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die beziehung, in der aus der frau der mann und aus dem mann die frau wurde

Das Trans-Paar Rhys Ernst und Zackary Drucker haben sechs Jahre lang jeden Aspekt ihrer Beziehung festgehalten und den Prozess dokumentiert, wie sie ihre Geschlechter angleichen. Wir haben die beiden zum Interview getroffen und blicken in ihr ganz...

von Lula Ososki
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22 Juli 2016, 10:40am

In der heutigen Welt, in der jeder Aspekt unserer Leben sofort öffentlich dokumentiert wird, ist das Projekt Relationship (Prestel, 2016) eine willkommene Abwechslung.

Nachdem sie sich 2008 kennengelernt hatten—damals war noch MySpace angesagt—, haben Rhys Ernst und Zackary Drucker jeden Aspekt ihrer Beziehung festgehalten, von Urlauben über Wochenenden im Bett bis zu ihren jeweiligen Geschlechtsangleichungen an das andere Geschlecht. Weil sie anfangs gar nicht die Absicht hatten, die Bilder mit irgendjemandem zu teilen, ist daraus etwas Ehrliches, Intimes und kulturell Einflussreiches entstanden. 2014 wurden die Fotos auf der Whitney Biennale gezeigt. Jetzt sind sie bei Prestel in Buchform erschienen.

Zwar sind die Fotos in der Zeit vor Social Media entstanden, trotzdem fühlen sie sich so zeitgemäß an: ein Fotoalbum aus der Gegenwart, in der das Geschlecht keine Bedeutung mehr hat und die Geschlechtsangleichungen Alltag in einer Beziehung sind. Relationship vereinigte das Beste aus der Vergangenheit mit der Zukunft, während es unglaublich stark in der Gegenwart verankert. Dank der sichtbaren Zunahme von Transgender in den Medien, wird immer offener über Trans gesprochen. Trotzdem befinden wir uns erst am Anfang einer vollständigen Akzeptanz durch die Gesellschaft. In dem neuen Buch von Zackary und Rhys ist das Angleichen des Geschlechts die Norm. Dass es ein prominentes Trans-Paar gibt, kann nur gut für die Stärkung von Trans-Rechten sein und dafür sorgen, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Wir haben beide zum Interview getroffen und mit ihnen über das neue Buch, Hollywood, Liebe und die Zukunft von Beziehungen gesprochen.

Die Fotos sind so privat. Ist es euch schwergefallen, sie in Buchform herauszubringen?
Zackary: Ja, das war schwer. Im Laufe einer Beziehung gibt es natürlich unangenehme und weniger schöne Momente. Wir beide finden, dass dieses Projekt über uns als Individuen hinausgeht. Das Buch ist in Wahrheit ein Buch über Liebe. Genauer gesagt über Transgender, die lieben, die geliebt werden und die sich gegenseitig lieben. Das Projekt ist mehr ein Teil der Transgender-Bewegung, als das es von unserem Privatleben handelt.
Rhys: Wir waren einfach der Meinung, dass sich dieses Projekt sehr gut als Buch eignen würde. Ein intimerer Blick schien dem Thema angemessener. Doch wir sind nicht mehr zusammen. Unsere gemeinsame Geschichte noch einmal zu durchleben und mit anderen zu teilen, fühlt sich deswegen schon etwas komisch an. Ich hoffe, dass das Buch einen Beitrag zur Transgender-Bewegung beisteuern kann, egal wie klein er auch ist.
Zackary: Es gibt diesen alten Feministenslogan: „Das Private ist politisch". Das trifft das Projekt ganz gut. Es ist so privat, dass es eine politische Bedeutung hat.

Gibt es Fotos oder Momente, die für euch eine besondere Bedeutung haben?
Zackary:
Dieses Buch führt Rhys und mich zurück in eine sehr besondere Zeit. Das war die Zeit vor unseren Karrieren. Wir hatten viel Zeit für Kreatives. Ich hoffe, dass die Leser das sehen. Mit einigen Fotos verbinde ich viele Gefühle. Das sind aber nicht immer die, die am offensichtlichsten sind.
Rhys: Das war eben zufällig zu der Zeit der Geschlechtsangleichung. Wenn ich durch das Buch blättere, empfinde ich empfinde aber die gleichen Gefühle, als wenn ich Kindheitsfotos anschauen und sehen würde, wie aus dem Kind ein junger Mann wird, der eine Familie gründet und alt wird. Jede Person hat ein Geschlecht und eine Reihe von Ichs, die sich mit der Zeit verändern. Das Projekt hat für mich viel mehr damit zu tun, als dass es eine Art soziales Trans-Experiment ist, was ist es nicht. Eine Sache, die wir vermeiden wollten, war transplaining, einem Cis-Publikum Transgender-Themen auf überhebliche Art und Weise erklären, oder plakativ Transgender-Themen anbringen. Das sollte eher beiläufig geschehen.

Worin unterscheiden sich eure Angleichungen und wo gibt es Gemeinsamkeiten?
Zackary: Wenn man hormonell neu ausgerichtet wird, verändert das nicht nur dein Inneres, sondern die Wahrnehmung deiner Umwelt ändert sich auch. Es dauert eine Weile, bis diese beiden Sphären wieder kohärent sind. Dann machst du dir Gedanken darüber, dass du als Transgender in der Öffentlichkeit wahrgenommen wirst, irgendwann kommt dieser Punkt einfach. Aber wen interessiert wirklich die Meinung der anderen? Ich glaube, Trans-Frauen sind manchmal sichtbarer als Trans-Männer. Das liegt an den sekundären Geschlechtsmerkmalen durch das Testosteron. Zu den äußeren Hauptmerkmalen von Männern gehört der Bart. Bei Trans-Frauen ist das ein bisschen schwieriger. Es gibt große Unterschiede und wir haben von einander gelernt. Zu oft gibt es eine Trennung zwischen den Communitys von Trans-Männern und Trans-Frauen. Für mich ist unsere Beziehung eine Brücke in die jeweils andere Community.
Rhys: Es hat uns beiden viel geholfen, dass wir über unsere Ideen von Gender und Queer-Sein gesprochen haben, anstatt die Angleichung als gradlinige Entwicklung von A nach B zu betrachten. Weil wir uns dem Thema Gender aus mehreren Perspektiven nähern konnten und gegenseitig von unseren Erfahrungen lernen konnten, wurde daraus etwas Komplexes das keine Vereinfachungen zulässt.

Das ist nicht schwarz und weiß oder das eine und das andere.
Rhys: Ganz sicher nicht. Auch nach der Angleichung denke ich noch viel darüber nach, wie Frauenfeindlichkeit und das Patriarchat sowohl Trans-Frauen wie Trans-Männer negativ beeinflusst. Trans-Männer werden oft Opfer von Sexismus. Man kann es nicht so einfach machen und sagen: „Männer sind so und Frauen sind so". Ich glaube, wir stehen noch ganz am Anfang davon, das Thema Gender viel weiter zu fassen. Keiner hat nur ein Geschlecht oder nur eine Gender-Erfahrung. Das Thema ist viel komplizierter, als dass es nur um den Übergang von einem Zustand in einen nächsten geht.

Wie werden Beziehungen in dreißig Jahren aussehen?
Zackary: Was die Statistiken angeht, so werden sie sich verändern wie unsere Gewohnheiten und Lebensweise. Wir werden autonomer leben und mehr schnelle Nummern schieben. Die Anzahl der Ehen wird höher sein, aber die Ehen werden kürzer dauern. Sie werden virtuell sein, jenseits unserer Körper existieren. Wir werden in der Lage sein, das Bewusstsein einer Person herunterzuladen und damit eine Beziehung einzugehen, auch nachdem der Körper aufgehört hat zu existieren. Beziehungen werden sich fundamental von denen heutzutage unterscheiden. Relationship würde in 30 Jahren ganz anders aussehen. Gender steht immer ganz oben auf der Liste, wenn wir mit Leuten über unsere Arbeit diskutieren. Dabei gibt es so viele Themen, über die nicht gesprochen wird, weil das Thema Gender gerade aktuell ist. Das Publikum findet darüber einen Zugang und es ist eine Sache, die die Leute interessiert. In fünf oder zehn Jahren werden wir womöglich über ganz andere Themen sprechen.
Rhys: Ich hoffe, dass junge Transgender von ihren Familien und ihren Communitys stärker unterstützt und akzeptiert werden. Dass nicht alle das Gefühl haben, extrem normal werden zu müssen. Dass Transgender und queere Leute sich ihre Eigenarten bewahren und sichtbar bleiben. Die Kultur der Schwulen zum Beispiel: Die Akzeptanz von Schwulen ist gestiegen und die Szene ist homogener geworden. Mich freut es immer, wenn ein Schwuler eine Lesbe datet. Das ist es mal etwas anderes. Sie lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Ich hoffe, dass die zukünftige Beziehungen queerer und keine Wiederholung des Immergleichen sind.  

Die Repräsentation der Trans-Community verbessert sich, auch dank Serien wie Transparent. Was muss sich eurer Meinung noch ändern, um die bestehenden Geschlechtergrenzen vollends einzureißen?
Zackary: Wir brauchen mehr Vielfalt und Stimmen von Transgender selbst. In Hollywood arbeiten immer noch mehr Männer als Frauen, von Transgender, queeren Leuten und People of Color gar nicht erst zu sprechen. Ich glaube, dass wir in diesem neuen Zeitalter die Vielfalt feiern werden, die wir in unserer Jugend in den 90ern vermisst haben. Dass Transgender mehr Inhalte kreieren werden, wird auch für einen großen Unterschied sorgen. Über uns wird geredet—statt mit uns.
Rhys: Viele fixieren sich zu sehr aufs Casting, als ob es das einzige Gebiet ist, das wichtig für eine bessere Trans-Repräsentation ist. Für mich ist das ein sehr eingeschränkte Sichtweise. Wahrer Fortschritt ist doch, wenn alle möglichen Leute als Autoren, Showrunner, Produzenten oder Regisseure arbeiten können. Das sind die Veränderungen, die wir brauchen. Ein Beispiel dafür ist Transparent. Da passiert so viel hinter den Kulissen und Transgender sitzen in großer Zahl auf wichtigen Positionen.

Was bedeutet wahre Liebe für euch?
Zackary: Ich glaube, wahre Liebe ist Selbstliebe. Das habe ich von RuPaul gelernt, die am Ende ihrer Sendung gesagt hat: „Wenn du nicht selbst lieben kannst, wer zur Hölle soll dich dann lieben?". Darüber denke ich immer noch nach.
Rhys: Das kann ich unterschreiben. Ich würde noch Akzeptanz, Selbstakzeptanz und andere für das akzeptieren, was sie sind, ergänzen.

Relationship ist bei Prestel erschienen und hier erhältlich. 

Credits


Text: Lula Ososki
Alle Fotos: © 2016 Zackary Drucker & Rhys Ernst