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was ist dran an den unzähligen klischees deutscher (nicht-)kultur?

Conor Creighton hat einige der Antworten in einem romantisch-komischen Buch niedergeschrieben. Wir haben einen exklusiven Auszug und ein Interview mit dem irischen Autor für euch.

von Zsuzsanna Toth
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13 Mai 2016, 9:30am

Über die Deutschen wird viel gesagt. Gerade in der Hauptstadt heißt es aber oft: Berlin ist nicht Deutschland. Doch ist das wirklich wahr? Und: Was heißt das überhaupt? Um das Gesamtbild zu verstehen, muss man—wie bei so vielen Dingen im Leben—einen Schritt zurücktreten und den Blick von außen wagen.

So hat es der gebürtige Ire Conor Creighton getan. Vor acht Jahren zog er nach Berlin und war seit Tag eins fasziniert von seiner Entdeckungsreise durch die deutsche Mentalität. Doch staunend herumzusitzen ohne wirklich zu reflektieren, liegt ihm nicht. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er deswegen sein Buch Strange Love - Oder: Wie ich lernte, die Deutschen zu lieben verfasst. Und der Name ist in dem sarkastische, romantische Roman Programm. Ein erfrischender Blick auf unsere Wahlheimat. Von Outsider an Insider. Oder doch umgekehrt?

Wir haben Conor zum Interview getroffen und ihn um einen exklusiven Auszug aus seinem Buch gebeten, das seinen Launch heute Abend in Neukölln feiert. 

Conor, was hat dich nach Deutschland verschlagen?
Im Februar 2008 kam ich für ein Wochenende das erste Mal nach Berlin. Drei Monate später kündigte ich meinen Job in Dublin, packte meine Sachen in mein Auto und zog nach Kreuzberg. Berlin war eine große, abgebrannte Stadt voller bezaubernder Irren. Ich wollte über sie schreiben und selbst zu einem werden.

Wann hast du den Entschluss gefasst, die Thematik innerhalb eines Buches aufzuarbeiten?
Ich habe irgendwann nach all den Jahren angefangen mit dem Gedanken zu spielen, Berlin zu verlassen. Das zu tun ohne ein Buch über meine Zeit hier geschrieben zu haben, wäre mir allerdings falsch vorgekommen. Also habe ich genau das gemacht. Ich weiß ich nicht, ob ich Deutschland so schnell verlassen werde. Aber zumindest könnte ich es mir ab jetzt erlauben.

Irland vs. Germany: Was sind aus deiner Perspektive die größten kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede?
Ich mag keine Verallgemeinerungen, aber wenn ich sie weglasse wird dieses Gespräch sicher weniger lustig, also gut: Sowohl die Deutschen als auch die Iren vertreten ein seltsames Verständnis von Harmonie. Die Iren labern alle voll, um sich wohl zu fühlen. Und die Deutschen machen das Gegenteil und ignorieren einfach alle, um sich besser zu fühlen. Ich glaube, da gibt es für beide Parteien Verbesserungspotenzial. Auch was Humor angeht, übrigens. Die Iren mögen es gerne unter- oder übertrieben, während die Deutschen alles wortwörtlich nehmen. Aber der größte Unterschied ist gleichzeitig auch der tragischste. Die Iren glauben immer noch an Magie und Animismus. Wir sind am Ende des Tages halt doch Heiden. Die Deutschen sind zu modern dafür und das ist auch schade. Wenn du an nichts glaubst, das größer ist als du selbst, ist das Leben doch sehr klein und einsam.

Du wohnst selbst in Berlin-Neukölln, einem der „Gentrifikations-Zentren" Deutschlandsdie du auch im Buch treffsicher beschreibst. Hand aufs Herz: Bist du manchmal richtig genervt davon?
Ich bin vor fünf Jahren nach Neukölln, genauer gesagt nach Rixdorf, gezogen und damals war es da ziemlich düster. Wenn du einen ordentlichen Kaffee wolltest, musstest du kilometerweit laufen. Nachts war es tot. Meine Freundinnen hatten Angst, nach Einbruch der Dunkelheit hier herumzulaufen. In gewisser Weise habe ich die Gentrifikation also herbeigesehnt. Jedes Mal, wenn ein neues Café aufgemacht hat, bin ich vorbeigelaufen, habe mich vorgestellt und die Besitzer willkommen geheißen: „Gott, ich dachte, ihr kommt nie!"

In anderen Ecken Neuköllns wiederum muss es beängstigend sein, zu spüren, wie den Leuten der Boden unter den Füßen wortwörtlich entgleitet. Diese Welle ist aber (bislang) nicht bis in meinen Kiez übergeschwappt.

Was hast du während des Schreibensüber Deutschland oder dichgelernt?
Meine letzten Jahre machen endlich Sinn. All die langen Nächte, die ich arbeitend in Bars verbracht habe, bevor ich in meine elendigen WG-Zimmer zurückgekrochen kam, zwischendurch auch mal geklaut habe, weil ich so pleite war und mich kontinuierlich krank und ängstlich gefühlt habe, all die Erfahrungen, all die verkaterten Stunden und Tage waren letztendlich nur Recherche für dieses Buch. Ich habe außerdem realisiert, dass wir im Grunde alle gleich sind. Deutsche, Iren, Italiener, Hunde, Katzen, Pferde, Jungen, Mädchen, Großeltern. Alles was wir wollen, ist genährt und geliebt zu werden. Und ab und zu am Bauch gekrault zu werden.

Ist Deutschland wirklich strange"?
Absolut. Aber nur, weil Irland auch sehr strange ist. Wir sprechen mit jedem. Wir haben Angst vor Stille. Deutschland, wie schon gesagt, ist das ruhigste, bewohnte Land, das ich jemals besucht habe. Sehr strange. Jetzt kann ich in einem Restaurant am See sitzen, umzingelt von 80 Deutschen, Radler schlürfen und Pommes essen in einer Ruhe, die in einem geschlossenen Labor kaum zu ertragen wäre.

Drei Deutschland-Klischees, die deiner Meinung nach Blödsinn sind?
Deutschland ist hässlich. Bullshit.
Dieses Land ist wunderschön, nur zu schüchtern, um mit seiner Schönheit zu prahlen.

Deutschland ist langweilig.
Die durchgeknalltesten und hellsten, brennenden Köpfe, die ich jemals getroffen habe, sind aus Deutschland.

Berlin ist voller junger, armer Künstler.
Ich kenne vielleicht drei arme Künstler hier. Die meisten bekommen ihre Miete und ihr Kokain von den Eltern finanziert.

Drei Deutschland-Klischees, die stimmen?
Die Deutschen sind sex-besessen.
Ja, sind sie wirklich.

Die Deutschen sind alle Besserwisser.
Auch die libertärsten jungen Deutschen wachsen ein wenig spießig auf.

Die Deutschen sind super organisiert.
Jede Herausforderung, die ich meistern musste, ob es darum ging ein Zelt aufzuschlagen, ein Feuer zu machen oder ein Auto zu reparieren, hat besser funktioniert, wenn ein Deutscher involviert war.

Video: Nehemias Colindres, Musik: Kenny Lump

Ein Auszug aus Strange Love - Oder: Wie ich lernte, die Deutschen zu Lieben:

Neukölln war wie immer. Am Bahnhof hingen immer noch die Alkis herum. Das schöne Wetter lockte sie nach draußen. Zu den Deutschen waren Polen gekommen. Sie unterhielten sich zweisprachig. Einer sagte piwo, der andere Bier und zur Not behalfen sie sich mit Englisch und Händen und Füßen. Neukölln stand still. Die 23h-Casinos, die Puffs, die Bubble-Tea-Lokale, die Handyreparaturstationen, die Ramschläden, die Hilfszentren, die islamischen Buchläden, die afrikanischen Lebensmittelhändler, die Schlüsselmacher, die Brautmodengeschäfte, die leeren Schaufenster, die vereinzelten veganen Cafés - viel Glück hier draußen. Ich kam an der kostenlosen Beratungsstelle für Geschlechtskrankheiten vorbei. Die hatte mir mal das Leben gerettet. Jetzt war dort eine Galerie. Ein riesiger, kahler Raum mit weißen Wänden und Flachbildschirmen, die mit dem Gesicht nach unten lagen. Die Szene hatten sie sich von der Straße abgeguckt. In Neukölln lagen zwei Sachen überall herum: Hundescheiße und Fernseher. Manchmal aufeinander, als würden die Hunde von dem wohlbekannten, nostalgischen Nachschimmern angezogen.

Wir verließen das Café und setzten uns in den Park. Ich hatte meine Winterstiefel an. Die Sohlen lösten sich ab und schleiften lose mit wie riesige Placken Wundschorf. Ich würde sie reparieren lassen müssen, bevor die Kält zurückkehrte. Giovanni hatte seinen Koffer neben sich stehen. Mit genau dem war er zehn Jahre vorher hier angekommen. Ich versuchte, mir einen jüngeren Giovanni vorzustellen, was an ihm vielleicht anders gewesen war, aber in den zehn Jahren Deutschland war er einfach nur älter geworden, sonst nichts.

Auch Rocky war jetzt älter. Sein einer Zahn war grau geworden. Er stöberte im Park nach Essensresten. Er wühlte durch den Müll, behielt mich dabei aber im Auge. Ich war zwar wieder da, aber so ganz traute er mir noch nicht.

Vor uns aalte sich ein dickes Pärchen auf einer Decke. Er hatte Geheimratsecken und einen Pferdeschwanz, sie hatte Pickel auf den Backen und am Kinn. Um sie herum lagen Brotkrümel, Schinkenscheiben, Gürkchen, Apfelsaftflaschen und verschiedene Teile der Zeit. Sie lag auf ihm, und er leckte ihr das Ohr. Wir sahen, wie ihre Jeans die Arschbacken runterrutschte und den Blick auf eine breite Stoffbahn cremefarbene Unterhose und auf eine weitere Pickelkolonie freigab. Sie schob ihm das Hemd über die Nippel hoch. Sein weißes, braungefiedertes Fass von einem Bauch hob und senkte sich, wenn sie ihm den Schritt entgegenstieß. Er leckte ihr das Ohr, sie ihm das Auge. Sie kicherten, und das Gras stieg ihnen durch die Haare und in die Klamotten.

Das haben wir verloren, sagte Giovanni. Das gibt es in Italien nicht mehr.

Die Zärtlichkeit?

Nein, die Selbstvergessenheit. Nur Deutsche können sich noch küssen, als würde niemand zuschauen.

Er drehte sie auf den Rücken, und eine dicke, weiße Titte quoll ihr aus dem Ausschnitt. Sie kicherten weiter, und sie schlabberte ihm das andere Auge ab wie ein Welpe.

Denen ist scheißegal, was die anderen denken, sagte Giovanni.

Niemand kümmert sich weniger um die Meinung anderer als die Deutschen, sagte ich.

Italiener würden sich viel zu viele Sorgen um ihre Klamotten machen, ihre Haare oder wie ihre Lippen in der Silhouette aussehen. Das würde in Italien einfach nicht laufen.

In Irland auch nicht, sagte ich.

Nicht?, fragte Giovanni.

Nein, da wäre das Gras zu nass.

Ich stand auf und ging in den Büschen pinkeln. Steffi und ich hatten immer zusammen gepinkelt. Sie setzte sich auf die Schüssel und ich strullte meinen Goldregen zwischen ihren Beinen hindurch. Wenn sie etwas abbekam, störte sie das nicht weiter. Tropfen des Geliebten verjüngen die Haut, sagte sie.

Diese Weisheit hatte ich nie angezweifelt. Deutsche Weisheit. So was sagten die nicht einfach so daher. Das war die Kehrseite des Mangels an Smalltalk. Was es einmal aus ihren zweckorientierten Köpfen auf die Zunge schaffte, war in der Regel handfestes Wissen, das sich über ein Leben sprachlicher Zurückhaltung und einsilbiger Antworten angesammelt hatte. Wissen, auf das man sich verlassen konnte, nicht wie bei uns oft nur Worte, die wir abfeuerten, weil wir ihren Klang in der Luft mochten oder ihr Gefühl in unseren ruhelosen Mündern.

An meinem ersten Abend zurück im Haus brachte Krystal mir einen Teller Quarkbällchen.

Hast du die selbst gemacht?, fragte ich.

Ja, hab sie ganz alleine aufgetaut, sagte sie.

Krystal, du bist meine letzte Freundin überhaupt.

Dabei sind wir nicht mal Freunde, sagte sie durch den Zigarettendunst.

Danke.

Allein sein ist gar nicht mal so schlimm. Da gewöhnt man sich dran. Mein Leben fing eigentlich erst an, als mein Mann gestorben ist.

Aber du machst doch gar nichts, sagte ich.

Leben tu ich trotzdem.

Krystal warf ihre Zigarette im Flur auf den Boden. Was soll's, wir sind ja jetzt ein afrikanisches Haus, sagte sie.

Krystal?

So was soll ich nicht sagen?

Nein, sagte ich.

Tja, jedem steht wohl ein Dach über dem Kopf zu, erwiderte sie.

Sie holte eine Zigarette für sich und eine für mich aus der Schachtel und zündete beide an.

Wolltest du nicht wieder heiraten?, fragte ich.

Nein. Was, wenn der Neue was anderes hätte fernsehen wollen?

Ich nickte und tippte die Asche auf den Boden.

Aber wenn man wen sucht, findet einen schon jemand, sagte sie.

Da muss man nur das Universum fragen, was?

Nein, ein Mädchen musst du fragen.

Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte heute zur Buch-Launch-Party in Neukölln kommen. Weitere Informationen gibt es auf hier. 
Strange Love - Oder: Wie ich lernte, die Deutschen zu lieben erscheint heute im Ullstein Verlag und ist hier erhältlich.

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Credits


Text: Zsuzsanna Toth