„ich liebe die tatsache, dass intimität so komplex ist.“

Jenny Hval entdeckt die Sexualität des Alltags zwischen Lust, Tabu und Voyeurismus und ist eine der lautesten Stimmen des skandinavischen Pop-Feminismus. Wir haben mit ihr über Selbstinszenierung, persönliche Freiheit und Provokation gesprochen.

von Lola Fröbe
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29 März 2016, 11:00am

Wer die Musik von Jenny Hval nur flüchtig hört, läuft Gefahr, sie zu verfehlen. Zweifelsohne entfalten sich ihre musikalische Qualität—Synthesizer- und Noise-Effekten getragenen Melodien gepaart mit Hvals engelsgleicher und engelsschriller Stimme—binnen weniger atmosphärischer Augenblicke. Um aber wirklich zu verstehen, was sie da genau macht, muss man zuhören, aufnehmen und nachdenken. Unter der nackten Haut intimer Schilderungen ihres Körpers, jenseits des Banalen und Entblößten, gelangt man ins Doppelbödige—hinein in einen höheren Kontext, der die Songs und Alben der Norwegerin ausmacht. Ihre Worte zünden wie eine Bombe und schlagen ein in eine Gesellschaft, die in Hvals Augen zwickt und juckt. So sehr, dass es in uns selbst zwickt und juckt, wir uns unterwerfen und optimieren, bis wir wieder in das Korsett aus universellem Erwarten, Schönheitsidealen und Systemen hineinpassen.

Man könnte Hval—ihres Zeichens nicht nur Musikerin, sondern auch Autorin, Komponistin und bildende Künstlerin—durchaus als Intellektuelle einer neueren, einer feministischen Popkultur bezeichnen. Skandinavien gilt seit jeher, lange bevor Beyoncé oder Taylor Swift das Wort „feminist" über die Lippen kam, als Wiege feministisch geprägter Popmusik. Kein Wunder, die Themen Gleichberechtigung und Frauenquote sind in Norwegen und Schweden schon lange Teil des öffentlichen Diskurses. Sängerinnen und Bands wie The Knife, Robyn, Elliphant, Beatrice Eli und Silvana Iman bekennen sich zum Feminismus und behandeln mitunter geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen, weibliche Lust und lesbische Liebe. Hval, die am liebsten eine pink-gelockte Langhaarperücke trägt, hat ihren eigenen Platz geschaffen und ihr eigenes Musikgenre erschaffen, das sie soft dick rock nennt und das sich Elemente des dick zu eigen macht, um einen weicheren, langsameren Klang zu kreieren.

Ohne Frage weiß Hval, wie sie am cleversten auf patriarchalische Vorstellungen und Machismen reagiert: mit Metaphern, Ironie und Direktheit. Im Interview hat sie uns mehr über ihr aktuelles Album, Formen von Intimität und ihre Gedanken zum Feminismus verraten.

Wie waren die Reaktionen auf dein aktuelles Album Apocalypse, girl, das du im vergangenen Mai veröffentlich hast? Deine Texte sind in manchen Augen sicher ziemlich provokativ.
Ich muss als erstes zurückfragen—sind sie das wirklich? Was daran ist „provokativ"? Das Wort „cunt" oder „cock"? Oder der Fakt, dass diese Worte abseits des sexistischen Mainstreams verwendet werden? Für einige Menschen kann das natürlich beängstigend sein: Eine weibliche, sexuelle Explizitheit, die nicht unter der Kontrolle eines männlichen Blicks oder der Gesellschaft steht. Die Reaktionen auf das Album waren überwältigend. Für mich war es das erste Album, das international promotet wurde—aus diesem Grund war ich auch zum ersten Mal der Öffentlichkeit derart ausgesetzt. Ich bin dennoch ausgesprochen gebildeten, höflichen und freundlichen Journalisten begegnet. Auf meiner Tour habe ich außerdem Menschen getroffen, die meine Musik in ihr Herz und ihren Geist aufgenommen haben. Dafür bin ich wirklich dankbar.

Wie kann man sich diese moderne Apokalypse vorstellen?
Es handelt sich nicht zwangsläufig um eine moderne Apokalypse—es ist eher eine Art allgegenwärtige, sanfte und unausweichliche Apokalypse des Individuums. Ein großes Thema dabei ist die Selbstinszenierung des Menschen und vielleicht auch Selbstkontrolle. Darum geht es auch in einigen Songs. „Take Care Of Yourself" ist einer davon. Ich durchlaufe eine Reihe verschiedener moderner Rituale und frage: „Heißt das, so gibst du auf dich selbst Acht?" Kann das Selbst an den richtigen Stellen rasiert werden, um schöner auszusehen? Was ist das Gute an diesen Ritualen der Selbstpflege? Entleeren wir damit nicht vielmehr unser Selbst? Dafür steht auch die Frau auf dem Albumcover, die sich über einem Gymnastikball krümmt—ruht sie sich nur aus oder verendet sie auf ihm? Wir können ihr Gesicht nicht sehen. Sie macht sich bereit für die Selbstinszenierung, sie gibt auf sich selbst Acht, bis sie stirbt. Man kann es auch als eine sehr intensive und ziemlich tragische oder humorvolle oder ekstatische Form der Selbstentleerung verstehen.

War deine Musik schon immer so metaphorisch, pornografisch, poetisch direkt?
Ich habe viele unterschiedliche Arten von Songtexten und Musik geschrieben, nicht alle davon waren direkt. Es ist ein sehr spezifischer und persönlicher Prozess, für jedes Album, jeden Song und jede Zeile, die ich schreibe, eine Tonalität und Worte zu finden.

Welche Musiker und Künstler inspirieren dich?
Kontextuell und inhaltlich gesehen, tendiere ich dazu, mich von allem und jedem inspirieren zu lassen. Dabei kommt es gar nicht immer darauf an, ob ich etwas mag oder nicht. Eine große Inspiration für Apocalypse, girl war der Film SAFE von Todd Haynes. Es ist eine Art Sci-Fi-Film, aber in einer realistischen, heimischen Umgebung. Julianne Moore spielt eine vorsichtige und zurückhaltende Hausfrau, die komische und brachiale Symptome und Reaktionen auf verschiedene, moderne Produkte und Situationen entwickelt. Die Gefährdung besteht in keiner äußeren Macht, sondern in einem inneren Kampf—Gesundheit, Einsamkeit, die Unfähigkeit, in der modernen Welt zu existieren. Vielleicht behandelt der Film auch die Annahme, dass ein modernes (insbesondere ein modernes weibliches) Individuum nicht denkbar ist? Vor Kurzem habe ich außerdem einige von Michelangelo Antonionis italienischen Filmen aus den 60ern mit Monica Vitti gesehen. In ihnen geht es ebenfalls um das moderne Subjekt, das nicht dazu gemacht ist, in der modernen Welt zu existieren—allerdings mit einem ganz anderen Setting.

Songs wie Take Care Of Yourself" handeln von der alltäglichen Flut sozialer Konventionen. Befinden wir uns nicht gerade in einem Zeitalter, in dem es eine so große persönliche Freiheit gibt wie noch nie zuvor?
Freiheit scheint inzwischen ein Wort ohne wirkliche Bedeutung zu sein, ein Wort, das du mit allem auffüllen kannst. Der Neo-Liberalismus liebt diesen Begriff und kombiniert ihn zusätzlich mit Wahl. Jedes Mal wenn ich in Amerika bin, sehe ich diese Form der „Fast Food-Freiheit". So weit das Auge reicht—du bist so frei, dir aus einer endlosen Auswahl an Sirup denjenigen Geschmack für deinen Kaffee auszusuchen, den du möchtest, der zu dir passt. Du kannst also jedes Objekt deiner eigenen Identität angleichen, um währenddessen zu vergessen, dass du und andere Menschen—drastisch gesagt— keine wesentlichen Menschenrechte besitzen und dass die Politik von einem unmenschlichen Kapitalismus diktiert wird. Individuelle Freiheit ist keine Freiheit, auch wenn sie ein sehr wichtiger Teil von Demokratie ist. Bei Freiheit geht es nicht darum, die freie Wahl zu haben. Macht zu teilen, das ist Freiheit.

Wie können wir lernen, damit umzugehen?
Die Antwort darauf habe ich nicht. Im Augenblick stelle ich lieber die Fragen.

All die Beobachtungen in deinen Songs wirken recht intim. Musst du die Gefühle immer selbst spüren oder sind sie manchmal eher unpersönlich?
Die Intimität in meiner Musik entsteht nicht dadurch, dass ich alles persönlich erlebe. Sie kommt davon, Dinge intim zu erfahren, durch ein Interesse für eine intime Stimme. Alle meine Songs sind fiktiv und alle von ihnen haben eine persönliche Stimme. Ich liebe die Tatsache, das Intimität so komplex ist.

Du bist in einer stark christlich geprägten Region Norwegens aufgewachsen. Wie hat dich diese Herkunft geprägt? Bist du eine religiöse Person?
Nein. Ich denke, ich war damals wütend und wollte um jeden Preis weg von dort. Gleichzeitig habe ich diese „Jesus Revolution"-Kids insgeheim um ihre Fähigkeit beneidet, sich selbst vollkommen aufzugeben, um sich einer Sache vollständig hinzugeben. Diese Aufopferung war so beängstigend und gleichzeitig so anziehend für mich. Außerdem war alles so sexuell aufgeladen! 

Du hast einmal gesagt, dass du dich, als du jünger warst, dem Feminismus zuwenden musstest, um zu existieren. Was meinst du damit?
Als ich sehr jung war, hat mich die Tatsache, dass ich so wütend auf die traditionell weiblichen Stereotypen war, zu einer Feministin gemacht—ich war wirklich unter Strom. Daraufhin begann ich, über Feminismus zu lesen. Der Feminismus war wie die Musik ein Ort, an dem ich meine Wut lenken und ein soziales Netzwerk finden konnte. Ich war nicht allein und ich habe gelernt, dass meine Empörung universell und wichtig war.

Was bedeutet Feminismus für dich und entwickelt sich diese Bedeutung immer noch weiter?
Angesichts meiner vorherigen Äußerungen möchte ich das gerne offen lassen. Der Weg und Zugang zum Feminismus sind viel wichtiger als eine feststehende Idee davon. Meine Vorstellung von Feminismus wechselt ständig. Ich möchte in der Art und Weise, wie ich darüber denke, durch andere Stimmen beeinflusst werden. Es ist wichtig, den Feminismus vielseitig zu denken, und im Plural.

Feminismus ist inzwischen trendy geworden und Musikerinnen wie Beyoncé und Miley Cyrus verwenden ihn in ihrem Pop-Universum. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Auf der einen Seite hat jeder das Recht, Feminismus so zu verstehen, wie er möchte. Und wenn Beyoncé es schafft, feministisches Denken zu den Leuten zu transportieren, ist das fantastisch. Auf der anderen Seite sind Feminismus und Geschlechtergleichheit vom Mainstream und konservativen Bewegungen vereinnahmt worden. Dabei spreche ich nicht von Miley Cyrus oder Beyoncé, dabei geht es um konservative Regierungen, Politiker, Bewegungen. Feministische Gedanken werden benutzt, um rassistische Ideologien zu fördern, was man derzeit an den Flüchtlingsdebatten in Europa sehen kann. Das ist entsetzlich. Einerseits konzentrieren wir uns auf die homosexuelle Freiheit, dürfen dabei aber nicht vergessen, dass auch das Leben von Schwarzen zählt. Wir müssen lernen, Tausende von Zungen in unserem Mund zu vereinen und auf Stimmen zu hören, die normalerweise nicht gehört werden.

Ist der Feminismus vorbei, wie du im Song The Battle Is Over bemerkst?
Er lebt und er BRENNT, meine Freunde. 

@jennyhval

Credits


Text: Lola Fröbe
Fotos: Jenny Berger Myhre

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