschlimmert wird. Viele sprechen von Selbstaufgabe, Selbstmord, Depressionen, Unruhezustände und Angst. Deshalb haben viele britische Freiwillige Orte wie das Dome Theatre errichtet, in dem die Leute Musik spielen und auftreten können. Oder das Healing Tent von Alice Kerr, in dem sie Yoga-Stunden oder Malstunden für die Kinder anbietet. 

Ich war von der Anzahl der Kreuze schockiert.
Es gibt außerhalb von Calais einen Friedhof, auf dem es jetzt ein Feld für Flüchtlinge gibt. Dort wurden 30 Leute bestattet. Einige Gräber wurden mit den Namen der Toten versehen, bei vielen gibt es einfach nur einen Holzpfahl mit einer weißen Plakette und einer Nummer. Einige haben nicht mal das nummerierte Label, sondern einfach nur den Holzpfahl. Ihre Identität ist unbekannt. Die Familien und Freunde im Jungle und in den Heimatländern wissen nichts von ihrem Schicksal; sie wissen nicht, dass ihr Sohn, ihr Bruder oder Vater auf einem trostlosen Friedhof in Calais bestattet wurde. Diese Leute sind nicht im Camp gestorben - sie sind beim Versuch, nach Großbritannien zu gelangen, gestorben. Einige wurden von Zügen überrollt, als sie auf die Züge springen wollen. Andere sind von Lastwagen gefallen, während sie sich verzweifelt am Unterbau festhielten, weil sie den Tod vor sicheren Auge hatten und auf dem Asphalt der Autobahn landeten. Wieder andere, wie ein 15-jähriger Junge aus Afghanistan vor ein paar Wochen, erstickten in einem Frachtcontainer. In einem Grab liegt ein Neugeborenes, das noch an ihrem Geburtstag starb, seine Mutter fiel unter einen Lastwagen und beide starben. Die meisten wurden ohne trauernde Anwesende bestattet, sie sind einfach von der Welt verschwunden - von unserer Welt. Und keiner weiß es. Sie waren so nah am Ziel, aber scheiterten an der letzten Hürde.

Man erkennt Frisöre und Hotel auf deinen Fotos. Wie konnten die Leute so ein funktionierendes Dorfleben entwickeln?
Der Jungle ist ein funktionierendes Dorf, fast schon eine kleine Stadt. Der Einfallsreichtum der Bewohner ist erstaunlich. Sie haben vieles von dem, was wir auch im Alltag brauchen, errichtet. Es gibt eine christliche Kirche, Moscheen, Restaurants, Frisöre, eine Bibliothek, Bäckereien verkaufen Naan-Brot und es gibt Läden, die von Zahnbürsten über Ladekabel bis zu Mars-Riegel und Kopfhörer alles verkaufen. Mit durchschnittlich vier bis acht Euro können sich die meisten der Jungle-Bewohner einen Restaurantbesuch aber nicht leisten. Deshalb haben sie Gemeinschaftsküchen errichtet, die sie sich mit Familie und Freunden teilen. Im sudanesischen Teil des Camps gibt es eine geteilte Küche in der Mitte von vier bis fünf Hütten, wo sie mit gespendeten Lebensmitteln kochen.

Hast du mit den Flüchtlingen gesprochen, wieso sie nach England wollen? Haben sie familiäre Bindungen hierher? Und wie realistisch schätzen sie ihre Chancen ein?
Wir haben oft darüber gesprochen, warum sie nach England wollen. Es gibt mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist, dass sie bereits Familie in England haben: Brüder, die seit zehn Jahren in dem Land leben, oder Mütter und Väter, zu denen sie nach Hause möchten. Ein weiterer Grund ist die Sprache. Die Mehrheit spricht gut Englisch, aber kein Französisch, Deutsch oder Italienisch. Sie haben dadurch das Gefühl, dass sie ein aktives Mitglied der britischen Gesellschaft werden könnten. Viele Flüchtlinge sprechen auch von Misshandlungen durch die italienische, mazedonische, ungarische oder französische Polizei. Wenn sie beschreiben, wie sie von der französischen Polizei geschlagen wurden, von ihren Hunden gebissen wurden und wie ihnen wiederholt Tränengas in ihre Augen gesprüht wurde, beenden sie ihre Geschichte immer mit Sätzen wie „Die englische Polizei würde das nie mit uns machen, die englische Polizei ist gut. Sie haben wiederholt klargemacht, dass sie keine Sozialleistungen wollen. Sie wollen einfach in Sicherheit und mit ihren Familien leben. Einige Flüchtlinge aus Ländern wie Sudan, Afghanistan und Irak glauben außerdem, weil ihre Länder eine gemeinsame Geschichte mit Großbritannien haben, dass die britische Regierung und Öffentlichkeit ihnen offenen gegenübersteht als Flüchtlingen aus anderen Ländern. Einige Afghanen, die gut Englisch sprechen, waren Übersetzer für britische oder amerikanische Soldaten und wurden dafür von der Taliban bedroht, gefoltert und mit dem Tode bestraft, weil sie dem Feind geholfen haben. Diese Leute fühlen sich verständlicherweise mit Großbritannien verbunden. Viele von den Sudanesen hatten Väter oder Großväter, die neben Briten gearbeitet haben, bis das Land 1956 unabhängig wurde. Deshalb haben sie fast eine patrimoniale Beziehung zu Großbritannien und der Bevölkerung entwickelt.

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Text: Stuart Brumfitt
Fotos: Alex Franco

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