„butch is not a dirty word“

Das Thema fließende Geschlechtergrenzen ist in den Mainstreammedien angekommen. Dabei kam aber ein Aspekt bisher zu kurz: Weibliche Männlichkeit und die Butches – eine vernachlässigte Minderheit selbst innerhalb der LGBT-Community und innerhalb des...

|
24 Februar 2016, 2:10pm

Die Vielfalt der Geschlechteridentitäten und die fließenden Geschlechtergrenzen wurden noch nie so offen besprochen wie heutzutage. Trotz der größeren Sichtbarkeit findet ein Aspekt der queeren Community bisher kaum Beachtung: Die Repräsentation von weiblicher Maskulinität. Da setzt das Team hinter dem Zine Butch Is Not a Dirty Word an. Den stolzen Butch-Frauen fehlte bisher genau diese Stimme in der bisherigen Debatte.

Für die Autorinnen und Fotografinnen ist das Projekt ein Weg, um sich zu ihrer Butch-Identität zu bekennen und ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen, was für sie Butch heutzutage überhaupt noch bedeutet. Wir wollten mehr über das spannende Zine wissen und haben mit der Chefredakteurin und stolzen Butch-Frau Esther Godoy über ihr Leben und weibliche Maskulinität gesprochen.

Wieso machst du dieses Zine?
Es ist ein Mittel, um meine Erfahrungen in der queeren Community mit anderen zu teilen und die Situation hier in Australien mit den Szenen im Ausland zu vergleichen.
Bei den Frauen hier bin ich auf viel verinnerlichte Homophobie gestoßen. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass es sich dabei um ein der Szene aufgezwungenes Problem handelt und die verinnerlichte Scham nicht gegen mich selbst zu richten. Nach vielen Begebenheiten und Problemen habe ich mir gedacht, dass es auch anderen Leute so gehen könnte. Beim Zine geht es um Sichtbarkeit und Community, und das andere Frauen Zugang zu dieser Welt haben.

Du schreibst, wie sehr dir die Reise in die USA dabei geholfen habe, deine eigene Identität zu verstehen. Nach deiner Rückkehr nach Australien seist du dann davon überrascht gewesen, wie wenig Leute außerhalb, aber auch innerhalb der queeren Community auf deine Identität als Butch-Frau reagiert hätten. Das hat mich überrascht. Denn Australier denken gerne von sich, dass sie progressiv beim Thema Gender sind. Hinkt das Land anderen Ländern bei diesem Thema hinterher?
Was die Gesamtgesellschaft angeht nicht. Was den Kampf gegen Homophobie angeht, sind wir sehr fortschrittlich. Was mich aber überrascht hat und was am meisten wehgetan hat, waren die Reaktionen innerhalb meiner eigenen Community—die Reaktionen innerhalb der queeren Community. Ich habe immer das Gefühl, dass wir in Australien der Entwicklung in den USA oder in Großbritannien fünf oder zehn Jahre hinterherhinken.

Diese Antwort habe ich nicht erwartet. Erzähl mir mehr über deine Erfahrungen mit anderen Leuten aus der queeren Community.
Meiner Meinung nach haben die Reaktionen innerhalb der queeren Community nicht nur mit weiblicher Maskulinität zu tun. Wenn du zu feminin oder zu maskulin bist, dann giltst du in der Community als nicht queer genug, als zu queer oder du wirst überhaupt nicht akzeptiert. Androgynität ist dagegen vollkommen OK—und so sollte es auch sein—, aber daneben sollte die Szene toleranter gegenüber feminineren und maskulineren Leuten sein und ein breiteres Spektrum an Andersartigkeit akzeptieren.

Woran liegt das deiner Meinung nach? Man würde davon ausgehen, dass die meisten Leute, die sich als queer identifizieren, solidarischer reagieren. Sie wissen wie es ist, für Akzeptanz kämpfen zu müssen.
Für mich liegt es daran, dass die queere Community hier in Australien nicht so alt ist wie die in den USA oder in Europa. Wir hatten nicht so viel Zeit, um uns als Community zu entwickeln und sind noch ziemlich unflexibel in unseren Denkweisen. Dabei gibt es gibt so viele verschiedene Formen, queer zu sein. Es gibt so viele unterschiedliche Identitäten. Es gibt nicht die eine Identität. Uns fehlt einfach der Umgang mit anderen Formen von Queer-Sein.

Da ich noch relativ jung bin, bin ich vielleicht nicht die richtige Ansprechpartnerin und ich möchte nicht für die Generationen vor mir sprechen. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass die LGBT-Community in Australien noch relativ jung ist. 

Welche Missverständnisse über weibliche Maskulinität möchtest du aus der Welt schaffen?
Historisch wurde Maskulinität ausschließlich nur mit Cis-Männern assoziiert. Die Leute tun sich schwer damit, zu akzeptieren, dass Maskulinität und Mann-Sein nicht ein und dasselbe sind. Viele Leute finden maskuline Frauen abstoßend, weil sie einfach nicht daran gewöhnt sind, dass Frauen auch maskulin sein können, und trotzdem stark und hübsch sind.

Die weibliche Unterdrückung hat viel mit den Erwartungshaltungen und Vorstellungen, wie eine Frau sich zu benehmen und wie sie auszusehen hat, zu tun. Es geht darum, Geschlechteridentitäten infrage zu stellen und das braucht Zeit. Sichtbarkeit ist der Schlüssel dazu. Es geht darum, Butch-Frauen zu zeigen, die glücklich sind, so wie sie sind. Ich für mich persönlich kann sagen, dass ich erst durch andere positive Beispiele von anderen Butch-Frauen sehen konnte, dass weibliche Maskulinität OK ist. Dass ich mich selbst akzeptieren kann und dass ich stolz darauf sein kann, anstatt mich dafür schämen zu müssen. Sichtbarkeit ist entscheidend, wenn es um Veränderungen geht. Auf die Mainstreammedien brauchen wir dabei nicht zu zählen, wir müssen das selbst in die Hand nehmen.

Du sprichst gerade die Medien an. In den letzten Jahren hat der Mainstream das Thema Genderfluid für sich entdeckt. Haben die Debatten, die darum entstanden sind, irgendetwas positiv beeinflusst oder verändert?
Es hat definitiv geholfen und war eine Unterstützung. Trotzdem werde ich oft gefragt, wie ich mich selbst identifiziere. Auch Sprüche wie „Bist du sicher, dass du nicht gerade ein bisschen verwirrt bist?" oder „Vielleicht bist du ja nicht-binär?" kommen vor.
Diese Sprüche sind nicht beleidigend, aber sie tun weh. Denn es impliziert, dass eine Frau nicht maskulin sein kann. Maskulin als Frau zu sein bedeutet, sich der Einteilung in Mann und Frau zu widersetzen. Wir haben schon einen großen Schritt nach vorne gemacht, aber ich hätte gerne, dass unterschiedliche Identitäten eine größere Sichtbarkeit erfahren. 

Gehört weibliche Maskulinität mit zum Dialog um Transgender und nicht-binäre Geschlechteridentitäten?
Ja, absolut. Das Thema ist so komplex, dass man es nicht isoliert betrachten kann. Es gibt viele Leute, die sich selbst als Butch aber nicht als Frau bezeichnen. Bei jeder ist es anders. Aber ich würde gerne unter Frauen selbst mehr über Maskulinität sprechen. Gerade auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung: Ich habe mich manchmal unsichtbar gefühlt.

Ohne andere Alternativen zu sehen, kannst du dir—besonders als junge Frau—bei Fragen über deine Identität und deine Sexualität manchmal verloren vorkommen. Alle Identitäten sind gleich wichtig, das müssen die Leute sehen können. Und ich trage meinen Teil dazu bei.

Butch Is Not a Dirty Word

kannst du hier kaufen.

Das könnte dich auch interessieren:

  • Wieso wir uns von Cis-Normativität verabschieden sollten, erklärt uns Designer Edward Meadham hier in seinem Plädoyer.
  • Die Berliner Transaktivistin Kaey klärt dich hier über die Bedeutung des ersten Transmannes auf dem Cover der deutschen Men's Health auf.
  • Der in Berlin lebende Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert stellt in seinem Buch Gender as a Spectrum Menschen aller sexueller Identitäten vor. Hier geht's zu seinen Porträts und Kurzinterviews. 

Credits


Text: Wendy Syfret
Fotos: Georgia Smedley, Courtesy of Butch is Not a Dirty Word